Rezension Karachi-Roman: Alice Bhattis Himmelfahrt, von Mohammed Hanif (2011, engl. Our Lady of Alice Bhatti) – 5 Sterne – mit int. Pressespiegel

Szenen aus Alice Bhattis Schwesternalltag in einem verkommenen staatlichen Krankenhaus in Karachi und über ihre seltsame Ehe mit einem Bodybuilder und Polizeischergen. Dazwischen Einschübe über Bhattis Zeit im Frauengefängnis, über Vater und Wunderheiler Bhatti und über Polizei-Misshandlungen.

Fazit:

Schnelle, dreckige, zynische und betont gern vulgär-obszöne, manchmal salopp brutale Satire aus einer verkommenen Dritte-Welt-Großstadt. Leicht zu lesen, wenig Pakistan-Ambiente; die Menschen wirken konstruiert, die letzten Seiten bizarr.

Schrill und unspezifisch:

Lauter schrille Figuren bevölkern den Krankenhausroman, und ich hatte nie das Gefühl, nach Pakistan oder Karachi versetzt zu sein – es kann irgendeine Drecksstadt in irgendeinem Bananenland sein. Teilweise wird es kräftig ordinär, so beim blutigen Blowjob im Krankenzimmer (ich hatte die englische Ausgabe und kenne die deutsche Übersetzung nicht).

Autor Hanif, einst Pilot, heute für die BBC in Karachi, bekanntgeworden mit seinem hochgelobten Romanerstling Eine Kiste explodierender Mangos, engl. A Case of Exploding Mangoes, schreibt nassforsch-kühl im Präsens, oft zynisch, gern vulgär, mitunter lässig lächelnd brutal. Das lässt sich leicht lesen – aber bringt es einen Erkenntnisgewinn?

Zwei Krankenschwestern reden so frivol und ordinär wie der Autor: Das amüsiert vielleicht beim ersten Mal, aber es sind coole Kopfgeburten, keine Menschen aus Fleisch und Blut.

Deftig und gedehnt:

Die Haupthandlung ist deftig, aber sehr knapp; das Buch hangelt mühsam an Episoden, Figuren, Gedanken und Rückblenden entlang. Um die Spannung zu steigern, schreibt Hanif teils nicht chronologisch und platziert allzu banale Cliffhanger. Die letzten acht Seiten sind fantastisch-bizarr; hätte das Buch in diesem Stil begonnen, es wäre sofort in die Ablage gewandert.

Bhatti und ihr Vater sind Christen in einem sunnitisch islamisch geprägten Land, gehören außerdem zur Chuhra-Kaste, also zur Unterschicht – daraus entstehen zwar ein paar Nebenhandlungen, doch sie wirken eigentümlich, herbeifantasiert, ohne nachvollziehbaren Bezug zur Wirklichkeit in Pakistan.

Assoziationen zu anderen Büchern:

  • ebenfalls zynisch-schnoddriger Erzählton eines unbeteiligten Erzählers, der nichts mit der Roman-Handlung zu tun hat und die Handlung seltsam überlagert: streckenweise im Mumbai-Roman Ernste Männer bzw. Genie ist relativ, von Manu Joseph (2010, engl. Serious Men), der jedoch relativ mehr Realität als Alice Bhatti zu enthalten scheint (diese Rezension zieht dieselbe Parallele zu Manu Joseph)
  • erneut zynisch-schnoddriger Erzählton eines unbeteiligten Erzählers, der nichts mit der Roman-Handlung zu tun hat und die Handlung seltsam überlagert: in den Brenner-Romanen von Wolf Haas
  • wirklich lebendig wird Pakistan in Jenseits des Glaubens (engl. Beyond Belief) und Unter den Gläubigen (engl. Among the Believers) von V.S. Naipaul

Professionelle Kritiker sehen Alice Bhatti fast durchweg positiv, finden aber den Vorgänger Eine Kiste explodierender Mangos/A Case of Exploding Mangoes oft noch etwas besser.

Deutschsprachige Kritiken:

HansBlog.de:

Schnelle, dreckige, zynische und betont gern vulgär-obszöne, manchmal brutale Satire aus einer verkommenen Dritte-Welt-Großstadt. Leicht zu lesen, wenig Pakistan-Ambiente; die Menschen wirken konstruiert

Neue Züricher Zeitung:

Im salopp-zynischen Duktus eines Noir Comics… Patzigkeit gehört zu Hanifs Signatur – und ist in vielen Fällen die einzige Art, den Zuständen beizukommen, die er schildert… Bemerkenswert an Hanifs Darstellung ist die raffinierte Fusion von Realismus und comichafter Überzeichnung

Der Standard:

Groteske, nicht nur desillusionierende Geschichte… Starker Stoff aus einem Leben in der Krise

Die Presse:

Sein Talent, grobe Dinge grob auszudrücken und der schändlichen Ungerechtigkeit mit derbem Witz zu kontern, ist höher ausgebildet als die Begabung, Charaktere fein psychologisch zu erfassen. Er spielt mit Trash und comicartigen Szenen

Deutschlandfunk:

((Die Liebe der zwei Hauptfiguren)) ist weder feinsinnig noch unbedingt realistisch… Es hagelt in „Alice Bhattis Himmelfahrt“ nur so von Brutalitäten und Absurditäten. Allein das Krankenhaus Herz Jesu ist das reinste Tollhaus… In dem ganzen Roman steckt, neben einer Wagenladung Fantasie, eine gute Brise ((sic)) Unsinn

3Sat.de:

Die Protagonistin Alice Bhatti trägt den gleichen Namen wie der frühere pakistanische Minister für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti. Bhatti, der als einziger Christ der pakistanischen Regierung angehörte, wurde 2011 ermordet. Er hatte die Blasphemiegesetze kritisiert. Und auch die Romanfigur Alice Bhatti hat einen schweren Stand.

Sigrid Löffler in Deutschlandradio Kultur:

In seinem zweiten Roman „Alice Bhattis Himmelfahrt“ behält er seinen sarkastischen Ton bei und den grimmigen Blick auf die Grundübel der pakistanischen Gesellschaft: das Kastenwesen, die Konfessionskämpfe, die Korruption, die Gewalt und der ethnische Hass im Verein mit der kulturell tief verwurzelten brutalen Frauenverachtung… Mohammed Hanif verschmäht keine burlesken, polemischen und drastischen Erzählmittel

Buzzaldrins Bücher:

Hanifs Sprache ist grimmig, ein bisschen schnodderig und zeichnet sich immer wieder durch einen starken Sarkasmus aus… Mohammed Hanif ist mit “Alice Bhattis Himmelfahrt” ein unterhaltsamer Roman gelungen, der gleichzeitig beklemmend ist… Der Roman hat eine Vielzahl an Schichten, er ist als eine einfache Liebesgeschichte lesbar, die tragisch endet. Er ist aber auch als ein religiöses oder auch politisches Statement zu lesen

Die Zeit:

In den Romanen Mohammed Hanifs geht es wüst und respektlos zu, sarkastisch bis an den Rand des Zynismus… weder feinsinnig noch unbedingt realistisch… In dem ganzen Roman steckt ja auch eine gute Prise Unsinn – neben einer Wagenladung Fantasie

Englische Kritiken:

Huffington Post:

The book has a few instances where the comedy does not really take off and the wit is not as rapier-sharp as it was almost throughout his debut. There are sections too where the omniscient narration feels a little helter-skelter, the events spasmodic and the narrative does not quite hang together… At times, his similes and metaphors are breathtaking… The penis – erect and flaccid – and penile anxieties figure prominently… a sassy, sexy writing style. There is inordinate use of the trendy profanity here… Hanif’s portrayal shows psychological acuity, is never less than compassionate and is often poignant… close-to-consummate artistry and chutzpah. He writes with the aplomb of a heavyweight

Guardian (Robin Yassin-Kassab):

A sparkling, witty tale reflects the sad state of Pakistan… perhaps Pakistan’s brightest English-language voice… The novel is full of fine little touches that are never pushed too far… (Hanif) knows his way inside his characters, into their sexualities, fears, resentments and hopes… Their mouths, like his, constantly spill jokes, wittingly and unwittingly… This very finely put-together novel sparkles and glitters but never shows off… relentlessly readable…

Guardian (Ben East):

Doesn’t quite measure up to his debut but has a satisfying surprise ending… Hanif is nothing if not provocative… without ever resorting to heavy-handed polemic… Hanif never really finds the coherent story which would make his ideas all the more powerful… it feels more like a haphazard series of sketches in search of some forward momentum

New York Times:

A deft, evil little novel of comic genius… It’s belly-laugh-inducing… Hanif’s Karachi is the veritable definition of anarchy… from humiliation to blood bath and back again…

The Independent:

Hanif’s love story has a violently feminist agenda… all are flawed yet endlessly sympathetic

Financial Times:

Powerful second novel… The 200 pages spent in Alice Bhatti’s presence are distressing, illuminating and often funny… dodges backwards and forwards, between Alice’s childhood and love affairs, from hospital to home, in and out of the thoughts of her friends, family and colleagues… In this bold, uncompromising novel, Hanif draws a compassionate and despairing portrait of a nation in bedlam

Her:

At times you get the impression that you’re following a series of events in the newspaper or watching news clips on a television report… Injected with what comes off as dark humour and blended with hints of magical realism, I found myself moving from the frightening, to the amusing to the tragic to the tender at different points in the novel.

Kirkus Review:

Alice is a strikingly memorable character… Laced with humor, often ribald and iconoclastic, this is an insightful tale of pain and love

Krishna’s Books:

Our Lady of Alice Bhatti isn’t an easy novel to read. It’s ridiculous to the point of being absurd. The satire gets so heavy at times that readers may quickly tire of it. Alice is a great character, but her whirlwind romance and marriage to Teddy makes little sense… While Our Lady of Alice Bhatti is brilliantly written, with memorable characters that leap off the page, the reading experience is somewhat lacking. If the satire had been toned down a bit, it would be easier to take this novel seriously. It’s mundane, following Alice’s daily life, while at the same time it’s absolutely unbelievable

Tribune:

Alice Bhatti is funny and dark, arguably Hanif’s best creation. The uneasy humour can be very disturbing at times… Hanif never seeks to provide psychological insight into his characters. If he did, his novel would have been sublimely tragic but not at all humorous… between absurdism and social-satire…

Washington Times:

Mohammed Hanif has a connoisseur’s sense of the ridiculous, a satirist’s incisive wit and a journalist’s windowpane prose… In a city awash with guns and riven by social and religious discord, the dangers are real. Mr. Hanif often distances them as farce, letting readers disarm them with explosive laughs, or he offers the bandage of irony to cover stabs of outrage

Daily Mail:

This love-story-of-sorts becomes increasingly desultory, its characters ultimately seeming both ill-served and under-developed, and while Hanif keeps things moving – his vivid prose has tremendous immediacy – too often you find yourself wondering to what purpose

Michael Patrick Brady:

At times, her portrayal strains credulity… Hanif approaches these touchy subjects with an irreverence that makes them palatable. I admit there were times when I felt his attempts to comment on the persistent male gaze Alice is subjected to veered a little to close to the kind of objectification he ostensibly was criticizing

3 Quarks Daily:

A savage chronicle somehow hilarious, a love story entrancingly doomed, and an acerbic free-of-cliché portrait of Pakistan’s largest city

Washington Independent Review of Books:

Alice lives in modern-day Pakistan, which is likened to a sewer where the police are corrupt and lawless, the terrorists are armed and dangerous, human services are inadequate or simply non- existent, and most every person and animal seems to be maimed, scarred or ill in some terrible way. Occasionally, men may injure themselves on purpose, be executed by other men they’ve tortured, or in rare instances killed by irate wives. But all women are disposable and in constant danger of beatings, disfigurement, rape or death with no means of defending themselves… Mohammed Hanif is rather miraculous as writer, too. He tempers horror with laugh-out-loud humor… His first novel was long-listed for the Man Booker Prize, and I’d be surprised if this one doesn’t win, it’s that good

Asian Review of Books:

Clever, fast-paced and relentlessly sarcastic… Hanif writes protagonists who are easy to fall in love with… vivid, searing book… Several agendas are crammed almost forcefully into the telling of Alice Bhatti’s story—religion, caste, politics, sainthood and the state of the health-care industry—so much so that the book seems to be more about broadcasting this laundry list of problems than the plot… The style is impertinent and pointedly profane… Several seemingly important plot lines are opened but never explored… the end feels rushed, and the concluding plot device contrived

Anu Reviews:

Reading this book is like watching a slide show, when the scene moves from one place to another, from one character to another. Some scenes are connected, some seem disjointed, but there is a gap between all the scenes that is left for the reader to fill… Personal lives of most of the characters cannot be called normal. Most of them have strained and detached relationship with their families and this is again a glimpse of the society

The Friday Times (Pakistan):

There are bits and pieces of Our Lady of Alice Bhatti that are particularly jarring… deeply embarrassing to read and heart-breaking to acknowledge. This is not a feel-good novel, nor is it a fun read. There is something macabre… Hanif is acerbic (to say the least), and anything upon which he casts his gaze becomes fair game for his biting pen… His characters – Muslim or Christian, corrupt policemen or obnoxious doctors – are all so pointedly caricatured that it becomes very difficult to read them with a sense of identification. They are enjoyable and evocative, but they aren’t always easy to empathise with, and that is where the book is flawed… sketched with such verve and elan that they become types rather than personalities… the black comedy of his work occasionally threatens to veer more into the dark, and less into the farcical


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