Rezension: Leihen Sie uns Ihren Mann, von Graham Greene (Kurzgeschichten 1967, engl. May We Borrow Your Husband?) – 8 Sterne – mit Pressestimmen

Graham Greene schreibt nonchalant, exquisit humorvoll mit geistreich-mokanten Dialogen, jederzeit ohne Wort-Bling, kaum einmal unverständlich enigmatisch. Das Gehabe ist englisch steif und passt in 40er-Jahre-Komödien; es erinnert auch an (einen strikt entkrassten) Mr. Bean. Schwule Inneneinrichter, alternde verlassene Damen, einfühlsame Jungehefrauen und lächerliche Pekinesen bevölkern die Kurzgeschichten, die zum Teil in Antibes und Nizza an der Côte d’Azur spielen, Greenes Alterswohnsitz, aber auch in England und in karibischen Hotels. Die Geschichten um einen Schularzt und um deutsche Winzer um 1890 wirken deutlich kruder als die anderen.

Dazu kommen fast immer Schriftsteller, einmal sogar gleich zwei, aber nie in aufdringlichen Hauptrollen, sondern als Beobachter, und das Schreiben steht nie im Vordergrund. Ein Literat wird von einem herabfallenden Schwein erschlagen. Die Geschichte heißt „A Shocking Accident“, aber mein verblüffter Lacher am Ende der wenigen „Accident“-Seiten gründet nicht auf diesem Unfall.

Das ist ein kultivierter, erlesener Spaß, zumal Greene (1904 –1991) fast immer Gedichtzeilen zitiert und zuweilen Historisches einflicht. Greenes Snobspott klingt mitunter etwas wohlfeil, wenn er wiederholt in die Breite gegangene Damen, ihre Kümmerlein und Schoßhündchen in die Pfanne haut („huge buttocks were exposed in their full horror“). Graham Greene präsentiert immerhin nicht ganz vorteilhaft auch alternde, die Damenwelt nurmehr von fern evaluierende Schriftsteller, wohl ein Selbstportrait, und auch bei Männern ortet Greene vereinzelt „rolls of fat“. Die Komik entsteht auch daraus, dass solche weltlichen Betrachtungen von einem betont distinguierten Erzähler, oft Ich-Erzähler, stammen; das erinnert entfernt an die gegensätzlichen Hauptfiguren in Greenes Reisen mit meiner Tante (ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung durch Hilde Spiel und Walther Puchwein nicht beurteilen).

Viele Geschichten beanspruchen nur fünf bis acht Seiten, sie enden gelegentlich mit einer deftigen Pointe. Mindestens zwei von ihnen wurden verfilmt (s. Links in Wikipedia). Mehr als 30 Seiten belegt dagegen das pikante Titelstück, in dem ein schwules Pärchen in Nizza einen frischverheirateten Mann von seinen Eheschwierigkeiten befreit: Der melancholische, ältliche Ich-Erzähler begehrt ohne viel Hoffnung die ausgetrickste Ehefrau. Ich glaube, beim zweiten Lesen offenbart diese aparte, mild frivole Komödie noch mehr Anspielungen und Doppeldeutigkeiten. In der zweiten etwas längeren Geschichte erzählt Greene nicht ganz überzeugend aus Sicht einer 39jährigen, die ein außereheliches Abenteuer sucht; doch plötzlich ist sie unerwartet selbst die Gesuchte und Greene entwickelt eine schöne, halb peinliche, tragikomische Szene.

Greenes Englisch ist trotz aristokratischen Tonfalls leicht, aber er streut einiges Französisch ein, das ich gern nachgeschlagen habe („impuissant“, „déhanché“). Die im Buch-Untertitel versprochene „Erotik“ (im Englischen „sexual life“) kredenzt Greene nur homöopathisch dosiert und diskret indirekt, mitunter gar nicht; Danke dafür.

„Noch nie so locker und entspannt…“ – das sagen die Profis:

Spiegel 1967:

Die meisten dieser „Komödien der Erotik“ stecken voll Verdruß und Schwermut, aber auch, da Graham Greene das Wort hat, voller Scharfsinn und Erbarmen

Marcel Reich-Ranicki in der Zeit 1967:

Leider ist die Übersetzung fast aller zwölf Erzählungen schlecht. Es wimmelt von Ungeschicklichkeiten jeglicher Art… einige erotische Prosastücke von großem Reiz… Greene verzichtet jetzt auf die früher in seiner Epik obligaten Kraßheiten, auf das Reißerische, das ihm so viel Erfolg und wohl auch viel Geringschätzung eingebracht hat. Es zeigt sich, daß er der grellen Mittel nicht bedarf. Ja, es will mir fast scheinen, als habe er noch nie so locker und entspannt geschrieben, so souverän und gelassen erzählt. Freilich riskiert er, daß mancher Leser hier und da für harmloses Geplauder hält, was in Wirklichkeit die kunstvolle Prosa eines urbanen Schriftstellers ist.

New York Times:

((Rezensent Walter Allen sieht)) the element of play, the writer’s delight in his own cleverness and virtuosity, his ability to make bricks without straw and to do so simply for the fun it provides. It is a naive pleasure — and, for some writers, perhaps a fundamental one…. Two or three of them, „The Overnight Bag,“ „Dr. Crombie“ and „The Invisible Japanese Gentleman,“ are no more than good macabre jokes. They appeared first in London weeklies and read here as thought they had not quite succeeded in escaping from their original contexts. Yet in a story no longer than these, „Beauty,“ which recounts what might be called the secret life of a prize Pekingese, a rich woman’s pet, he produces a chilling parable on the theme of human vanity and mortality… the nature of the narrator, the elderly author, his sensual appetites attenuated to the appreciation of good wine and good cheese, who observes the passing scene and records it with a sort of romantic cynicism… these first-person stories seem to me too relaxed, to undemanding of their author, to show him as the major writer he is. We are interested in them not for their own sake but because Greene wrote them. To find the real Greene in this collection we must turn to a story called „Cheap in August.“

Kirkus Reviews:

…catchy, sketchy short stories, one or two miniaturized to not more than five or six pages… they are all told with a casual, conversational ease–a deceptive sleight of hand which may also suggest that there’s not too much up the sleeve.

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