Rezension Roman: Bleibtreu, von Martina Zöllner (2003) –7 Sterne – mit Pressestimmen


Alleinstehende Mittdreißigerin liebt Philosophen – nämlich Christian Bleibtreu, Mittfünfziger, der sie auch liebt und in Hotelzimmern trifft, aber zuhause weiterhin das Schlafzimmer mit seiner langjährigen Ehefrau teilt, platonisch. Die Mittdreißigerin durchleidet und beschreibt eine Psycho- und Selbstwertkrise nach der anderen. Dazwischen erzählt sie Geschichten von Bekannten, die ebenfalls Geliebte verheirateter Männer sind oder waren, sogar ehebrechende Stadtteilpfarrer, zwei amourös stolpernde Psychoanalytiker und noch einen eigenen verheirateten Lover bietet sie auf. Nach einem Bruch in der Buchmitte haben mehrere Akteure plötzlich gleich zwei Lover.

Das ist oft ein seitenlang absatzloser Laber-Tsunami, garniert mit viel Sorge um Aussehen und Beobachtet-Werden, und das Schmachten der weiblichen Hauptfigur und ihrer Leidensgenossinnen nach respekteinflößenden, aber klar unqualifizierten Männern irritiert ebenso wie die Inkaufnahme schlimmster Demütigungen und kindisch-krankhafter Eifersucht. Stimmungen und Personal erinnern deutlich an Martina Zöllners zweiten Roman Hundert Frauen (2009), auch bestimmte Themen und Milieus wie Redaktionsalltag, tantenreiche Familien, höflich verliebte Staatssekretäre, schmähliche Perma-Kinderlosigkeit; doch hier im Erstling agieren alle überspannter.

Im Roman passiert nicht viel: Zöllner reiht lediglich immer neue Szenen von Heimlichtuerei und Eifersucht aneinander, garniert mit Rückblenden und Erzählungen von Tanten und Bekannten. Eine wichtige Wende gibt es doch etwa zur Buchmitte; sie wird aber erst aus der Rückschau erzählt, seltsam unbeteiligt, nachdem alles vorher so ein Drama war.

Trotz Handlungsarmut und absurdem Personal: Ich fand das Buch spannend. Vielleicht aus Voyeurismus. Mit Sprache kann Zöllner jedenfalls einigermaßen umgehen.

Einen Roman über untreue Ehemänner und dessen Titelfigur Bleibtreu zu nennen, ist abgeschmackt. Es erinnert an Hera Linds gut gekämmten Herrn Wohlscheitel. Eine Zöllner-Figur selbst nennt im Roman Hera Lind eine abgeschmackte Schreiberin.

Gelegentlich dachte ich an einen besseren Roman über untreue deutsche Herren, Martin Walsers Ehen in Philippsburg; angeblich beschreibt Zöllner in Bleibtreu eine Affäre mit Walser. Außerdem fühlte ich mich an eine Provinzausgabe von Sex and the City erinnert – die City heißt hier Stuttgart, Speyer oder München-Harlaching. Die Kombination aus älterem selbstironischem Herrn und jüngerer Geliebter erinnert auch an mehrere Kurzgeschichten von David Gates in A Hand Reached Out to Guide Me.

Kritiken:

Deutschlandfunk:

Es ist die Stärke von „Bleibtreu“, dass der Roman die grausamen Mechanismen einer Geliebten-Haltung vorführt, wie sie manche Männer offenbar routiniert ausüben. Martina Zöllner bringt das bissig auf den Punkt und beschreibt zugleich einfühlsam die Leiden der einsam Wartenden. Wo es jedoch darum geht, eine Sprache für die Leidenschaft zu finden, wird die Autorin beinahe so unbeholfen wie ihre Heldin, da hilft auch die Ironie nicht weiter. Darum lässt sich schwer nachvollziehen, was Herrn Bleibtreu für die 25 Jahre jüngere Frau so anziehend macht.

Cicero:

Sie hat im Jahr 2003 die Bekenntnisse eines Kultur-Dienstmädchens vorgelegt, das von der Herrschaft ins Bett vorgelassen wurde.

Kölner Stadtanzeiger:

Das ist der Roman einer unmöglichen und einer aufreibenden Liebe. Martina Zöllner erzählt ihn mit einer Schonungslosigkeit, die wohl keinen Leser unberührt lassen kann – und sei es auch nur, dass der Leser den Kopf schüttelt über die verquere Beziehung… schonungslos bis zur völligen Entblößung


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