Rezension Reisebericht: Butter Chicken in Ludhiana – Travels in Small Town India, von Pankaj Mishra (1995) – 5 Sterne

1995 reist Pankaj Mishra einen Winter lang durch kleinere, oft weniger bekannte indische Städte vor allem in Rajasthan, Uttar Pradesh, Bihar, West-Bengal und den drei südlichsten indischen Staaten. Zu der Zeit war Mishra (*1969) Student in Indien; er hatte noch nicht im Westen gelebt, aber Unmengen hoher westlicher Literatur verschlungen.

Fazit:

Mishra bringt zeitweise feine Beobachtungen und pointierte Dialoge, ist meist flüssig lesbar. Er spekuliert jedoch auch zeilenlang, statt Tatsachen niederzuschreiben. Unsympathische und eitle Figuren schildert er zu ausführlich, um sie bloßzustellen.

Immer wieder beklagt Mishra Dreck, Lärm und Egoismus in Nordindien und speziell in seinen Herbergen. Auf allgemeine Regionalkunde verzichtet Mishra weitgehend: Man erfährt wenig von den Besonderheiten der Orte, über Geschichte oder Wirtschaft (außer in Bangalore, Murshidabad und Jehanabad), aber viel über Dreck und Zufallsbekanntschaften.

Bekannte Inder sind Mangelware im Text, mit Ausnahme von Mary Roy, Frauenrechtlerin und Mutter von Arundhati Roy und Kannada-Autor U.R. Anantha Murthy. Insgesamt klingt Mishra zwar leicht lesbar, aber auch wie ein eingebildetes Studentenbürschchen; er mag seinen eigenen Tonfall selbst nicht mehr, s.u.

Einen roten Faden, durchgehenden Stil oder übergeordnete Erkenntnisse gibt es nicht. Viele Kritiker erkennen ein Portrait der neuen indischen Mittelklasse seit der Liberalisierung Anfang der Neunziger.

Mishras Stationen:

Aus den Überschriften gehen Mishras Ziele nicht hervor, und Stichwortverzeichnis, Landkarte oder Fotos gibt es auch nicht. Darum hier Mishras Orte:

  • Muzaffarnagar, Uttar Pradesh
  • Mandi, Himachal Pradesh
  • Delhi Busbahnhof
  • Jaipur, Rajasthan
  • Pushkar, Ajmer (RJ)
  • Ghanerao (RJ)
  • Bundi (RJ)
  • Hapur (UP)
  • Zug- und Flugreise Delhi – Bangalore
  • Bangalore, Karnataka
  • Tiruppur, Tamil Nadu
  • Trichur, Kerala
  • Kottayam, (KL)
  • Kovalam (KL)
  • Kanyakumari (TN)
  • Shimoga (KN)
  • Zugreise Madras – Benares (seine Bezeichnungen)
  • Benares (UP) (seine Bezeichnung)
  • Kalkutta (West-Bengal, nur Erwähnung)
  • Murshidabad (WB)
  • Malda (WB)
  • Gaya (Bihar)
  • Jehanabad (BR)

Ludhiana (Punjab) besuchte Mishra wohlgemerkt nicht, der Ort erscheint nur gesprächsweise.

Spekulationen:

In Pushkar trifft Mishra einen unsympathischen Hotelier und imaginiert maliziös den vorteilhaften Eintrag, den der Wirt im Lonely-Planet-Reiseführer haben könnte; ob und wie der Mann tatsächlich im LP erscheint, darüber verliert Mishra kein Wort. Das selbstverliebte Geschwafel eines anderen Herbergsleiters zitiert Mishra übellaunig seitenlang, aber diese Aufmerksamkeit hat weder der Hotelier noch der Leser verdient.

Hört Mishra nebenbei andere über Banales reden, wird er verächtlich:

„The conserversation degenerated into an inane exchange of geographical information.“

Banale Sprüche:

Mishra zitiert ausgiebig und böswillig banale Sprüche seiner Zufallsbekannten. Nur selten gibt er interessantere Gesprächspartner wider, so Mary Roy in Kottayam, Akademiker in Shimoga, Politiker in Jehanabad.

In seiner durchgehenden Verachtung ebenso wie in seiner Vorliebe für unfundierte Vermutungen über Personen erinnert Mishra deutlich an die Reiseberichte von Paul Theroux, momentweise auch V.S. Naipaul.

Dreck, Materialismus, Betrug:

Nordindien ist bei Mishra zutreffend voller Dreck, Materialismus, Brachial-Egoismus, Lärm, Betrug, Gewalt. Er liefert harsche Urteile, die man jedoch aus indischer Quelle gern liest, zum Beispiel über eins der drei meistbesuchten Touristenziele Indiens:

„Jaipur was now only a larger version of the slummy little towns littered across the map of India.“

Unentwegt klagt Mishra in Nordindien über dreckige Zimmer, unpünktliche Busse, faules  Personal, verkommene öffentliche Flächen. Es tut gut, diese Beschwerden von einem Inder zu hören:

„The broken road, the wandering cows, the open gutter, the low ramshackle shops, the ground littered with garbage, the pressing crowd, the dust – this was the real India, poor, filthy, backward.“

Selbsterfüllende Erwartung:

Freilich fragt man sich, warum er die Litanei so oft wiederholt und was er erwartet. Mishra betont selbst, dass er mit niedrigstem Budget reist – warum moniert er also Staubflocken und eklige Badezimmer?

Über das verrufene Bihar urteilt Mishra gleich nach der Ankunft: „Exceeding all my dread-laden expectations“. Doch für das biharische Elend produziert Mishra nur wenige Belege, meist bezogen auf seine billige Bahnhofsherberge, und so hält er seine Beschwerden selbst für „minor things, admittedly“.

Ich persönlich schreibe keine Reisegeschichten über Indien mehr – sie würden viele Klagen eines Touristen enthalten, wenn auch verpackt in amüsante oder skurille Details, aber doch letztlich Klagen eines Touristen, und das liest sich ungut.

Die heilige Stadt Benares/Varanasi schildert Mishra als steinzeitliche Hölle mit frauenverachtenden Sitten. Anders als sonst stützt er sich hier nur auf Berichte und Verallgemeinerungen anderer, schreibt keine eigenen Beobachtungen (in Benares spielt auch sein nächstes Buch, der Roman The Romantics von 1999).

Thomas Mann und südindischer Kaffee:

In Südindien lamentiert Mishra deutlich weniger als im Norden, nur Kanyakumari ist ihm wieder viel zu verdreckt. In Trichur wird die Zufallsbegegnung mit einem literarisch interessierten Pharma-Vertreter zum späten Highlight der Reise:

„This was what perhaps i had long wanted to do – discuss Thomas Mann on a raining morning in Kerala over genuine South Indian coffee and i was happier than at any other time on my travels so far.“

Und erst im Nachwort redet Mishra noch einmal von „happiness“: bei der Erinnung ans Niederschreiben des Buches in einem Zimmer mit schöner Aussicht. Damit ist Mishra wohl nicht der ideal veranlagte Indien-Reiseautor.

„Sardonic young author“:

Mishra verwendet einen reichen, mitunter leicht altmodischen Vokabelschatz. Er ist meist flüssig lesbar. Dennoch klingen einige Sätze etwas verkompliziert und besserwisserisch; dazu kommt die unsympathische Tendenz, Gesprächspartner mit banalen Alltagszitaten bloßzustellen.

Sogar Mishra selbst schreibt im Nachwort von 2006, dass er im Erstlingswerk „Butter Chicken“, als 25jähriger, seine eigene Stimme noch nicht gefunden habe:

„I always felt slightly embarrassed by the book… Butter Chicken reminded me too much of my younger, callow, unresolved self… I still don’t care much for its sardonic young author.“

Nebenbei kann man Hindi lernen, einschließlich Gossensprache, denn Dialoge mit Nordindern erscheinen meist in Englisch sowie in transkribiertem Hindi.

Kritiker:

HansBlog.de:

Mishra bringt zeitweise feine Beobachtungen und pointierte Dialoge, ist meist flüssig lesbar. Er spekuliert jedoch auch zeilenlang, statt Tatsachen niederzuschreiben. Unsympathische oder eitle Figuren schildert er zu ausführlich, um sie bloßzustellen. Immer wieder beklagt Mishra Dreck, Lärm und Egoismus in Nordindien und speziell in seinen Herbergen… Insgesamt klingt Mishra zwar leicht lesbar, aber auch wie ein eingebildetes Studentenbürschchen

The Complete Review:

Entertaining look at modern India, though somewhat lacking in focus… Not quite as sharp a wit as Paul Theroux, nor as ponderous as V.S.Naipaul, this is still both a funny and thoughtful read.“

Ian Buruma:

„One of the most disturbing and entertaining descriptions of the upwardly mobile classes in provincial India.“

The Middle Stage (Blog):

„But for all that it is a serious work, Butter Chicken in Ludhiana is a very funny book: Mishra can be both appalled and amused by what he sees and hears, and the characteristic confusion and comedy of Indian life leaps off these pages… Elsewhere it is puzzlement building into incredulity.“

Excursions Of A Bibliophile (Blog):

„It is nothing profound or significant except that it illustrates brilliantly a… change that is sweeping the small towns of India — an aggressive aspiration for modernity. It is these changes that Mishra captures and portrays quite alluringly… Mishra has come to represent a narrative style that is easy, engaging and absorbing. One cannot but notice that the edifice of easy insouciance one finds in Mishra’s narrative style is built on the foundations of hardwork and effort in building a purposeful learning, awareness and scholarship.“

The Independent:

„Captured brilliantly the shoddiness and shabbiness of middle-class, middle-town India… I was greatly impressed by his descriptive powers and his ability to excavate the commonplace to expose the pretensions of upwardly mobile Indians.“

Hirealworld.com:

„The people he describes are not unusual or quirky. They are just everyday people… He always complains the food being “too greasy and overcooked”. Is this something that comes as a surprise? Most of India, wherever you go, the food is greasy and overcooked…. Most of the times he describes the hotel rooms that he stayed in. And it is all the same. Poorly made bed, unclean toilets, small cramped rooms… His seeming desire to seek out the worst in his fellow-Indians is in full display and he rarely sees beyond the grime and dust immediately surrounding him.“

QuikContent.com:

„Mishra often sounds like a nostalgic old man recalling the good old days comparing them to the fast transforming modern society.“


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