Rezension Kurzgeschichten, Gedichte, Kritiken: The Collected Dorothy Parker (Penguin Classics 2001) – 7 Sterne – mit Ausgabenvergleich, Links & Hintergründen

Dorothy Parker ist bekannt für extrem sarkastische, selbstironische Gedichte und Kurzgeschichten über das Liebes- und Sozial-Leben im New York der 1920er bis 1940er Jahre. Dieser gut 600seitige Sammelband zeigt: Oft schreibt Dorothy Parker gar nicht so amüsant hochtourig sarkastisch. Nicht überall lauern köstliche Einzeiler. Einige Kurzgeschichten klingen einfach stark satirisch oder auch psychologisch genau, sozialkritisch, mitunter melancholisch bis verbittert.

Parker schreibt zumeist über Mittelschichtfiguren, sie karikiert Großtuerei, Heuchelei, Hinterhältigkeit, Eifersucht und Vielweiberei – in diesem Band teils repetitiv. Herzlose Männer beherrschen das Feld, Frauen hecheln ihnen verliebt nach, aber sie zicken und intrigieren auch. Ärmere Frauen wünschen sich reich. Kein Paar lebt harmonisch, will dies jedoch vorspiegeln.

Parker schreibt nüchtern kunstlos, leicht lesbar, sachdienlich, beiläufig und doch voller Zwischentöne. Sie hat ein sehr gutes Ohr für Dialog und Ideolekt, die Figuren wirken sehr plastisch. Meist schildern ihre Kurzgeschichten nur eine einzelne Szene; es sind keine Miniromane. Weil viele Geschichten nur im Wohnzimmer spielen und vor allem aus Dialog bestehen, denkt man oft an Sitcoms oder Theater.

Freilich ähneln sich viele Figuren auch, sie stammen meist aus der Mittelschicht, der Mann geht ins Büro, die Frau verschiebt im trauten Heim Blumenvasen und Dienstmädchen. Das wiederholt sich zu oft in dieser dicken Sammlung, und man hätte das Thema gern als Roman – doch Parker liefert nur unverbundene, recht kurze Kurzgeschichten. Einen Roman schrieb sie trotz mehrerer Anläufe nie zu Ende.

Ein paar Geschichten sind fad und/oder ich fand keinen Zugang – die habe ich überblättert. Parkers Gedichte klingen teils lakonisch selbstmitleidvoll, tieftraurig. Die Kritiken aus ihrer Feder sprachen mich kaum an.

Insgesamt hätte mir eine deutlich kürzere Parker-Sammlung auch gereicht. Die Frage ist nur, ob die knappere Auswahl dann meinen Geschmack trifft.

Die Kurzgeschichten:

Nicht alle Kurzgeschichten las ich zu Ende. Bei manchen fand ich zwei oder drei Seiten lang keinen Zugang, dann gab ich auf, etwa wegen seitenlanger Beschreibung hässlicher Möbel oder langer Monologe.

Schließlich habe ich mich auf Kurzgeschichten konzentriert, bei denen schon der Umbruch viel Dialog versprach, und damit Leben, eine Stärke Dorothy Parkers. Allerdings: Auch die Überschrift A Telephone Call verhieß Dialog – doch darunter steht der Monolog eines Bürofräuleins, das einsam einem Anruf entgegenfiebert.

Vollständig gelesen habe ich, meist mit Genuss (Jahresangaben ohne Gewähr):

  • Such a Pretty Little Picture (1922 in Smart Set) – spießige, scheinbar perfekt aufgestellte Kleinfamilie mit kleinen Schwachstellen; erinnert an Little Curtis; Parkers erste Kurzgeschichte; nicht in Collected-, nur in Portable-Ausgabe von 2006 (s.u.) – freche Satire, relativ kleinbürgerliches Personal – 6/10 Sternen
  • The Lovely Leave (1943) – Einsame Soldatengattin erwartet Kurzbesuch ihres Manns, die Wiederbegegnung verläuft unverhofft – einfühlsam, bitter, etwas streng gefühlig, kurz sarkastisch, erinnert an Here We Are – 7/10
  • Arrangement in Black and White (1927 im New Yorker) – weiße Tussi schnattert dümmlich freundlich über und mit Afroamerikaner; offenbar Schullektüre; Parker vererbte ihr Vermögen an Martin Luther u. NAACP – teils lustig, zu aufgesetzt satirisch, kurz – 6/10
  • The Sexes (1927) – junger Mann, junge Frau reden zunehmend gereizt, Missverständnisse, Eifersüchtelei – feinsinnig, kurz; auch Titelstory eines Parker-Kurzgeschichtenbandes über Geschlechterbeziehung – 7/10
  • Mr Durant (1924) – selbstgefälliger Bürohengst und Familienvater schwängert außerehelich Tippse – satirisch zynisch – 7
  • The Standard of Living (1941) – arme Büromäuse träumen von Millionengewinn, spielen sich beim Juwelier auf; offenbar Schullektüre – platte Materialismuskritik, weniger gehaltvoll – 5
  • Here We Are (1931) – Frischverheiratete reden banal, dann bissig auf dem Weg zum Flitterhotel; Wiki; lt. Marion Meades Parker-Bio Filmrechte verkauft – schöne Dialogkaskade, teils zum wohligen Fremdschämen, erinnert an The Lovely Leave – 7
  • Dusk bevore Fireworks (1944?, 1932?) – traute Zweisamkeit scheitert, weil der attraktive Junggeselle laufend weitere Damenanrufe erhält; Teil eines 1990er-Films (Wiki, Amazon), der auch Hemingways Kurzgeschichte Hills Like White Elephants verwendet (seltsame Kombo) – quälend spitze Dialoge, ein paar Mal habe ich erschrocken aufgelacht – 8
  • You Were Perfectly Fine (1929) – sie rekapituliert seine b’soffene G’schicht vom Vorabend allzu beschönigend, unüblich für Parker ohne Eifersucht; sehr kurz; 2008 ARD-Hörspiel mit Hermann Lause – naja – 5
  • Hofstadter on Josephine Street (1934) – schwarzer Hausdiener mit kohärenter Logorrhoe und Chefallüren; biogr. Hintergrund – zum Fremdschämen scharfe Karikatur eines dampfplaudernden Großtuers, erinnert an Eudora Weltys Dampfplauderer – 8
  • Too bad (1923 in Smart Set) – nach sieben Ehejahren nur öder Alltag, höflich gestelzte Gespräche, falsche Rücksichten, doch äußerlich perfekt harmonisch – schmerzhaft hochaufgelöste Ehe-Tristesse, ohne Schenkelklopfer außer in der kurzen Rahmenhandlung mit zwei Klatschtanten – 7
  • The Last Tea (1926) – Mann + Frau beim Tee, Eifersüchteleien, Genervtheiten; sehr kurz – typisch Parker, aber nicht in Hochform – 6
  • Big Blonde (1929) – Protagonistin durchläuft Ehe und diverse geldige Liebhaber, sie soll immer gut drauf sein; untypisch wegen Länge, langen Berichtszeitraums, vieler Akteure, Dialogarmut, (Melo-)Dramatik; preisgekrönt; sicher sehr autobiografisch; Titel eines Parker-Buchs; TV-Spielfilm 1980 (IMDB, Amazon) – einfühlsam, trostlos, auf ruhigere Art zynisch, kein Schenkelklopfer, bleibt lange im Kopf – 7
  • Lady with a Lamp (1932) – Monolog einer verlogenen Schlange auf Krankenbesuch – geheuchelte Anteilnahme, falsche Freundschaft zu deutlich karikiert, Monologform bewusst enervierend – 6
  • New York to Detroit (1939) – Frau belagert Mann am Telefon mit Liebe etc., der bleibt kühl, lenkt ab – melodramatisch, typisch kalter Mann à la Parker – 7
  • Horsie (1932?)pferdegesichtige, plumpe In-house-Pflegerin bei elegantem Paar, Klassenunterschiede, peinlich befangene Konversation; Filmrechte verkauft (NYT); Thema erinnert an The Bolt Behind the Blue – soziale Befangenheit und Unterschiede schmerzhaft durchexerziert, leicht melodramatisch – 8
  • Glory in the Daytime (1933) biedere Gattin eines drögen Buchhalters trifft verehrte glamouröse Schauspielerin – unterhaltsam, satirisch, ausnahmsweise mit Glamourwelt – 7
  • Cousin Larry (1934 im New Yorker) – Ältere kinderlose Ehefrau eifersüchtig auf jüngere unbeschwerte Bekannte ihres Mannes, die hier monologisiert – intrigante und traurige Frauen in einer kurzen Geschichte, einer der Parkerschen Frauenmonologe, die mild übertrieben wirken – 6
  • Little Curtis (1927) – Matrone extrem sparsam, (sitten-)streng, pedantisch; erinnert an Such a Pretty Little Picture – böse Satire – 7
  • Lolita (1955 im New Yorker) – Frau und Tochter in Provinz freudlos über die Jahre, bis Tochter automobilen Herrn heiratet und fortzieht; scheinbar Parodie auf Nabokovs Lolita (1955), kurz bevor der Roman erschien (dazu Vulture-Artikel 2013 von Galya Diment; Marion Meades Parker-Biografie von 1988 erwähnt die Kontroverse offenbar nicht, ihr Portable Parker von 2006 enthält die Geschichte nicht) – vage, dialogarm, wenig plastisch, sehr untypisch – 4
  • The Bolt Behind the Blue (1958 im Esquire) – verlogenes Parlando zwischen Reicher, Armer und Freundin der Armen; Thema erinnert an Horsie, hier dialogärmer und breiter – böse Satire auf Sozialneid und Heuchelei – 7

Die Collected Dorothy Parker enthält auch (zumindest teilweise) das ursprüngliche Geleitwort von Somerset W. Maugham. Er schwafelt onkelhaft, aber er bringt die Qualität der Parkerschen Kurzgeschichten auf den Punkt:

Whether in a sketch or a story she knows exactly where to begin and where to end and when you have done reading it you have no questions to ask (What happened next? Why did he do that?) for she has told you all you need to know. She has a tidy mind and leaves no loose ends. She has a wonderfully delicate ear for human speech and with a few words of dialogue, chosen you might think haphazardly, will give you a character complete in all its improbable plausibility. Her style is easy withought being slipshod and cultivated without affectation.

Freie Assoziation:

Parkers Gedichte:

Viele Gedichte sind nicht wie erhofft witzig-sarkastisch-selbstironisch, sondern melancholisch, selbstmitleidig, trüb. Darauf deuten schon Überschriften wie „For a Sad Lady“, „Condolence“, „Chant for Dark Hours“, „They Part“, „Ballad of a Great Weariness“. Freilich amüsieren doch just einige Gedichte mit traurigem Titel, etwa „For a Sad Lady“ mit Suizidcoaching.

Bei anderen Gedichten bräuchte man den biografischen oder sonstigen Zusammenhang, etwa bei „Story of Mrs. W—-“ – wer war W.? (Natürlich sollte ein Text aus sich heraus überzeugen, ohne zusätzliche Wikipedia, und doch.) Andere Gedichte zitieren Sagengestalten – undenkbar für Parkers nüchtern zeitgenössische Kurzgeschichten.

Liebes Internet, Dich interessiert’s nicht, und ich sag’s trotzdem: Ich hab‘ eh keine Ader für Lyrik, außer für Pfiffig-Komisches wie Wilhelm Busch, Kurt Bartsch (bei Amazon) oder Frank Ramonds Texte für den frühen Udo L. oder Roger Cicero. Vergleichbaren Pepp hatte ich mir auch von Dorothy Parkers Lyrik erhofft, aber großteils nicht erhalten.

Die wenigen pfiffigen Parker-Gedichte kannte ich schon aus verschiedenen Texten über Parker, diese köstlichen Zeilen zitieren sich ja quasi von selbst. Wenn ich mehr Parker-Pepp brauche, lese ich ihre Zitatensammlung oder Marion Meades zitatenschwere Parker-Biografie What Fresh Hell Is This (bei Amazon) (s.u.).

Dorothy Parkers Kritiken:

Die Kritiken für Vanity Fair entstanden 1918-1920, sie gelten als Juvenilia und uninteressant, Parker war völlig unerfahren. Ich habe sie nach kurzer Stichprobe überblättert.

Die späteren Buchsprechungen für den New Yorker unter dem Pseudonym Constant Reader klingen teils witzig, plaudertaschig, aber auch eitel-selbstgefällig. Meist schwadroniert sie dort über heute wenig bekannte Autoren, vereinzelt erscheinen Truman Capote, Earnest Hemingway und in 1950er-Rezensionen John Updike. Letztlich übte kein Kritikenteil Sogwirkung auf mich aus.

Zur Ausgabe The Collected Dorothy Parker, 2001:

Nach dem Impressum in meiner Collected-Ausgabe (das Cover zeigt Zigaretten vor Rot) erstmals 1973 gedruckt, dann diverse unveränderte Neuauflagen (bei Amazon). Zunächst erscheinen komplett alle Kurzgeschichten und Gedichte, die Parker selbst 1943 für den Band The Portable Dorothy Parker (erschienen 1944) zusammenstellte. Dem folgen wenige weitere Geschichten, die Parker nach 1944 schrieb.

Dazu kommen hier zahllose Buch- und Theaterkritiken seit 1918 sowie ein paar sonstige Artikel Parkers, eine Einführung von Brendan Gill von 1973 und ein Geleitwort von Somerset W. Maugham, insgesamt rund 605 Seiten Haupttext. Zu den Kurzgeschichten gibt es keine genaue Bibliografie (Zeit, Ort des Ersterscheinens), nur Listen der Parkerschen Hauptpublikationsorgane wie The New Yorker. Zu den Kritiken gibt es dagegen genaue Daten sowie Hintergründe per Fußnote.

  • In dieser Ausgabe kein Parker-Interview, keine Briefe, keine Illustrationen, keine Einführung der Parker-Biografin Marion Meade (vgl.u.), nicht Parkers erste Kurzgeschichte Such a Pretty Little Picture und nicht The Garter (1928)
  • Nur hier und nicht in der Portable Dorothy Parker von 2006: die späten Kurzgeschichten I Live on your Visits und Lolita (beide unattraktiv)
  • Kein Parker-Sammelband enthält offenbar: ihre Drehbücher und Hörspiele, ihr spätes Theaterstück The Ladies of the Corridor, ihre Essays für die Saturday Evening Review

Meine englische TB-Ausgabe von Penguin Classics zeigt unschön ausfransende Buchstaben, teils verschwinden Punkte oder dünne Beinchen einzelner Buchstaben ganz, Kommata erscheinen als Punkte – das zeigt den schmierigen Charme einer Raubkopie aus Saigon oder eines US-Buchs „printed in Poland by Amazon Fulfillment“ (wie bei meiner Richard-Yates-Biografie). Im Parker-Fall verantwortet das fiese Schriftbild jedoch wohl direkt Penguin Classics, vielleicht ist es eine fotomechanische Reproduktion der Ausgabe von 1973; einige weitere Kunden klagen ebf. online über schlechtes Schriftbild.

Zur Ausgabe The Portable Dorothy Parker, hgg. von Marion Meade 2006:

Parker-Biografin Marion Meade veränderte The Collected Dorothy Parker von 2001 (s.o.) und veröffentlichte es 2006 als The Portable Dorothy Parker in der Penguin Classics Deluxe Edition (bei Amazon). Sie entfernte viele frühe Parker-Kritiken aus Vanity Fair, die sie zurecht für veraltet hielt, sowie die späten Kurzgeschichten I Live on your Visits und Lolita (beide reizlos), und sie ersetzte Brendan Gills Einleitung durch einen eigenen Text (Meade en detail über ihre Eingriffe im Interview der Parker Society). Sie fügte einige Parker-Kritiken und -Artikel ein, die in der Collected-Ausgabe nicht erscheinen, und Parkers erste, lesenswerte Kurzgeschichte „Such a Pretty Little Picture“.

Vor allem brachte Meade Parkers langes Interview von 1956 mit der Paris Review und 15 Parker-Briefe zwischen 1905 und 1962, u.a. an F. Scott Fitzgerald, Hemingway und die Murphys – sehr autobiografische Einlassungen, die sich in meiner Collected Dorothy Parker von 2001 (s.o.) nicht finden. Außerdem Illustrationen von Seth. Die Länge blieb gemäß Verlagsvorgabe etwa gleich (hier +20 Seiten). Meade schätzt, mindestens 30 Prozent seien gegenüber The Collected Parker verändert. Genaue Inhaltsangabe hier beim Verlag.

Zur Biografie Dorothy Parker: What Fresh Hell Is This, von Marion Meade (1988):

Ich habe die sehr ausführlichen 1920er und 1930er Jahre dieser Biografie (bei Amazon) gelesen. Meade schreibt sehr leicht lesbar und mit viel Heißhunger auf Anekdoten und Wer-mit-wem. Sie zeigt Verbindungen zwischen Parkers Begegnungen und Finanzen und ihren Geschichten, verzichtet aber auf genaue literarische Analysen. Meade zeigt auch viele interessante Privatfotos. Parkers Leben in den 1920ern und frühen 1930ern in New York und Frankreich ist vergnüg- und weniger vorbildlich.

Meade zitiert viele fulminante Parker-Sprüche, die es nicht in Gedicht- oder Prosaform gibt. Parker trifft nur kurz die A-Promis ihrer Zeit, Umgebung und Branche, etwa George Gershwin, Irving Berlin, Hemingway, Archibald MacLeish, die Murphys, John Dos Passos, F. Scott Fitzgerald. W. Somerset Maugham, Martha Gellhorn und das lebende Vorbild für den Großen Gatsby. 1925 hebt Parker mit Harold Ross u.a. den New Yorker aus der Taufe. Wie bei vielen ihrer kreativen  Art Zeitgenossen frustriert das Abgleiten in Alkohol und Einsamkeit.

Den US-Spielfilm Mrs. Parker and her Vicious Circle (1994, dt. Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis) gibt’s u.a. bei Amazon Prime, dort aber nur auf Deutsch ohne Untertitel.

Einige weitere Dorothy-Parker-Ausgaben:

  • The Portable Dorothy Parker, u.a. 1944, 1989 in mehreren Varianten
  • The Poetry and Short Stories of Dorothy Parker (Modern Library 1994; bei Amazon)
  • Denn mein Herz ist frisch gebrochen, Sämtliche Gedichte, Zweisprachige Ausgabe, 400 Seiten (bei Amazon)

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