Rezension Memoiren von Bauerntöchtern: Einen Hof verlässt man niemals ganz, von Ulrike Siegel (Hg., 2013) – 5 Sterne

Die 18 Autorinnen aus diesem Band erzählten ihre Geschichte bereits in einem der „Bauerntöchter“-Bücher der Herausgeberin Ulrike Siegel. Hier nun, rund zehn Jahre später, liefern sie Updates ihres Lebens.

Die meisten Autorinnen waren offenbar bei Bucherscheinen um 50 oder 60 Jahre alt, erwähnen teils die Silberhochzeit, Demenz und Sterben der Eltern. Allerdings wird das Geburtsjahr nicht genannt. Wir sehen (in meiner Druckausgabe) ein oder zwei Farbfotos der Autorin ohne Jahresangabe (Ausnahme S. 121) und es gibt zusätzlich einen kurzen Auszug aus dem ersten veröffentlichten Text.

Kleinunternehmerin in London:

Manche Bauerntöchter verließen den Hof längst, heirateten auch keinen anderen Bauern und sind Kleinunternehmerin in London oder Statistikerin in Griechenland – das hat nichts oder sehr wenig mit Landwirtschaft zu tun; teils reiste vielleicht bäuerliches Arbeitsethos mit in die neue Welt, Eltern und Geschwister bewirtschaften mitunter noch den Hof. Manchmal klingen die Aufsätze wie Fülltext:

Sieben der 18 Frauen arbeiten nach meiner Übersicht nicht in der Landwirtschaft, sondern u.a. als Pastorin, Lehrerin oder in der Sozialarbeit. Sie berichten seitenlang von „Arabic experience and activity zu deutscher Tradition“ (sic, Überschrift S. 58), von Erkrankungen der Enkel („Mit starker Chemo wurde ihr Knochenmark zerstört“, S. 79) oder von „1921“, „1923“, „1925“, „1929“, „1937“ (S. 90ff). Auch Radioauftritte und Familienreaktionen im Zusammenhang mit den „Bauerntöchter“-Büchern werden erzählt.

Interessanter wirken Berichte tatsächlicher Bäuerinnen, zum Beispiel die letzten Tage vor der Hofaufgabe (S. 98):

Und wenn das Grünfutter zu Ende geht, werden ((die Kühe)) an einen Metzger verkauft.

Und erneut auf S. 124:

((…)) konnte ich den Tieren kaum noch in die Augen sehen. ((…)) jetzt schickte ich sie ins Ungewisse. Für mich war es Verrat an den Kühen

Und wieder auf S. 140:

Sie waren weg, unwiderruflich. Tränen stiegen mir in die Augen, die mich blind machten.

Zuerst kamen diese Bücher:

Jahre vor „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ redeten die Frauen bereits in diesen Ulrike-Siegel-Bänden der „Bauerntöchter“-Reihe (Amazon-Links):

Diese drei Bücher gibt oder gab es auch im Paket als „Bauerntöchter erzählen ihre Geschichte“ (Amazon).

Die Autorinnen von „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ haben einen Teil ihrer Geschichte also bereits in einem früheren Buch erzählt, und sie trafen sich seither wiederholt bei „Bauerntöchter“-Veranstaltungen. Wohl deshalb klingen die Stories hier aus dem Update-Band „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ wie für alte Bekannte, die das Leben der Erzählerin schon gut kennen. Für außenstehende Leser ohne Kenntnis der ursprünglichen Veröffentlichung ist der Zugang manchmal schwer.

Auch der Textauszug aus dem ursprünglichen Band erleuchtet nicht immer (falls es ein Textauszug aus dem ursprünglichen Band ist). Vielleicht ist er zu stark gekürzt, zu subjektiv, oder ich hab’s einfach nicht kapiert.

Diese sprachliche Verständigung:

Meine Print-Ausgabe hat 147 Seiten Stories plus ein paar Seiten Vorwort der Herausgeberin. Sprachlich ist das Buch schlecht, es gibt viele verhaute Konstruktionen wie (S. 12):

Diese sprachlose Verständigung aufgrund unseres wenn auch schon weit zurückliegenden gemeinsamen Lebens und Arbeitens gelang uns ((…))

Gewundert haben mich auch Titel und Untertitel des Bands:

  • „Einen Hof verlässt man niemals ganz“: aber einige haben nichts mehr mit dem Hof zu tun
  • „In der Lebensmitte – ein neuer Blick zurück nach vorne“: was meint das eigentlich

Auch das Titelbild meiner Printausgabe befremdet: Es zeigt einen nostalgischen Holzroller – welchen Bezug hat das zu Bäuerinnen in der Lebensmitte?
  

Vergleich der Ulrike-Siegel-Bücher „Und plötzlich war ich Bäuerin“ (2010), „Und dann habe ich den Hof verlassen“ (2011) und „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ (2013):

Die Bücher ähneln sich sehr stark. In allen drei Büchern erzählen 16 bis 18 Frauen je acht bis 20 Seiten lang aus ihrem Leben als Bäuerin oder von der Zeit danach. Die drei Bücher sind jeweils rund 154 bis 176 Seiten lang. Alle Geschichten sind sprachlich ähnlich und glanzlos, aber doch leicht lesbar. Nur im Band „…niemals ganz“ sieht man Fotos der erwachsenen Frauen. Obwohl die Texte teils oberflächlich klingen und man unentwegt vertiefen möchte, fesseln die Einblicke.

Mindestens eine Frau, „Bettina, Agraringenieurin in Baden-Württemberg“, erscheint nach meiner Übersicht in zwei oder drei Bänden; sie erzählt ihre Geschichte in Fortsetzungen, aber mit Rückblenden, so dass man vorhergehende Teile nicht kennen muss. Viel lieber hätte ich ihre Geschichte am Stück gelesen – zum Beispiel nur fünf oder acht längere Memoiren in einem Band, ohne dass man im nächsten Buch weiterlesen muss.

Bei anderen Frauen hatte ich in den späteren Bänden das Gefühl, ich kenne sie schon, aber der Name ist neu, etwa bei „Kristine, Laborantin in Schleswig-Holstein“ oder bei „Heidi, Dorfhelferin in Niedersachsen“. Ich würde erst alle drei Bücher beschaffen und dann die Geschichte einer Frau am Stück lesen, auch wenn dabei biografische Details wiederholt werden.

Die Geschichten aus „Und plötzlich war ich Bäuerin“ klingen sehr pro-Landleben. Die Berichte aus „Und dann habe ich den Hof verlassen“ sind konzeptuell etwas länger und deutlich trauriger, weil auch Abschied von und Leben nach der Landwirtschaft erscheinen, oft in Verbindung mit privaten Dramen.

Die Geschichten aus „…niemals ganz“ wirken teils unverständlich, wenn man nicht die Vorgeschichte aus einem „Bauerntöchter“-Band kennt und vielleicht bei den „Bauerntöchter“-Treffen war. Teils haben sie nichts mit Landwirtschaft zu tun, da diese Bauerntöchter längst in anderen Bereichen arbeiten. Sie sind sprachlich vielleicht noch schlechter. Nur in „…niemals ganz“ gibt es Farbe, ein Lesebändchen und zumeist Bilder der Autorinnen (jedenfalls in meiner Print-Ausgabe).

Ostdeutschland, Österreich oder Schweiz erscheinen in zwei der drei Bände gar nicht und in „…niemals ganz“ nur am Rand. Der Schwerpunkt liegt auf Niedersachsen und Baden-Württemberg (Heimat der Herausgeberin), NRW und Bayern tauchen seltener auf. Allerdings treten bundesweit regionale Unterschiede kaum hervor, zumal es wenig kulinarische oder sprachliche Spezialitäten gibt. Es geht überwiegend um konventionelle Landwirtschaft mit Milchvieh, Schweinen und etwas Getreide, gelegentlich um Bio, Direktvermarktung, Hofladen, Ferienwohnung.

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