Rezension: Philippinen. Unterwegs im Land der 7000 Inseln, von Thilo Thielke (2011) – 7 Sterne

Journalist Thilo Thielke (sic) plaudert locker-flockig dahin, füttert sein joviales Parlando in den ersten zwei Teilen mit vielen interessanten Fakten und Begegnungen. Erschienen ist das Buch 2011, Thielke meldet gerade noch den Amtsantritt von Präsident Benigno „Noynoy“ Aquino III. Ich hatte die „2. Auflage 2015“, die offenbar auf dem Stand von 2011 blieb.

Dies ist kein Reisebericht, es gibt keine Empfehlungen, außer Boracay keine Traumziele. Thielke liefert Portraits, Politik, Geschichte und Soziales in klar abgegrenzten Teilen:

  • zu Anfang die Philippinen heute (2011) in kleinen, heterogen gemixten Vignetten (etwa 35 Seiten)
  • geschichtlicher Abriss der letzten 250.000 Jahre (etwa 55 Seiten)
  • aktuelle Reportagen von etwa 2010 (etwa 78 Seiten)
  • 16 Bildseiten auf Fotodruckpapier mit sehr nüchternen, nicht verklärenden Aufnahmen
  • Anhang mit Glossar, Web- und Literaturtipps (neun Seiten), dazu eine zweiseitige farbige Philippinen-Landkarte auf den inneren Umschlagseiten (allerdings vermisst man bei Thielkes weiträumigen Erklärungen öfter eine Karte von ganz Südostasien, es gibt nur Skizzen historischer Reiserouten)

Locker vom Hocker:

Spiegel-Mann Thielke schreibt lässig vom Hocker und müht sich auch im historischen Teil immer um lebendige Reportage-Elemente. Thielke textet aber nicht so glatt wie sein Magazin und klingt deutlich hemdsärmeliger, manchmal aufdringlich salopp. „Allerweltsweisheiten“ moniert der Autor bei anderen (S. 37), und er produziert wiederholt eigene, wie auf S. 23:

Aber auch da lauern noch genug Fallstricke, so eine Landreform ist keine unkomplizierte Angelegenheit.

Im historischen Teil schildert Thielke die Ausbreitung des Islam in Indonesien, den portugiesischen Weg nach Indien und Magellans Biografie weit zu ausführlich; so bleiben nicht genug Seiten für die Rollen der Spanier, US-Amerikaner und Japaner auf den Philippinen. Er lässt keine Gelegenheit zu Spott über die Kirche aus und bewirbt nebenbei die Autoren Stefan Zweig, Alex Garland und James Hamilton-Paterson.

Heterogen:

Der Reportage-Teil ab Seite 121 wirkt wiederum sehr heterogen, mit schnell wechselnden Themen, teils Erwartungen bedienend: Müllkippen-Slum, Imelda Marcos, Deutsche auf Boracay, Moslem-Rebellen, die Insel Mindoro, ein fahrendes Klassenzimmer, ein Boxstar. Die Themen werden kaum vertieft, nie in Beziehung zueinander gestellt.

Die Texte entstanden offenbar vor 2012. Manchmal fehlen bei diesen Reportagen klare Datumsangaben. Doch hier sieht man keinen Erscheinungstermin auf einem Magazintitel, und so bleiben Thielkes relative Zeitangaben unklar, etwa in „seit plötzlich die Reispreise explodierten“ oder „in jenem Sommer vor zehn Jahren“ (die entsprechenden Jahreszahlen folgen bei diesen Beispielen später im Text, manchmal aber auch gar nicht).

Mitunter kehren Zitate oder Fakten in verschiedenen Texten wieder. Umgekehrt mischt Thielke Themen sogar innerhalb eines kurzen Textes, etwa Slum und Reisforschung oder Ureinwohner und japanische Invasion auf Mindoro.

Mein Eindruck ist, dies sind 1:1 herüberkopierte Reportagetexte, jedoch ohne Schlusslektorat des Buchverlags, ohne Anpassung oder Aktualisierung für das Buch (und ohne Quellenangabe). Imelda Marcos fasziniert Thielke erkennbar, aber er stimmt seine zwei Texte über sie nicht aufeinander ab oder kombiniert sie zu einem längeren Portrait.


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