Rezension Kurzgeschichten: A Hand Reached Down to Guide Me, von David Gates (2015) – 6 Sterne – mit Presse-Links


Elf Geschichten haben je zehn bis 20 Seiten, meist Auftragsarbeiten für Paris Review, GQ und The New Yorker seit 2001. Nur die Geschichte Banishment ist deutlich länger. (Eine ähnliche, noch geschlossenere Struktur hat Gates‘ frühere Kurzgeschichtensammlung The Wonders of the Invisible World, 1999.)

Fazit:

David Gates schreibt intelligent über Intelligente, die intelligent reden, aber sich unklug wieder und wieder in den Abgrund saufen und rauchen. Das ewige Ehebrechen, Drogenschlucken und die vielen ältere Männern mit zugewandten jüngeren Gespielinnen ermüden. Einige Kurzgeschichten wirken wie hingerotzt, ohne Rücksicht aufs Leserverständnis, der Ton ist mitunter vulgär oder eiskalt – Gates schlechtestes Buch bisher.

Ältere Herren:

Die Sammlung erschien, als Gates fast 70 war. Gleich die ersten zwei Geschichten zeigen eindrucksvolle Männer um 70, die sich weitaus jüngere, attraktive Frauen angeln. Mindestens sechs weitere Texte beschreiben virile Rentner – meist locker erfolgreich, sogar begehrt beim jüngeren weiblichen Geschlecht.

Das Autorenfoto der hinteren Umschlagklappe zeigt Gates mit weißem Hemingway-Bart, und exakt diese Figur begegnet wiederholt als homme à femmes in den Geschichten. So beglückt eine junge Frau, „slinky-limbed“, einen „lean man in his sixties with a trimmed white beard“ im „bedroom“ (S. 138 der Serpent’s Tail-Ausgabe); eine Mittvierzigerin denkt über ihren Vater (S. 280):

He’d trimmed his white beard so nicely… He was still a beautiful man. Objectively.

Trotz angedeuteter Selbstironie, hier tröpfelt streng riechend die Altherrenfantasie, fast schon so unangenehm wie bei Updike oder Walser in ihren späten Jahren, James Salter ist zurückgenommener.

Immerhin, Gates macht seine Altersgruppe nicht durchgehend zu Don Juans. Ein älterer Herr wird abgewiesen, ein anderer muss nachhelfen (Seite 260):

I’d dropped a blue pill and could feel my face starting to get red. I didn’t always take one, but i was fifty-nine and she was forty-four…

Dieses Rentnerjiepern und die neuen spiritistischen Töne – Toten-Erscheinungen in mindestens zwei Geschichten – machen A Hand Reached Down to Guide Me weniger attraktiv als alle früheren Gates-Bücher, dazu das ewige Ehebrechen samt uro- und gynäkologischen Details im Terminator-Ton. Die Ostküsten-Schauplätze, der nüchterne Sex und das Ehebrechen erinnern auch an den fast zeitgleich erschienenen Roman All That Is von James Salter, der die Ereignisse aber weniger mechanistisch schildert.

Sarkasmus:

Andere Gates-Konstanten bleiben erhalten oder werden weiterentwickelt: Die Beziehungen kriseln in Vororten und Käffern des US-Nordostens; die infinitesimalsarkastischen Sentenzen klingen allenfalls noch zugespitzter als bisher; die Story-Einstiege wirken vielleicht noch einen Tick abrupter – man muss alles etwas länger verarbeiten, zum Glück liegt es in Schriftform vor. Alle parlieren wieder gebildet über Literatur und Musik, konsumieren dann jedoch verbotene Substanzen ausgerechnet vor Autofahrten und wichtigen Terminen: eine billige Art, Spannung zu erzeugen und wenig plausibel.

Die 20- bis 35jährigen Frauen in diesen Geschichten sind lässig Ehebruch-, Drogen und Altherren-affin und wiederholt teil-lesbisch (The Wonders of the Invisible World hat dagegen mehr schwule Paare).

Insidiously nasty and genially confiding…“ – die Kritiker:

Financial Times:

they quip and quote obsessively… “Alcorian A-1949” is told in a voice so insidiously nasty and genially confiding

New York Times 1:

in language rife with humor and allusion. Many of Gates’s characters are polished professionals, well into the second acts of their lives…

New York Times 2:

these stories are best read separately and slowly. They have too much in common to be allowed to run together.

Kirkus Review:

a knack for burrowing into the lives of affluent, culturally savvy types… Sometimes these stories strain credulity to attain their effect of domestic collapse

The New Yorker:

a motley crew of characters who cheat, drink, snort, and lie their way through the autumn of their lives… a moving account of flawed existence.

Pop Matters:

So many adulterers in the stories… Gates peppers many stories with educated, pompous protagonists who rattle off cultural trivia and references

The Daily Beast:

Full of Gates’s laser prose, his pitch-perfect dialogue, and his usual wised-up, broken-down, unmoored characters… smart, erratic, and self-sabotaging

Spectator:

There’s a callous, coarse lovelessness… To be married is to be unloved; to be fancied is to be attained and then to be unloved.

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