Rezension Kurzgeschichten: Pepsi-Hotel, von Lorrie Moore (1992, engl. Like Life) – 7 Sterne – mit Pressestimmen

Moore schreibt intelligent witzig, originell beiläufig, manchmal dachte ich an frühe Woody-Allen-Filme. Es gibt Autoren in New York, Autoren in der Provinz und Dozenten in der Provinz, hier schreibt Moore sicher aus eigenem Erleben. Sie behandelt dabei wohlgemerkt nicht Künstlerprobleme wie Schreibblockade o.ä., sondern es geht meist um Beziehungen.

Lorrie Moore (*1957) säuselt elegant ätherisch, Dialoge und Stimmungen zählen mehr als Handlung, die Moore regelrecht zu verachten scheint – auch, indem der letzte Satz einer Geschichte oft besonders weit hergeholt und unpassend klingt. Eine kurze Geschichte besteht überhaupt nur aus Dialog über Vergangenes und Allgemeines – Ort und Handlung haben keine Bedeutung.

Passend zum Buch sagt ein Mann zur weiblichen Hauptfigur: „Everything’s a joke with you.“ Vielleicht im Einklang mit der Autorin antwortet die Frau in der Geschichte: „Nothing’s a joke with me. It just all comes out as like one.“

Während die meisten Geschichten in der Mittelschicht spielen und einen betont sorglosen Ton kultivieren, behandelt das letzte Stück Krankheit, Armut und Depression, wieder unter Künstlern in New York.

Die acht nicht verbundenen Kurzgeschichten zeigen einen gewissen Übergang zwischen der frühen und der späteren Autorin Moore: In ihrem ersten Kurzgeschichtenband Leben ist Glückssache (1985, engl. Self-Help) klang Moore noch sehr schräg, fast provokativ, schrieb viele Geschichten in der zweiten Person und im Imperativ, sie spielten fast immer in New York. Diesen Stil legt Moore in Pepsi-Hotel vollständig ab – sie schreibt ordentlich in der dritten Person. Diesmal spielen die meisten Geschichten bereits in der US-Provinz, dorthin zog Moore nach dem Studium in New York.

Pepsi-Hotel (1992) unterscheidet sich aber auch von Moores späteren Kurzgeschichten-Sammlungen Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann (1998, engl. Birds of America) und Danke, dass ich kommen durfte (2014, engl. Bark): Diese zwei letzten Sammlungen zeigen oft tragische Alltagsfiguren – Alleinerziehende mit Problemkindern, unheilbar Kranke, unsichere Frauen mit womöglich untreuen Partnern, einsame Alte.

Das Personal in Pepsi-Hotel ist dagegen weit durchschnittlicher und produziert weniger Drama – alles lebt von Moores elegantem Ton, ihren wild geschriftstellerten und doch beiläufigen Vergleichen und den oft leicht peinlichen Begegnungen. In gewisser Weise ist mir dieser Band am liebsten, weil er weniger schrill klingt als der erste und weniger sensibel verletzt und dramatisch als die späteren Bände.

Ich kenne nur die englische Originalausgabe, Like Life, und kann die Eindeutschung nicht beurteilen. Wer englisch liest, hat zu Like Life eine Alternative – den schwergewichtigen Band The Collected Stories (672 Seiten). Er soll Moores erste drei Kurzgeschichten-Bände, drei Geschichten aus der vierten Sammlung (Bark/Danke, dass ich kommen durfte) und vier Auszüge des Moore-Romans Anagrams enthalten.

Deutsche Pressestimmen:

Die Zeit (Kursivierung hier wie vorgefunden):

Liebe als Schulfach in einer Veranstaltung, die Leben heißt, samt Nachhilfe, Noten und Nöten – darum kreisen Lorrie Moores Stories. Was ihre Figuren anstellen, ist immer rührend und lächerlich, töricht und von pragmatischer Schläue, bissig und mitfühlend erzählt… Feinziselierte Plots sind der Autorin Sache nicht… Die knappen Titel und kurzen Sätze, wie mit der Spraydose auf eine Mauer gesetzt, sind keine Augenblickseingebungen, sondern Ergebnis harter erzählerischer Arbeit… Moore schlägt ein hohes Tempo an, ohne je außer Atem zu geraten. Temposicherheit ist die Voraussetzung für Timing, und wenn das Timing stimmt, ersetzt es jeden Plot… Die Figuren verstecken sich hinter ihren Sprüchen wie Igel unter ihren Stacheln. Das ist traurig, selten bitter… giftiger, frecher und verspielter durchpflügt sie einen amerikanischen Alltag, der noch nie ein guter Plot werden wollte, weil die Handlungsfäden sich nicht zum hübschen Schleifchen fürs Happy-End binden lassen. Es gibt hier keine Larmoyanz

Frankfurter Allgemeine (über Moores Kurzgeschichten verschiedener Bände):

Sie deckt mit sicherem Griff gerade den hässlichsten Charakterwinkel ihrer Figuren auf, sie schneidet aus ihren zwar oft skurrilen, aber deutlich dem Leben abgelauschten Geschichten einen besonders ungewöhnlichen Ausschnitt heraus wie eine Filmemacherin, die ihre Kamera im Schuh oder im Kronleuchter versteckt, weil konventionelle Einstellungen sie einfach tödlich langweilen. Dazu benützt sie ihre Sprache voller messerscharfer Formulierungen und halsbrecherischer Metaphern so instinktiv und unverfroren, wie es vielleicht nur ein Wunderkind vermag, das mit neunzehn seinen ersten literarischen Preis gewonnen hat. Lorrie Moore schrieb immer, als hätte sie sich den Slogan „Bombardiert mit Sprache alles, was nach political correctness aussieht“ in ihren Schreibtisch gesägt. Gewiss hätte sie auch als Gag-Schreiberin einer intellektuellen Late-Night-Show ein bequemes Auskommen finden können, doch literarisch konnte man sie nie als Pointenschleuder missverstehen. Denn ihren oft haarsträubenden Humor hat sie immer nur in den Dienst gebrochener Charaktere und schrecklicher Geschichten gestellt. Ebendas machte den Sucht-Faktor aus: die Kombination von greller Komik mit tiefsten psychischen Abgründen. Dabei konnte man durchaus auf die Idee kommen, dass hier eine hochbegabte, aber reichlich neurotische Autorin das Schreiben als Angsttherapie betrieb. Über alle inneren Widerstände hinweg lockte sie einen in ihre Horror-Szenarien hinein

Carola Jeschke:

Sprachspiele, Neologismen, ungewöhnliche Metaphern, das Besondere an einer Situation herausarbeitend, witzig, manchmal schief und schrill und für manchen Leser bis an die Grenze des Erträglichen gehend, aber immer die Situation charakterisierend, in Frage stellend und das Neue beinhaltend – macht das Lorrie-hafte aus. Sprache ist in Lorrie Moores Geschichten „Rüstung und Waffe, Werkzeug der Analyse und Verschleierung, absurd, brutal…“

Eva Menasse in der Welt:

Eine der bezaubernd-verrücktesten Schriftstellerinnen, die ich kenne. Ihr Humor ist so schräg wie eingängig. Sie ist eine grandiose Verbinderin von grellem Witz und herzzerreißendem Drama

Englische Pressestimmen:

New York Times:

…these insightful and moving stories; they are not, overall, a happy lot. They’re women and men struggling with displacement, disappointment, the breakdown of both the earth’s environment and their own sense of emotional stability. Almost all of the people in “Like Life“ seem isolated, as if some essential connection between head and body has been severed… these bright, articulate people, spurned in midair, adrift in the middle of the sea… ((Vergleich mit Leben ist Glückssache/Self-Help:)) The stories are traditionally told, less capricious and far more capacious. There’s a stronger sense of place, a unity of time and a new richness and variety of characters. The direct, matter-of-fact storytelling seems here to be born of deserved self-confidence. It is the strength of Ms. Moore’s writing – the accuracy of her observations, the lyricism of many of her descriptions and the wry view of behavior wryly expressed – that prevents these stories about mostly unhappy people from ever being grim or maudlin… love in these stories leaves one stranded and adrift, offers anything but hope and salvation… even the least optimistic insights are written with such truthfulness and wit that they make “Like Life“ a rewarding, even exhilarating book.

Publishers Weekly:

Nobody is having a good time in Moore’s ( Self-Help ) wondrously witty second collection of short stories. Her characters may live above the urban rot but fumes rise from the gutter and out of the drain pipes. The problem: there is no passion in Moore’s world… With gallows humor and unfailing understanding, Moore evokes her characters‘ quiet desperation and valiant searches for significance.

Kirkus Reviews:

…characteristic glibness, wisecracking, and sarcasm. Moore’s eight well-edited pieces, some reprinted from The New Yorker, find a number of disaffected and disillusioned lovers leading lives of either quiet desperation or noisy pathos. The losers-in-love are legion here… Moore’s talent for quips and puns and her aphoristic compulsion can lead to much strained seriousness. What at first glance seems clever proves–with repeated viewings–all affect, little substance.

Paris Review:

a collection that demonstrated Moore’s remarkable ability to juggle everyday outrage and high tragedy with a hand so deft that her most poignant passages are often also the most hilarious or sardonic. With her second book of stories Moore’s reputation as a story writer was cemented, but it was her third, Birds of America, that firmly superglued her to the pantheon of contemporary American writers

The Guardian über Moores Kurzgeschichten allgemein:

A Lorrie Moore story can sometimes be like a schoolroom full of precocious kids, every sentence raising both hands and squeaking: ‚Me! Me! Choose me!‘ There’s no escaping the fact that most of the outgrowths on Moore’s prose, begging to be sanded down, are wisecracks, puns and jokes. Nothing could be more traditional than apologising with kookiness for an intelligence too strong to be hidden. Would she really rather be cute and goofy than smart? It’s a bad bargain because she cheats herself and her readers of something that had a real chance of being original and fierce.

Bill Kerwin bei Goodreads:

Are you the kind of person who has a sarcastic sense of humor but find yourself surrounded by people who can’t seem to get the joke? If so, you might really like this book. These are bleak, funny stories about lost people, written in a brisk, colloquial prose that sparkles with a wit that never masks the desperation of the characters‘ disorganized lives. The typical story features an East Coast intellectual woman marooned in the Midwest, using irony to defend herself in an environment impervious to irony.

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