Rezension Reisenotizen: In Search of a Character, von Graham Greene (1961) – 6 Sterne – mit Pressestimmen

Die luftig bedruckte 106-Seiten-Fibel enthält zwei Tagebücher Graham Greenes aus Belgisch-Kongo 1959 (heute Demokratische Republik Kongo) und von einer Schiffsreise nach Sierra Leone 1941. Bei der Kongo-Reise sammelt Greene gezielt Material für den geplanten Roman Ein ausgebrannter Fall/A Burnt-out Case.

Die knappen Notizen waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Graham Greene stimmte der Buchform allerdings zu, lieferte ein kurzes, distanziertes Vorwort und einige Fußnoten zum Text selbst. Ein gelehrtes Nachwort von einem Greeneologen fehlt in meiner Penguin-Ausgabe, nicht einmal Paul Theroux durfte ran.

Das schmächtige Bändchen verschafft ein paar interessante Einblicke. Im etwas längeren Kongo-Teil redet Greene  (1904 –1991) auch über seine Recherchen und Gedanken bei der Romankonstruktion. Er erwähnt immer wieder seine Reiselektüre, u.a. Agatha Christie und Rilke, aber auch viele völlig unbekannte Namen, teils mit kurzen Einstufungen. Greenes Anmerkungen sind insgesamt unsystematisch und manchmal vage, teils schreibt er keine vollständigen Sätze. Es überrascht fast, dass der Perfektionist die Veröffentlichung erlaubte.

Per Fußnote korrigiert Greene im Kongo-Teil eigene Fehler zum Beispiel bei medizinischen Informationen und weist auf notierte, aber verworfene Ideen für seinen Roman hin. Im Kongo lebt Greene vor allem in einer Lepra-Kolonie und erinnert auch an die frühere Afrika-Reisende Mary Kingsley. Mindestens zweimal schildert er ergriffen den romantischen Sonnenuntergang am Fluss – gibt es solche Szenen in seinen Romanen? Die Atmosphäre einer kirchlich geführten Leprastation am Äquator wird trotz des subjektiven, nicht auf Verständlichkeit angelegten Texts lebendig. Der nachdenkliche, uneitle Ton sprach micht an. Im dritten Teil seiner Greene-Biografie zitiert Norman Sherry ausführlich aus Greenes Kongo-Tagebuch, man kann es sich also auch via Sherry zu Gemüt führen.

Nur knapp 30 locker bedruckte Seiten umfassen Greenes Notizen bei einer Schiffsreise 1941 von England nach Sierra Leone. Die Reisenden befürchten ständig Angriffe von deutschen U-Booten, Kriegsschiffen oder Flugzeugen, einige hatten bereits früher Angriffe überlebt. Auch Greene muss immer wieder Wache halten. Zudem soll Sprengstoff an Bord lagern.

Der Ton ist hier deutlich angespannter. Greene schreibt unterwegs an einem Auftragsmanuskript über englische Dramatiker und denkt über eigene Romane nicht nach. Er ist anders als im Kongo nicht auf Recherche. Greene schildert unterhaltsam skurrile Figuren und Feiern an Bord, die sich viel später fast 1:1 in seinem Roman Die Stunde der Komödianten/The Comedians (1966) wiederfinden. (Nach der Rückkehr von dieser Sierra Leone-Reise siedelte Greene den Roman Das Herz aller Dinge/The Heart of the Matter in Sierra Leone an, doch Spuren von diesem Roman gibt es im Tagebuch kaum.)

Mehrfach erwähnt Greene im Kongo-Teil seine Kamera, aber wir sehen keine Bilder. Als Gedächtnisstütze für den Romancier war die Kamera sicher wertvoll – einmal sagt er auch, dass sie klemmte. Ich erinnere mich nicht, dass die Greene-Biografen Michael Shelden und Norman Sherry jemals von Greenes Fotografie redeten. (In Bernard Diederichs Erinnerungen an Greene, Seeds of Fiction, gibt es mehrere Bilder von Greene mit Kamera und darunter den Hinweis, „he was never at home with mechanical items“. Auf Seite 58 heißt es dort:

„Graham focused his little Minox camera and snapped the view… It was the only time during all the years i knew him that his camera worked on the first try.“

Dem folgen weitere Hinweise auf Greenes Kamerablockaden.)

Wer sich für Afrika, für Graham Greene und speziell für den Roman Ein ausgebrannter Fall interessiert, findet ein paar interessante Einblicke – kann aber auch Teil III von Norman Sherrys allzu ausführlicher Greeneografie lesen. Greenes bekanntere Romane sind besser als diese Tagebücher.

Pressestimmen:

New York Times:

… two laconic African journals… a short, searching and revealing book… few written things catch the public eye more cheerfully than the announcement that the author never dreamed of putting them into public print. Ah, we say, now we’ll penetrate privacy and, with good luck, mystery… Mr. Greene is a good craftsman no matter what he is haring and hounding, he does not let us down…

Kirkus Review:

…the later journal ((über den Kongo)) is far more interesting… While much of the journal deals with the medical data he needed to authenticate the book he was to write, there is a good deal of peripheral material of general interest… Greene himself, depressed, discouraged, occasions some of the more meditative insights here… All in all, it is expectedly fragmentary and unexpectedly revealing, and of primary concern to those who are more seriously interested in Greene- the writer


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