Rezension Land-Memoiren: Und plötzlich war ich Bäuerin, von Ulrike Siegel (Hg., 2010) – 7 Sterne

Vor der detaillierten Begründung das Fazit:

Das Buch ist schlecht getextet, die Geschichten wirken oberflächlich und wiederholen sich, und größere Teile Deutschlands kommen gar nicht vor. Gleichwohl liefert Herausgeberin Ulrike Siegel reizvolle Einblicke ins wahre Leben – jedenfalls mit den Texten, nicht mit den belanglosen Fotos.

Kurze Protokolle:

18 Frauen erzählen auf meist sechs bis zehn Seiten, wie sie als junge Erwachsene in die Landwirtschaft kamen und im ungewohnten Umfeld Fuß fassten – teils durch Liebesheirat und gegen alle Warnungen vor einem Leben als Bäuerin, andere dagegen gezielt aus Freude an Landleben und Tieren. Neun der 18 Berichte kommen aus Niedersachsen, zwei aus Schleswig-Holstein, sechs aus Baden-Württemberg und einer aus Nordrhein-Westfalen. Berichte aus den Flächenstaaten Hessen, Bayern oder Ostdeutschlands fehlen also (einige der Frauen wuchsen in Ostdeutschland auf).

Fast alle Bäuerinnen berichten von Eigentum. Nur je ein- oder zweimal geht es um Pacht statt Eigentum, um „Bio“, um Geschäftspartnerschaft und Hofladen. Alle Bäuerinnen führen eine traditionelle Zweierbeziehung, die in die Ehe mündet. Nichtdeutsche, Singles oder ungewöhnlichere Lebensgemeinschaften erscheinen nicht. Ungewöhnlich lang ist der Bericht von „Bettina, Agraringenieurin“, die auch von interessanten Praktika im Allgäu und in Kanada erzählt.

Herausgeberin Ulrike Siegel erklärt im kurzen Vorwort nicht, wie die Ich-Erzählungen der Bäuerinnen entstanden: ob sie niedergeschrieben oder als oral history ins Mikrofon gesprochen wurden, wie stark Herausgeberin oder Portraitierte nacharbeiteten („Gudrun“ erwähnt „das Schreiben darüber, wie mein ‚Weg aufs Land‘ verlaufen ist“, S. 169). Mundart oder regionale Sprachschmankerl gibt’s mit einer kurzen Ausnahme nicht.

Repetitiv:

Zwar reden viele Bäuerinnen durchaus von Konflikten – mit Eltern, Schwiegereltern, dem Mann –, doch seelische Tiefen ergründet das Buch nicht: Die Geschichten bleiben oberflächlich, enden stets freundlich; es geht um karge, aber glückliche Kindheit, viel Arbeit, knappes Geld, knappe Zeit, das Zerissensein zwischen Pflicht und Vergnügen, das Glück in der Familie, mit der Natur und mehrfach auch mit Gott. So endet „Gudrun“ auf Seite 169 mit:

Ich würde ((…)) mich immer wieder für ein Leben mit Kühen entscheiden.

Und gleich auf der nächsten Seite oben wählt „Judith“ die Überschrift:

Ich würde mich wieder so entscheiden.

(Nicht nur Landglück, sondern auch Scheitern und Abschied versammelt Ulrike Siegel in Und dann habe ich den Hof verlassen.)

Statt 18 knapper Lebensläufe hätte ich lieber acht lange, gründlichere gelesen, die mehr in die Tiefe gehen. So wirken die Geschichten deutlich repetitiv – man ahnt die Anmeldung in der Hauswirtschaftsschule i.v., und den Ausbau des Wohnbereichs. Mehr als zwei Texte in einer Sitzung ermüden da schon.

Barfuß in Kniestrümpfen:

Die Berichte erscheinen nicht nur knapp, sie sind auch lieblos geschrieben und könnten so nicht in einer Regionalzeitung stehen. Zum Teil bleiben schlicht Fragen offen. Eine Bäuerin sagt zum Beispiel (S. 13):

Zwei Jahre Umstellung liegen nun schon eineinhalb Jahre zurück.

Ich weiß nicht, von welcher Umstellung sie redet. Eine andere (S. 41):

Auch wenn mir natürlich schon manches auffiel, was in der zukünftigen Schwiegerfamilie anders war als bei uns.

Und was? Oder hier (S. 43):

Die gegenseitigen Erwartungen ((…)) brachten uns so manches Mal an den Rand unserer Belastungsfähigkeit.

Worum ging’s da?

Die Beispiele oben verdeutlichen auch: Die Sprache fasziniert nie, teils ist sie schlecht („mein einer Sohn“, S. 51) bis hin zu Schreibfehlern („Spontanität“, sic, S. 55), Sprachfehlern („Nichts nervt mich mehr wie ((sic)) ein ungemütliches Drumherum“, S. 133) und erstaunlicher Logik:

S. 126: Man durfte endlich Kniestrümpfe tragen und barfuß laufen.

S. 152: Alle fünf Geschwister meines Mannes haben sich Frauen aus nördlichen Gefilden geholt ((…)). Die zwei Brüder haben Frauen aus Glücksburg in Schleswig-Holstein und Berlin und die drei Schwestern haben Männer ((sic)) aus ((…))

Lektorat: Dr. Roland Gläser, Brackenheim, Korrektorat: Dorothea Raspe, Münster.

Bilder und Bleiwüsten:

Manche Bäuerinnen reden zunächst mehrseitig über ihre Eltern, man wartet ungeduldig auf das Thema. Gelegentlich sind die Absätze zu lang, so etwa der Absatz von S. 57 bis S. 60 – damit hat auch die komplette Doppelseite 58/59 keinen Absatz.

Aufgelockert werden solche Bleiwüsten gelegentlich (aber nicht auf S. 58/59) durch kleine Schwarzweiß-Bildchen. Man sieht fast nie die erwachsene Bäuerin – sehr schade –, sondern meist Kinderfotos von ihr oder ihrem Nachwuchs (Ausnahme S. 86). Manchmal erscheinen wunderlich angeschnittene Teile des Besitzes, außerdem figurieren „Opas Fahrrad“ (S. 174) oder „Stolzer Hahn“ (S. 185). Die vielen Melkroboter, Mähdrescher und Außenställe aus den Texten erscheinen nicht im Bild – es soll wohl nach Landlustidylle aussehen.

Landlust:

Das Titelbild zeigt eine gepflegt gekleidete und dezent geschminkte Frau mit Bastkorb beim Äpfelpflücken – tiefhängende Früchte offenbar in einer Plantage, kein freistehender Apfelbaum. Doch von Apfelzucht redet keine einzige der 18 Bäuerinnen, es geht zumeist um Schweine, Milchvieh und manchmal um Getreide.

Das Titelbild illustriert einen Städtertraum vom Landleben und nicht das Landleben selbst, wie es viel realistischer im Buch aufscheint. Eine Bildherkunft nennt das Buchimpressum nicht, vermutlich ist es ein Agenturfoto oder die Bildredaktion der „Landlust“ hatte es übrig.

Vergleich der Ulrike-Siegel-Bücher „Und plötzlich war ich Bäuerin“ (2010), „Und dann habe ich den Hof verlassen“ (2011) und „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ (2013):

Die Bücher ähneln sich sehr stark. In allen drei Büchern erzählen 16 bis 18 Frauen je acht bis 20 Seiten lang aus ihrem Leben als Bäuerin oder von der Zeit danach. Die drei Bücher sind jeweils rund 154 bis 176 Seiten lang. Alle Geschichten sind sprachlich ähnlich und glanzlos, aber doch leicht lesbar. Nur im Band „…niemals ganz“ sieht man Fotos der erwachsenen Frauen. Obwohl die Texte teils oberflächlich klingen und man unentwegt vertiefen möchte, fesseln die Einblicke.

Mindestens eine Frau, „Bettina, Agraringenieurin in Baden-Württemberg“, erscheint nach meiner Übersicht in zwei oder drei Bänden; sie erzählt ihre Geschichte in Fortsetzungen, aber mit Rückblenden, so dass man vorhergehende Teile nicht kennen muss. Viel lieber hätte ich ihre Geschichte am Stück gelesen – zum Beispiel nur fünf oder acht längere Memoiren in einem Band, ohne dass man im nächsten Buch weiterlesen muss.

Bei anderen Frauen hatte ich in den späteren Bänden das Gefühl, ich kenne sie schon, aber der Name ist neu, etwa bei „Kristine, Laborantin in Schleswig-Holstein“ oder bei „Heidi, Dorfhelferin in Niedersachsen“. Ich würde erst alle drei Bücher beschaffen und dann die Geschichte einer Frau am Stück lesen, auch wenn dabei biografische Details wiederholt werden.

Die Geschichten aus „Und plötzlich war ich Bäuerin“ klingen sehr pro-Landleben. Die Berichte aus „Und dann habe ich den Hof verlassen“ sind konzeptuell etwas länger und deutlich trauriger, weil auch Abschied von und Leben nach der Landwirtschaft erscheinen, oft in Verbindung mit privaten Dramen.

Die Geschichten aus „…niemals ganz“ wirken teils unverständlich, wenn man nicht die Vorgeschichte aus einem „Bauerntöchter“-Band kennt und vielleicht bei den „Bauerntöchter“-Treffen war. Teils haben sie nichts mit Landwirtschaft zu tun, da diese Bauerntöchter längst in anderen Bereichen arbeiten. Sie sind sprachlich vielleicht noch schlechter. Nur in „…niemals ganz“ gibt es Farbe, ein Lesebändchen und zumeist Bilder der Autorinnen (jedenfalls in meiner Print-Ausgabe).

Ostdeutschland, Österreich oder Schweiz erscheinen in zwei der drei Bände gar nicht und in „…niemals ganz“ nur am Rand. Der Schwerpunkt liegt auf Niedersachsen und Baden-Württemberg (Heimat der Herausgeberin), NRW und Bayern tauchen seltener auf. Allerdings treten bundesweit regionale Unterschiede kaum hervor, zumal es wenig kulinarische oder sprachliche Spezialitäten gibt. Es geht überwiegend um konventionelle Landwirtschaft mit Milchvieh, Schweinen und etwas Getreide, gelegentlich um Bio, Direktvermarktung, Hofladen, Ferienwohnung.

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