Rezension (Kurz-)Geschichten: Die Ballade from traurigen Café, von Carson McCullers (1951, engl. The Ballad of the Sad Café) – 7 Sterne – mit Video & Kritiken

Fazit:

Hauptattraktion ist McCullers‘ punktgenauer, trockener Erzählton. Ihre Figuren in der Geschichtensammlung The Ballad of the Sad Café sind melancholisch und einsam, einige wirken auch bizarr bis rätselhaft. Die nicht verbundenen Kurzgeschichten liefern eher Stimmung als Handlung – das aber exzellent. Zwei Geschichten sind schlicht zu merkwürdig und lassen den Leser kalt. Das Büchlein ist luftig bedruckt und flugs ausgelesen.

Atmosphärisch:

Die 70seitige Titelgeschichte unterscheidet sich deutlich von den anderen Texten: Die Erzählung The Ballad of the Sad Café hat nämlich viel Handlung, sie hat markante Südstaaten-Atmosphäre und sie ist weitaus länger als die anderen Beiträge (ich kenne nur die engl. Ausgabe The Ballad of the Sad Café mit weiteren Kurzgeschichten und kann die Eindeutschung nicht beurteilen). Die träge Stimmung in einem öden Südstaatenkaff beschreibt McCullers (1917 – 1967) mit herrlich müden Worten, und die harte Schale der alleinstehenden Cafébetreiberin Amelia kommt gut heraus.

Zur Wirkung trägt auch der unmittelbare Erzählton bei – als ob die Autorin den Hergang bei einem von Amelias vorzüglichen, hausdestillierten Whiskeys ganz lässig erzählt. Und dann noch dieser famose Titel; kein Wunder, dass Merchant-Ivory daraus einen Film mit Vanessa Redgrave strickten (1991, auf Basis der Novellen-Dramatisierung durch Edward Albee; Video unten).

Freilich sind die drei Hauptfiguren dieser Geschichte grotesk: ein kleinwüchsiger, opportunistischer Buckliger; die geschäftstüchtige und streitsüchtige Amelia, meist im Overall, 1,87 Meter hoch, mit undurchschaubarem Gefühlsleben; und der Ex-Knacki Marvin, von Amelia einst nach zehn Tagen Ehe rausgeworfen, jetzt in einem öffentlichen Ringkampf gegen sie.

Noch mehr traurige Cafés:

Die weiteren Geschichten zählen nur zehn oder zwölf Seiten. Und sie haben – anders als Sad Café – kaum jenen Südstaatenflair, der als McCullers Markenzeichen gilt. Zwei dieser Geschichten spielen in anderen, traurig gestimmten Cafés oder Bars. Es geht um

  • einen seltsamen Jockey, der etwas an die Hauptfigur aus Sad Café erinnert, und seine Auftraggeber
  • einen einsamen Mann, der lange seiner davongelaufenen Frau nachtrauerte, dann aber etwas lernte.

Zwei weitere Geschichten handeln von bröckelnden Mittelschicht-Familien in oder um New York, mit Anklängen an James Salter, Richard Yates und F. Scott Fitzgerald. McCullers beschreibt

  • einen lange Geschiedenen, der in New York seine glücklich wiederverheiratete Ex-Frau trifft
  • eine in den Alkoholismus abgleitende Hausfrau und Mutter

Und wie in ihren Romanen so spielt auch in einigen Kurzgeschichten McCullers‘ die Musik eine wichtige Rolle. Die Autorin schildert

  • eine ambitionierte, melancholische Klavierschülerin
  • eine mild verrückte Klavierlehrerin

Wie immer bei Klassikern empfehle ich eine Schulausgabe mit Anmerkungen und bei englischen Klassikern vielleicht eine Schulausgabe mit Anmerkungen und Vokabelhilfen.

Presse:

Frankfurter Rundschau:

Mit der berühmten – wahrscheinlich das einzige ihrer Bücher, das in Deutschland ein paar Leser gefunden hat – „Ballade vom traurige Café“ hat die im 50. Lebensjahr Verstorbene vollends den Blues. Der staubige Vorhang hebt sich in traumverlorener Langsamkeit, und eine von Zigaretten und Schnaps brüchig gewordene Stimme schleppt uns vor jenes windschiefe Haus, dessen Fenster- und Türöffnungen seit langem vernagelt sind… Ein kleines Buch von himmelweiter Schönheit

Literaturkritik.de:

In sinnlicher Bildhaftigkeit kleidet Carson McCullers sodann den kalten Glanz des mitternächtlichen Januarhimmels in Worte. Ihre poetischen Schilderungen von Abendromantik, flirrender Hitze, lauten Grillen und von Maismehl, Schnupftabak, Kakao und Papierservietten stehen in so deutlichem Kontrast zur tragischen Handlung, dass deren Wirkung weiter verstärkt wird.

Die-Leselust.de:

eine wirklich traurige, ganz still und unaufgeregt erzählte Geschichte über die Liebe, darüber, dass man so selten von dem Menschen wiedergeliebt wird, den man selbst liebt – und dass die Liebe auch Menschen trifft, die sie ganz offensichtlich nicht zu verdienen scheinen…

Aboutsomething:

…in wunderschön poetischen tiefsinnigen Sätzen, die man sich notieren möchte um ewig darüber nachzusinnen… Sie erzählt in einer ganz beeindruckend sensiblen und bildhaften Sprache, die einen besonders traurigen Erzählton trägt, der unter die Haut geht und berührt, weil er so rein, so ehrlich ist… Ihre Figuren und deren Charakter erschließen sich nicht auf den ersten Blick, sie sind Randgestalten, die verwirren, bewegen und überraschen, darin liegt ihr Geheimnis

New Yorker:

In “The Ballad of the Sad Café,” heat is boredom, lifelessness—and, in the opening passage, lovelessness, sexlessness…

Maribiella:

I’ve never been to the American Deep South, but often, reading The Ballad of the Sad Café, I felt not only like I was there, but as if I had lived there my whole life and knew it intimately… McCullers, in her beautiful, fluid prose, explores the nature of love: its intricacies, its mystery, its betrayals… there are a number of short stories in the collection – The Wunderkind, The Sojourner, A Domestic Dilemma – all of which pack a punch, and perhaps owe much to McCullers’ own tortured life

Lyza.com:

The Ballad of the Sad Cafe is, in fact, sad. So sad it resonates with the sadness behind it: Carson McCullers must have been sad herself. It feels too personally acquainted with sad to have been fabricated… McCullers captures the stifling dullness of a southern small town but pins her characters to it like bugs under glass. Poor things.

Literary Ladies Guide:

Mrs. McCullers with the fine hand of a craftsman and the insight of a poet explores the emotions of jealousy and loneliness in the troubled depths of abnormal personality…


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