Rezension Kurzgeschichten: Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann, von Lorrie Moore (1998, Birds of America) – 6 Sterne – mit Pressestimmen

Moore schreibt über wunderliche, jüngere Zeitgenossen in den USA, die etwas ziellos durchs Leben trudeln – eine nach hoffnungsvollem Start gescheiterte Schauspielerin, eine Uni-Betreuerin und andere Pädagogen, die Moore wohl in ihrem eigenen Berufsleben als Schreiblehrerin kennenlernte.

Die zwölf unverbundenen Kurzgeschichten sind 10 bis 40 Seiten lang, meist um die 20 Seiten. Eine Kurzgeschichte Birds of America (so der englische Buchtitel) findet sich nicht, aber zwei Geschichten liefern Hinweise auf die Bedeutung. Meine englische Taschenbuchausgabe nennt den ursprünglichen Erscheinungsort der Stories nicht; zumindest einige Geschichten kamen ab 1993 (in teils kürzerer Form) beim New Yorker heraus.

Lorrie Moore (*1958) spult keine geschlossene Handlung von A nach B mit rundem Ende ab. Ihre Geschichten klingen unspektakulär aus.

Die Autorin schildert mehrfach Freunde oder Familien, die sich zum Zusammensein treffen. Mitunter lassen sich die Figuren nicht gut auseinanderhalten, wechselnde Rückblenden auf unterschiedliche Akteure tragen zur Unübersichtlichkeit bei. Mindestens zweimal beschreibt Moore Auto-Rundreisen, die etwas willkürlich wirken.

Immer wieder fallen coole, eindrucksvolle, originelle Sätze, oft auch witzig, zeitgeistig und mit Sinn für Wortspiel – im Erzähltext oder als Dialogzeile. Die Sätze beeindrucken mitunter deshalb, weil sie gar nicht zum Zusammenhang passen und völlig aus der Luft gegriffen werden; sie klingen gelegentlich zu sehr nach professionellem creative writing amerikanischer Schule, mit Noten von T.C. Boyle, John Irving und vor allem Jay McInerney. Trotz der literarisch veredelten Dialoge muten die Figuren einigermaßen plausibel an, mit Ausnahme eines schwulen Anstreichers, der allzu elaboriert redet.

Die meist weiblichen Hauptfiguren scheinbar Mitte 30 haben teils keine festen Beziehungen und auf dem Dating-Markt nur begrenzt Erfolg. Selbst Verheiratete wirken oft einsam und auf sich gestellt.

Die Figuren in den ersten etwa neun Geschichten erscheinen dabei gelegentlich kindlich, unreif und unberechenbar, nicht ganz lebenstüchtig, etwa in diesem Satz:

There had been, after all, her marriage to Bob, her boyfriend of many years, after her dog, Randolph, had died of kidney failure and marriage to Bob seemed the only way to overcome her grief.

Die Trauer ums verstorbene Haustier ergreift wenige Geschichten später auch eine verheiratete Frau mit Kind:

When the cat died on Veterans Day, his ashes then packed into a cheesy pink-posied tin and placed high upon the mantel, the house seemed lonely and Aileen began to drink.

Fast wundert man sich, dass einige Geschichten später ein quicklebendiger Hund auftaucht, der dann auch noch Guapo heißt.

Die Geschichten werden zum Buchende hin ernster, ohne dass der originelle Erzählton jedoch abklingt. Einmal geht es über 40 Seiten um Hauskauf und Umzug einer Krebskranken, diese Geschichte hat mild surreale Elemente (entgleitet aber nicht so weit ins Absurde wie Moores gescheiterter Roman Anagrams); die Hauptfigur entdeckt in dieser Geschichte auch, dass unbemerkt jemand auf ihrem Dachboden wohnte (ein Motiv aus den Simenon-Romanen Der Mörder und Fremd im eigenen Haus). Den autobiografisch grundierten 40seiter über die panischen Eltern eines krebskranken Babys habe ich nach wenigen Seiten abgebrochen. Danach erzählt Moore von einer Frau, die aus Versehen das Baby ihrer Freundin tötet.

Dies ist der dritte von vier Kurzgeschichtenbänden Lorrie Moores (Stand Herbst 2017). Wer englisch liest, hat zu diesem Buch (Birds of America) eine Alternative – den schwergewichtigen Band The Collected Stories (672 Seiten). Er soll die ersten drei Kurzgeschichten-Bände, drei Geschichten aus der vierten Sammlung (Bark/Danke, dass ich kommen durfte) und vier Auszüge des Romans Anagrams enthalten.

Deutschsprachige Pressestimmen:

Perlentaucher über die Rezension in der Zeit:

Hildebrandt imponiert Moores Sprachwitz, der nicht albern, sondern hintergründig daherkomme… Dass auch Moore aus der Schule des Creative writing hervorgegangen ist, sieht man für Hildebrandt an der Tatsache, dass sie für seinen Geschmack zu metaphernreich schreibt. Ein bisschen zuviel der Sprach- und Kunstfertigkeit…

Süddeutsche Zeitung (bei Buecher.de):

Dies sind sehr amerikanische Geschichten. Wer nicht weiß, was Jell-O-Salad ist und wer das Peabody-Hotel nicht kennt, fühlt sich in der Fremde… Lorrie Moores Sprache ist von äußerster Lakonik und wurde von Frank Heibert in ein bemerkswert vielschichtiges Deutsch übertragen… Das ist genau und manchmal bitterböse ausgedrückt, aber der Unterton von Schmerz ist immer zu spüren. Lorrie Moore hat Sympathie für ihre Figuren, die nichts weiter wollen als ein bisschen Glück – aber das Glück scheint irgendwie an ihnen vorbeizulaufen. Sie haben ihre Träume aufgegeben, sind auf alltägliche und deshalb unauffällige Weise gescheitert…

Frankfurter Allgemeine (ebf. bei Buecher.de):

…in Amerika ein überraschender Publikumsrenner… der schnodderige Ton, der beißend scharfe Witz und die bildergefüllte Sprache mit ihren überraschenden Vergleichen… ((Lorrie Moore)) ging in New York ins College und klingt heute noch so, als hätte sie die Stadt nie verlassen. Sprache ist alles hier, Rüstung und Waffe, Werkzeug der Analyse und Verschleierung, absurd, brutal und häufig im Dienst einer alternativen Version des Lebens. Frank Heibert hat das kongenial – und das heißt bei einem Buch voller Sprachspiele, Neologismen und verblüffender Metaphern: meistens überaus phantasievoll und nur selten ein wenig zu frei – übertragen.

Deutschlandfunk:

Im Mittelpunkt ihrer Geschichten stehen fast ausschließlich Frauen, die einsam sind und sich trotz einer Familie oder einem Ehemann im Hintergrund in dieser Einsamkeit einrichten… Häufig spielen in ihren Geschichten die Beziehungen von Mutter und Tochter eine wichtige Rolle… Die Geschichten von Lorrie Moore beginnen mit einer kleinen Veränderung im Alltag und werden von der Sehnsucht nach Nähe getragen. Diese Sehnsucht erfüllt sich nur in flüchtigen Augenblicken. Erlöst werden die Heldinnen von ihrer Einsamkeit nicht; die Einsamkeit ist es, die sie vielleicht sogar suchen, an der sie festhalten und in die sie nach kurzen Ausflügen zurückkehren…

Wiener Zeitung:

Ein solcher Alltag mag skurril scheinen, parodistisch überzeichnet wird bei Lorrie Moore allerdings nicht. Es ist ein Charakteristikum ihrer Geschichten, dass es weder Monstrositäten noch besondere Höhepunkte gibt. Den Figuren haftet allein deshalb etwas Merkwürdiges, Komisches oder Schräges an, weil sie gerade so weit neben sich stehen, dass sie problemlos auch als Durchschnittsbürger durchgehen könnten. Moores Lieblingsprotagonistin ist die leicht neurotische Städterin Anfang oder Ende dreißig, die in ihrer Anstrengung, alles unter Kontrolle zu haben und alle zu überflügeln, stets auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Eva Menasse über Moore allgemeine in der FAZ:

Dabei konnte man durchaus auf die Idee kommen, dass hier eine hochbegabte, aber reichlich neurotische Autorin das Schreiben als Angsttherapie betrieb. Über alle inneren Widerstände hinweg lockte sie einen in ihre Horror-Szenarien hinein: Eine Frau stürzt so unglücklich von einer Picknickbank, dass sie dabei das Neugeborene ihrer Freundin tötet. Manchmal aber waren es auch bloß intelligente Frauen mittleren Alters, deren Humor kein Mensch, vor allem kein Mann, zu verstehen schien und die irgendwann unsicher wurden, ob sie nicht vielleicht doch die überempfindlichen Schrullen sind, von denen sie in den Blicken der anderen lasen…

Englische Pressestimmen:

Michiko Kakutani in der New York Times:

((Über die Figuren allgemein:)) lost, lonely people fumbling their way through life, banging their heads against walls, their hearts against old sorrows, as they migrate from relationship to relationship, home to home… They still make jokes all the time — to ward off hurt and disappointment — but there is something sadder and wearier about these characters… Acutely aware of her characters‘ obsession with their own emotional temperatures, Ms. Moore can be devastatingly funny about their self-absorption and their awareness of their self-absorption… Ms. Moore can be equally savage in sending up the academic pretensions of the world so many of her characters inhabit… Ms. Moore writes with such psychological precision, such sharp, unsentimental knowledge of her characters‘ hopes and fears that she’s able to invest these melodramatic situations with a heartfelt understanding of the precariousness of everyday life, its unexpected losses and terrors. At once sad and funny, lyrical and prickly.

New York Times 2:

Lorrie Moore’s stories of people in dire predicaments are underpinned by a comic sensibility… Fluid, cracked, mordant, colloquial, Moore’s sentences hold, even startle, us… Moore’s stories tend not to encompass lifetimes; rather, they achieve a density of weave that allows us to infer a full life from a cross-section, a moment of crisis. In her less effective passages, the characters often feel like mere excuses for their author to crack wise. Her raconteuse’s panache and way with a double-entendre give her such a strong scene-writing hand that she sometimes submits to the temptation to overplay it… her wit is a swift, racy vehicle for the warmly comic sensibility that steers her narratives… “Birds of America,“ while often lighthearted and steadily hilarious, is a sublimely dark book… “Birds of America,“ especially its three final stories, will stand by itself as one of our funniest, most telling anatomies of human love and vulnerability.

Kirkus Review:

A fine new collection of 12 stories notable for their verbal wit and range of intellectual reference… Moore’s most typical characters are women in retreat from disappointing relationships or in search of someone or thing to relieve their solitude… her characters are likeably tough-minded and funny… She’s an original, and she’s getting better with every book.

Publishers Weekly:

…they are all afflicted with ennui, angst and aimlessness. They can’t communicate or connect; they have no inner resources; they can’t focus; they can’t feel love. The beginning stories deal with women alienated from their own true natures but still living in the quotidian… Moore empowers her characters with wit, allowing their thoughts and conversation to sparkle with wordplay, sarcastic banter and idioms used with startling originality. No matter how chaotic their lives, their minds still operate at quip speed; the emotional impact of their inner desolation is expressed in gallows humor. Moore’s insights into the springs of human conduct, her ability to catch the moment that flips someone from eccentric to unmoored, endow her work with a heartbreaking resonance.

London Review of Books:

Though the academy is hardly ever more than a backdrop for her, Moore nonetheless captures the weird, self-involved aimlessness of academic life… Jane Austen’s heroines are never seen except in their hopeful, pre-marital condition, and Moore’s women are hardly ever seen except in the slump and settling that comes in those years after the lesson that marriage is a compromise has been learned and overlearned. Her men are hapless or fickle, and unreliability seems to be their default mode; Moore’s stories are studded with aphorisms that could be collected on a calendar for weary wives… Moore’s predilection for the zinger, the heavily ironised pun. A frequent criticism of her work is that she is sometimes too fond of her own jokes, and becomes too clever-clever. There’s something to this: many of her characters strike the same bitterly humorous note… there are moments when the self-regard of the humour seems a little much…

Paris Review:

With her second book of stories Moore’s reputation as a story writer was cemented, but it was her third, Birds of America, that firmly superglued her to the pantheon of contemporary American writers. For the first time, the praise of critics and her cult status among literary readers was matched by a several-week run on the New York Times best-seller list.

Salon (via CNN):

Moore, while fascinated almost exclusively with broken people, is among the very funniest writers alive… she is both funny and mean… Moore’s characters are beaten and weathered, cuckolded and tired… far and away, her best book

Dwight Garner in Salon via CNN (mit interessantem Moore-Interview zum Buch und zu ihrem Arbeitsstil):

Moore’s crackling wit and exacting eye make her America’s sexiest writer; she seems incapable of putting a dull sentence to paper. What makes her one of America’s most important writers, however, is the way her comedy bubbles up — the way it does so often in life — through discomfort, tragedy, awkwardness and loss… a professor of English who likes to poke fun at academia

Financial Times:

…widely (and rightly) acknowledged as a masterpiece

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