Rezension: Kulturschock Cuba (2016, von Jens Sobisch) – 7 Sterne

In dichter Fülle auf kleinem Raum liefert Jens Sobisch reihenweise interessante Fakten aus dem Alltagskuba, die nicht im Reiseführer stehen – idealer Reiseführer durch die Alltagskultur, insgesamt als Kuba-Dossier vor einer Reise deutlich besser als Kuba fürs Handgepäck und Gebrauchsanweisung für Kuba. Ich hatte die Ausgabe 2016, deren genaue, vierseitige Zeittafel mit Obamas Havanna-Besuch im März 2016 endet.

Sobisch textet, wie ihm der Schnabel wuchs, gelegentlich holprig, verzichtet aber auf Klischees oder Passivierungs- und Substantivierungsorgien. Mitunter klingt er abgedroschen salopp („Klamotten“ für Kleidung; „Wortschmied“ für Hemingway), mitunter fidel launig: „Dass Cubaner Kinder lieben, ist eine groteske Untertreibung!“, S. 20; „Soja…galt als nutritive Allzweckwaffe: Sojalismus im Sozialismus“, S. 182.

So knackig Sobisch oft zur Sache kommt, die Themenverteilung wirkt umständlich: Den Lauftext unterbrechen nicht nur 30 oft mehrseitige „Exkurse zwischendurch“, sondern auch noch 16 weitere Textkästen über die Kubaner (bei Sobisch stets „Cubaner“) „Adriana und Orlando“. Ist die kubanische Geschichte im Haupttext im Jahr 2016 angekommen, folgt ihr plötzlich ebenfalls im Haupttext die Zwischenüberschrift „Fidel Castros Cuba“ (und einen Textcasten gibt es über Castro natürlich auch noch). Und zu Adriana und Orlando gesellen sich im Lauftext auch noch Fulano und Fulana, verschwinden aber bald wieder. Insgesamt also 46 oft substantielle Textkästen zwischen etwa 280 Seiten unstrukturiertem Haupttext. So richtig fest liest man sich da nicht. Ein paar weitere Beispiele für Unübersichtlichkeit:

  • Seite 84 zeigt ein Foto der Spione „Los Cincos“ mit kurzer BU; ihre Geschichte steht erst im Exkurs auf Seite 107
  • Ab Seite 253 erscheint eine nur etwa vierseitige, aber dichte kubanische Literaturgeschichte. Interessante konkrete Buchtipps stehen dann auf Seite 285 bis 290.
  • Interessante Webadressen erscheinen teils bei bestimmten Themen (und nur als Weiterleitungslink via Buchverlag-Webseite), teils en bloc auf S. 284.

Sobisch romantisiert das Land nie und zeigt viele kleine, teils ernüchternde Alltagsfotos. Auch über deutsch-kubanische Paarbeziehungen schreibt er mehrere Seiten und meint trocken: „Uneigennützige Freundschaften mit Ausländern sind selten“ (S. 265). Die gut dazu passende Doku Heirate mich – Casate conmigo (2003) erwähnt er jedoch nicht.

Nach aller Kompaktheit wird’s unter der Überschrift „Andere Länder, andere Sitten“ plötzlich seltsam gewunden und allgemein; Sobisch rechtfertigt sich über gut zwei Seiten offenbar für die dann folgenden Verallgemeinerungen zum Nationalcharakter, obwohl er solche Pauschalstatements scheint’s eigentlich nicht mag, andererseits aber den Leserbedarf danach versteht; viel später entschuldigt er sich noch einmal wortreich für „an sich unzulässige Verallgemeinung“ (S. 265).

Prima: Sobisch – u.a. auch Autor von Cuba Slang (und von Das Deutsch der Franken) – lässt viel kubanisches Alltagsspanisch einfließen, wenn nötig mit wörtlicher und sinngemäßer Übersetzung, und bringt ein paar Seiten Sprichwörter und Kubanismen. Auf wenigen Seiten listet er reihenweise typische Gerichte und Rum-Cocktails, ideal für erste Rundgänge vor Ort. Zudem bringt Sobisch einige derbe Witze und Anmachsprüche der Kubaner (mehr vergnügliche Anmachsprüche und Widerreden allerdings bei Jürgen Schaefer, Gebrauchsanweisung für Kuba).

Das kompakte Bändchen liegt gut in der Hand und wirkt mit seinem matt gestrichenen Fotodruckpapier und 334 Gramm überraschend schwer.

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