Rezension Memoiren: Ein amerikanischer Traum, von Barack Obama (1995, engl. Dreams from My Father) – 8 Sterne


Hawaii, Indonesien, Los Angeles und New York sind einige der Stationen dieser leicht fiktionionalisierten Jugend-Autobiografie, sie reicht von den Großeltern bis zu Obamas Studienbeginn nach ersten Arbeitsjahren. Besonders detailliert gerieten die Abschnitte über Obamas Sozialarbeit in Schwarzenvierteln von Chicago und über den Besuch bei der kenianischen Familie seines Vaters.

Der Ex-US-President (*1961, im Amt Jan. 2009 – Jan. 2017) schrieb hoch atmosphärische Erinnerungen. Die Szenenwechsel, die Rückblenden, die Übergänge zwischen Dialogen und Zusammenfassungen gelingen glatt wie in kaum einem Buch (ich kenne nur die engl. Ausgabe von 2004 und kann die Eindeutschung durch Matthias Fienbork nicht beurteilen). Barack Obama produziert reizvolle Querbezüge über viele Seiten und Zeitabschnitte hinweg.

Dazu kommen liebenswerte Details, so der Zimtgeruch einer Holzmaske, die der junge Obama von Indonesien in die USA mitnimmt. Und: Obama kreiert markante und knorrig liebenswerte Persönlichkeiten – seine weißen US-Großeltern, seine Mutter, den indonesischen Stiefvater in Jakarta, Kumpel an der Schule, Mit-Aktivisten in sozialen Brennpunkten, seinen kenianischen Vater, einige weitere Afrikaner. Obama beschreibt die Charaktere mit erzählenden Sätzen, bringt aber immer auch knappe, markante Dialoge.

Obama kritisiert Amerikaner mehrfach hart und verallgemeinernd und benutzt das Wort vom „ugly American“ im Ausland. Auch sich selbst schildert er teils wenig vorteilhaft, ohne je seinen elegant-verträumten Erzählton aufzugeben. Die Geschichte erhielt höchstes Kritikerlob in USA und Deutschland und landete auf Allzeit-Bestenlisten englischsprachiger Medien. Sie wurde allerdings bei Ersterscheinen 1995 wenig beachtet und rückte erst mit der Neuauflage 2004 ins allgemeine Bewusstsein.

Obama thematisiert sein Selbstempfinden als Teil der afro-amerikanischen Minderheit sehr ausführlich, einigen seiner Grübeleien konnte ich nicht folgen. Er selbst meint im Vorwort von 2004, dass man 50 Seiten kürzen könne. Obama erlebte seinen meist in Kenia lebenden Vater bewusst nur einen Monat lang, im Alter von zehn Jahren; der offenbar charismatische Intellektuelle hatte sein Privatleben nicht im Griff. Er ist Obama weit wichtiger als die interessante weiße Mutter, die weltoffene promovierte Anthropologin und Kleinkredit-Expertin Stanley Ann Dunham (die im Jahr der Erstveröffentlichung starb; über sie gibt es eine eigene Biografie von Janny Scott, auch Obama-Biograf Maraniss berichtet ausführlich über sie).

Obamas fiktionalisierte Memoiren enden mit seiner ausführlichen Kenia-Reise zu Verwandten und Halbgeschwistern. Über rein private Beziehungen außerhalb von Familie und Arbeit sagt Obama fast nichts, auch nicht über Frauen.

Fiktionalisierte Biografien gibt es öfter (etwa über Richard Francis Burton, Robert Louis Stevenson, Frank Llloyd Wright oder Hemingway). Obamas Ein amerikanischer Traum ist aber die erste fiktionalisierte *Auto*biografie, die ich kenne (sofern man nicht jede Autobiografie unter Fiktionsverdacht stellt). Denn Obama liefert bewusst keinen historisch akkuraten Abriss; er sagt vielmehr im Vorwort, dass er Ereignisse und Personen zusammenfasste und anonymisierte. Die Dialoge der Erwachsenen zu seiner Kinderzeit kann der Siebenjährige auch nicht so präzise aufgenommen habe.

Obama nennt keine Jahreszahlen, Geburtstage oder zeithistorische Ereignisse, ordnet nichts chronologisch ein; ein- oder zweimal fällt ganz am Rand der Name Ronald Reagan. Obama greift einzelne, für ihn bedeutsame Momente heraus; darum lohnt es sich, selbst detailliert geschilderte Episoden wie in Chicago oder Kenia noch einmal bei Obama-Biografen nachzulesen, die zusätzliche Details und Hintergründe präsentieren (die Biografen Maraniss und Garrow erläutern Obamas fiktive Elemente genauer als Biograf Remnick). Der für Obamas Arbeit und Lebensgefühl bedeutetende erste schwarze Bürgermeister von Chicago, Harold Washington, taucht als einziger Prominenter etwas markanter auf.

Ich lese ohnehin weit lieber nicht autorisierte Biografien als Autobiografien. Um historische Details geht es bei Obamas Ein amerikanischer Traum aber gar nicht. Obamas Erfolgsbuch ist ein faszinierender, auf wirklichem Geschehen basierender Bildungsroman mit Hot Country-Elementen – voller Atmosphäre und mit faszinierendem Fluss (und rein inhaltlich so interessant, dass sich bereits mindestens drei dicke Biografien von Remnick, Maraniss und Garrow nur mit dem jungen Obama befassen). Dass der Autor später US-Präsident wurde, spielt für mein Interesse kaum eine Rolle.

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