Rezension Mumbai-Roman: Shantaram, von Gregory David Roberts (2003) – 5 Sterne – mit Pressespiegel

Der Ich-Erzähler ist aus dem Gefängnis geflohen und landet mit falschem Pass im Mumbai der Achtziger Jahre. Dort trifft er viele skurrile Inder und Nicht-Inder, lebt im Slum, wird Mafiabaron, reist zu Pferd durch Afghanistan und Pakistan. Die Geschichte ist zum Teil wahr, aber viele authentisch klingende Passagen sind auch erfunden (mehr dazu in der englischen Wikipedia, s. Linkliste unten).

Shantaram wurde zum Bestseller. Meine englische Taschenbuchausgabe hat 933 mitteldicht bedruckte Seiten, wiegt 662 Gramm und ist 4,9 Zentimeter dick. Die deutsche Ausgabe hat offenbar insgesamt 1088 Seiten (ich kenne sie aber nicht und kann die Übersetzung nicht beurteilen). Eine Verfilmung des Bestsellers ist offenbar in Entwicklung, der Nachfolgeband zu Shantaram heißt Mountain Shadow.

Fazit:

Zunächst angenehme Unterhaltung und gelegentlich witzig, mit moderatem Indien-Flair in oft dubioser Gesellschaft am Rand der Gesellschaft und in der Unterwelt. Später mit dezidiert viel Sadismus. Zurück bleibt der Eindruck eines Wälzers mit viel Gewalt, Gesetzlosigkeit, Blutrache, Körperfunktionen und Männertümelei, wenig Frauen und Humor – den ich aber trotz aller Vorbehalte nicht so recht weglegen konnte.

Als Literatur nicht von Bedeutung. Weit besserer Indien-Lesestoff kommt von Aravind Adiga, V.S. Naipaul und William Dalrymple.

Was mir gefiel:

  • meist gefälliger, gut lesbarer Ton (außer in Gefühls- und Philosophiepassagen)
  • gelegentlich amüsantes Inder-Englisch zum Beispiel von Prabaker, das jedoch auf Dauer berechenbar wirkt (und mir auf meinen Indien-Reisen weder in Mumbai noch sonstwo in dieser Form begegnete)
  • wenig spirituelle oder religiösen Exegesen (aber viel larmoyante Selbstfindung; ein Moslem-Hindu-Streit wird väterlich gerecht geschlichtet, doch der seine Frau Maria schlagende Joseph (sic) kommt sehr schlecht weg)
  • teilweise interessante Einblicke in untouristische Regionen, Wahrheitsgehalt jedoch unklar
  • interessanter Dorfbesuch, die sechs Monate werden jedoch auf 20 Seiten viel zu kurz abgehandelt, die Arbeit in der Dorfschule gar nur mit einem Halbsatz
  • einige coole, trockene Sprüche vor allem der Figuren Karla und Didier, die jedoch in einem Meer von Weitschweifigkeiten drumherum untergehen

Was mir nicht so behagte:

  • kaum Humor, keine Lässigkeit, kein Charme (er nennt sich selbst auf Seite 661 „serious and dour“); stattdessen verschwitzte Männertümelei, Larmoyanz, Schmerzüberwindung und Blutrache (gleichwohl ein paar wenige humorvolle Momente)
  • wiederholt Altklugheiten, banale Weisheiten, hohle Verallgemeinerungen von Ich-Erzähler und anderen Akteuren
  • ohnehin das konstante Gefühl, dass man einem etwas schlichten Gemüt zuviel Aufmerksamkeit und Lebenszeit schenkt; dazu gehört auch
  • unterwürfig anbiedernde Beschreibung eindrucksvoller Führerpersönlichkeiten, etwa Slumkanzler Qasim Ali und Mafiapräside Abdel Khader Khan
  • übertriebene, aufdringliche Beschreibungen mit zu vielen Adjektiven, ohne dass es beeindruckt
  • teilweise oberlehrerhaftes Führen durch indische Besonderheiten, manchmal versteckt in penetrant didaktisch wertvolle Dialoge (es gibt auch einen historischen Abriss zum AK-47)
  • fast schon aggressives Wohlwollen gegenüber Indern und Indischem, immer wieder der Hinweis, wie gutherzig alle sind (aber pflichtschuldige Erwähnung von Sklavenmarkt etc.) (die meisten Europäer im Buch sind bizarr und undurchschaubar)
  • das Buch kommt nicht in die Gänge, es zerfällt in Episoden ohne starke durchgehende Handlung – eher Lebensbericht als Roman: bis ca. Seite 250 nur Alternativtourismus in Mumbai sowie Bekanntschaften im Touristen-Café Leopold, die sich nicht weiterentwickeln, auf dem Land (ab ca. S. 130) und im Slum (ab ca. Seite 160); Episoden-übergreifende Zusämmenhänge entstehen erst ab etwa Seite 770
  • der Ausflug in den Afghanistan-Russland-Krieg wird vor-alttestamentarisch prä-archäeologisch blutrünstig und rachelüstern
  • Kurzdramen halten zu regelmäßig Einzug – Feuersbrunst, Schwertattacke, Straßenräuber, Gefängnisausbruch, imaginierte Messerfechtereien mit zwei schönen Frauen an der anderen Hand, Gefängnisquälereien, Mord, Gefängnis-Sadismus, Schießerei; aber die Episoden haben keinen Zusammenhalt
  • der Ich-Erzähler umgibt sich fast nur mit Männern, oft Moslems aus dem Nahen oder Mittleren Osten; Frauen erhalten nur wenige, bizarre Nebenrollen, allein vier Europäerinnen sind dem Edelpuff der absurden Madame Zou verbunden
  • innerhalb der Kapitel bietet der Roman keine „Ruhepausen“: Absatz folgt nahtlos auf Absatz ohne je eine Leerzeile dazwischen, die eine Lesepause erleichtern könnte

Film-Assoziationen:

Wegen der Mischung aus Herz und wiederkehrender sadistischer Gewalt in Indien dachte ich an Filme wie Slumdog Millionaire (dessen Geschichte auf einem anderen Buch beruht) und an indische Gangsterfilme wie Company. Die Afghanistan-Strecke geht wohl in Richtung Kriegs-Horror, aber das kann ich nicht beurteilen.

Nie dachte ich bei Shantaram an heitere Bollywood-Komödien – auch wenn der Ich-Erzähler gelegentlich mit den Filmstudios zu tun hat (etwas Bollywood-Gefühl zwischen Buchdeckeln verschafft eher Chetan Bhagat).

Wie ich auf das Buch kam:

Ich saß im Flughafen von Trivandrum und wartete auf die IndiGo-Maschine nach Bombay. Die hatte zwei Stunden Verspätung, weil in Nordindien Nebel herrschte, wie immer im Winter. Um mich herum indische Familien, europäische Rucksacktouristen und Strandurlauber. Eine Europäerin las in einem dicken Buch und lachte immer wieder. Ich konnte den Buchtitel nicht erkennen und fragte sie, was sie da liest:

„Shantaram!“

Ich: „Oh, about India?“

„Yes, very funny!“

Ich hatte meine Zweifel, bei diesem Buchtitel:

„Is it esoteric or religious?“

„No, i wouldn’t say that!“

Im Handy habe ich das Buch sofort recherchiert und nach einigen Lese- und Kritikproben im Kalender vermerkt, dass ich mir zurück in Deutschland ein Exemplar besorgen muss. Ich hätte es auch in Bombay kaufen können, aber ich hatte schon zu viele Bücher im Gepäck, die ich in Jaipur gekauft und quer durch Indien geschleppt hatte. Weil ich in Deutschland nur gebrauchte Taschenbücher kaufe, hätte ich in einem indischen Buchladen auch kein Geld gespart, selbst wenn man die niedrigen indischen Taschenbuchpreise bedenkt.

Trotz meiner Vorrecherche war mir nicht klar, dass es sich um einen „internationalen Bestseller“ handelt, der zudem noch teils im Krieg spielt. Dann hätte ich die Lektüre vermutlich nicht begonnen, denn Krieg gefällt mir nie und Bestseller gefallen mir kaum einmal, und schon gar nicht, wenn die deutsche Fassung bei Goldmann erscheint.

„A shapeless collection of action episodes, strung together by macho ruminations“ – die Kritiker:

Matthias Mattussek im Spiegel:

Manches ist kitschig, vieles ist genau beobachtet, die miesen Absteigen, die Dorfclans, die Asketen in ihrem Haschisch-Wahn, die Sklavenmärkte der Kinder… Seit „Shantaram“ ist Bombay eine Top-Adresse für die One-World-Romantik der Popkultur, so hip, dass Madonna Anfang des Jahres einflog, um sich von Roberts durch Shantarams Reich führen zu lassen

Teja Fiedler im Stern:

Ganz schön happig, was da zwischen zwei Buchdeckeln Platz finden soll. „‚Shantaram‘ ist ein Roman, keine Autobiografie“, sagt der Autor und nimmt damit Kritikern den Wind aus den Segeln, die daran zweifeln könnten, dass all die Messerstechereien, Liebeshändel und schicksalhaften Fügungen tatsächlich passierten, die sein Buch so prall mit orientalischer Exotik und Knastbrutalität füllen… Manchmal geht seiner Fantasie allerdings der Pegasus durch, besonders in der Abteilung Romantik/Psyche: „Ich ließ das Kanu meines Denkens in die unerforschten Gewässer seiner Ideen gleiten.“ Da wird nicht jeder mitpaddeln wollen.

New York Times:

Bombay or Bust… Roberts doesn’t so much capture a mood as annihilate it with enthusiasm: “Our tongues writhed, and slithered in their caves of pleasure. Tongues proclaiming what we were. Human. Lovers.“ No doubt these scenes will be worth watching in the movie version, in which Johnny Depp will reportedly star… a few unintended giggles… But it seems unsporting to begrudge Roberts the license to thrill while having such a good time — and “Shantaram,“ mangrove-scented prose and all, is nothing if not entertaining.

Kirkus Reviews:

An elegantly written, page-turning blockbuster… Violence begets violence, the afflicted are calmed and balmed, friends are betrayed, people are killed, prison doors are slammed shut, then opened by well-greased palms. It’s an extraordinarily rich scene… Roberts is a sure storyteller, capable of passages of precise beauty, and if his tale sometimes threatens to sprawl out of bounds and collapse under its own bookish, poetic weight, he draws its elements together at just the right moment

Publishers Weekly:

A novel with electric appeal, heightened by Roberts’s exotic backstory…

Washington Post:

933 readable pages… full of vibrant characters… Lin’s love of the mafia don and the green-eyed Karla feels suspect to me, but his — and Roberts’s — love of India and the people who live there is unmistakable and a joy to read about. Roberts’s writing is never understated. He sounds sometimes like Raymond Chandler, with that noir mix of toughness, sentiment and bravado. This style threatens to tip over into the overwrought, and sometimes it does. The sections about Karla and romantic love are the weakest in the book… The novel loses its drive when Lin leaves India to fight in ((Afghanistan))… Shantaram displays an intelligence about human nature and a warmth for the human race that continue to be alluring long after the plot loses steam

The Guardian:

Shantaram is a curious mixture of adventure story and travelogue, with too much cod-philosophy: more successful is the vivid and compassionate panorama of the places and people he encounters

USA Today:

A vivid, entertaining but slightly grandiose tale… Despite occasional flubs, much is covered gracefully during the decade time span… Roberts‘ behemoth is Bollywood-like in its strengths and flaws. Its visceral, cinematic descriptive beauty truly impresses.

The Telegraph, Jessica Mann:

This hero is brutal, passionate and romantic, an action man who sometimes pauses to meditate on the nature of good and evil and describes his extraordinary world with vivid, occasionally florid magniloquence…

The Telegraph, Patrick Ness:

It’s difficult to dislike Shantaram, for all its excess… the gratingly heroic way Roberts portrays himself…

India Today:

Huge, heavy and impossible to put down…

The Hindu:

The book itself, all 900-plus pages of it, makes for racy reading…

Boston.com:

A story of life on the run runs on too long… a shapeless collection of action episodes, strung together by macho ruminations about the nature of love, trust, courage, and, of course, freedom… Along the way, he loves, hates, mourns, and forgives a succession of one-dimensional characters, each of whom he repeatedly defines by a single physical characteristic (green eyes for Karla, yellow eyes for Khaderbai, a cowboy hat for Vikrim, a big smile perpetually illuminating the face of Prubaker ((sic))… metaphors that are not just bad, but bizarre… a bloated autobiography masquerading as a novel


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