Rezension Roman: Die Fälschung, von Nicolas Born (1979) – 6 Sterne – mit Video & Pressestimmen

Die Journalisten Laschen und Hoffmann reisen 1975 ins vom Krieg zerrissene Beirut. Sie sehen Schreckliches, Laschen hat nebenher eine diffuse Affäre. Der Roman wurde 1981 mit Bruno Ganz verfilmt, Regie Volker Schlöndorff.

Die Erlebnisse sind extrem, doch an diesem Roman fallen vor allem der distanzierte Ton und Laschens Mentalität auf. Nicolas Born (1937 – 1979) schreibt aus der Sicht des grüblerischen, antriebslosen Laschen, der gewiss nicht zufällig so heißt (er taucht schon in früheren Born-Texten auf). Nur einmal bei Erschießungen zeigt Laschen vorübergehend Aufwühlung, später bekommt auch eine Frau Bedeutung, sonst aber gleitet das Außen wie hinter Gorillaglas an Laschen vorbei.

Krieg ohne Drama:

Granaten, Maschinengewehre dröhnen in der Nachbarschaft das ganze Buch über. Doch Gefahren verstören Laschen nicht. Er betrügt seine Frau, die ihn auch betrügt, mit Hoffmanns Frau in Deutschland und mit einer Deutschen in Beirut. Aber Born schildert das Grau in Grau, leblos, eine spröde Atmosphäre wie in Haushofers Roman Die Wand oder wie in Romanen von Lukas Bärfuss (der 2015 den Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen erhielt). Die Handlung in Die Fälschung könnte sich immer wieder zu großem Drama entwickeln, doch sie tut es nie.

Etwas angewidert bewundert Laschen den vitaleren Hoffmann, der gewiss auch nicht zufällig so heißt. Hoffmann sucht in Beirut entschlossen Fotomotive und Bardamen auf, hofft bei Leichenbildern gleich auf Doppelseiter. Laschen dagegen wird immer lascher und versponnener – seine gedehnten Gedankenströme wirken unangenehm, wecken Abneigung, klingen nach Mannswurst.

Kalter Ton:

Ein freudloses, kaltes Buch, das genau durch diesen Ton auch fasziniert, aber nicht fesselt. Es gibt keine Dialoge, nur indirekte Rede und lange Monologe, die wie indirekte Rede klingen. Die Sprache ist kalt, reduziert, dabei wohlgemerkt nicht schlecht oder lieblos, und es gibt keine Tipp- oder Trennfehler in meiner rororo-Ausgabe.

Libanesen spielen nur kleine Rollen, wie Requisiten. Die Beschreibungen wirken detailliert, authentisch. Feine Beobachtungen.

Rezensionen:

Reinhard Baumgart im Spiegel:

Mit solchen Stoffreizen mögen Hammett oder Hemingway, Greene oder Ambier arbeiten, die sogenannte ernste deutsche Literatur heute kennt sie nicht.

New York Times, Ernst Pawel:

Nicolas Born’s complex, brilliant and brilliantly flawed novel, “The Deception.“… like both his earlier novels, essentially a story of troubled souls and tangled relationships within a topical setting… It is clearly a poet’s book, a mosaic of scintillating fragments whose total design adds up to much less than the sum of its parts… he has a way of putting the stench of carrion, the look in a dead man’s eyes or the swagger of sadistic butchers into prose of stunning power. His vignettes and visions of Beirut at war with itself outline the topography of hell with masterful precision… The writing, in fact, is so good – and so expertly translated – that it almost succeeds in forging the parts into a coherent whole. But Born’s insights were simply not up to his perceptions, nor did his talents as a storyteller match the spellbinding quality of his prose. As a result, the setting of this tale is far more absorbing than its self-absorbed hero and his dubious victory

New York Times, Anatole Broyard:

…we find that love and marriage also consist of a series of attacks, retreats, stalemates, treaties, betrayals, ceasefires and dead bodies… Mr. Born has a remarkable style. In this passage, as Laschen listens to the radio, the sentence rhythms are a perfect expression of his exasperated nervousness: “Rapid pizzicato entrances, long sweeping phrases, a never-ending tremolo, unending music, continuous, ever the same ever-present sounds twisting and turning and never ending; threads spinning on and on, strings stretched over bodies and around bodies, over elbows, eyeballs, heads.“

Deutschlandradio Kultur (zum Hörbuch):

Nicolas Borns Roman liest sich wie eine Adaption von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“

Axel Kahrs:

Es war ein scharfer Disput über journalistische Verantwortlichkeit mit dem Stern-Reporter Kai Hermann, seinem wendländischen Nachbarn, der Born den Libanon-Krieg als Folie seiner Geschichte um den Reporter Georg Laschen wählen ließ… Herausgekommen ist ein Roman, der in seiner Weigerung, das Leid zu akzeptieren und darstellbar, also verfügbar, zu machen, zutiefst human ist. Das Buch ist geprägt von stilistischer Sorgfalt und sprachlich federnder Eleganz. Man möchte ganze Sätze, ja Passagen anstreichen, ein Ausrufezeichen an den Rand setzen, und spürt doch, dass es dem Autor nicht um Merksätze oder Belehrungen geht. Die Leser haben die Wucht der „Fälschung“ gespürt, das Feuilleton reagierte begeistert… Vor diesem letzten Roman treten die anderen Prosawerke Borns ein wenig zurück.


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