Rezension Indonesien-Roman: Das Zigarettenmädchen, von Ratih Kumala (2012) – 7 Sterne

Dass Autorin Ratih Kumala auch TV-Filme skriptet, glaube ich gern: sie liefert in diesem Roman viele Dialoge, mild schmalzige Momente und Cliffhanger, wenn es spannend wird; eine zentrale Frage entsteht auf den ersten Buchseiten und wird erst 250 Seiten später beantwortet; das Ende bringt sogar Lösungen zu Problemen, die man gar nicht gesehen hatte. Insgesamt gut als Verfilmung vorstellbar, allerdings müsste man auch historische Szenen und das Altern der Hauptfiguren über Jahrzehnte hin darstellen.

Kumala beschreibt nicht nur bewegende Liebesgeschichten aus mehreren Generationen und javanisch-indonesische Alltagskultur, sondern auch interessante Einblicke in den indonesischen Zigarettenmarkt seit etwa den 1930er Jahren (noch 2019 galt Indonesien als eins der wenigen Länder weltweit mit steigendem Zigarettenabsatz). Dabei schöpft Kumala (*1980, verheiratet mit dem ebenfalls ins Deutsche übersetzten indonesischen Autor Eka Kurniawan) aus der eigenen Familiengeschichte: ihr Großvater war offenbar Zigarettenfabrikant und Vorbild für eine zentrale Romanfigur.

Das ist einigermaßen spannend und informativ, von der Kolonialzeit bis heute mit ein paar überschaubaren Zeit- und Perspektivsprüngen. Gleichzeitig klingt die Geschichte etwas naiv kindlich, nicht unähnlich den javanischen Geschichten von Pramoedya Ananta Toer (auch die Atmosphäre provinziell javanischer Sittsamkeit ähnelt sich). Die Personen gewinnen nicht wirklich Tiefe, die Dialoge klingen flach. Über die Rückumschlag-Behauptung, hier lese man ein „verrauchtes indonesisches ‚Buddenbrooks‚“, lacht der CulturBooks Verlag (sic) wohl selbst.

Die Übersetzung ins Deutsche klingt nicht immer ganz glücklich. Ich wüsste gern, ob Das Zigarettenmädchen im indonesischen Original einen anderen Sound hat (ich verstehe aber nicht genug Indonesisch und werde deswegen auch nicht die engl. Übersetzung Cigarette Girl lesen).

Im Roman erscheinen immer wieder kursivierte Sätze auf Indonesisch und sogar Javanisch, denen dann offenbar die deutsche Übersetzung folgt. Das freut wohl Indonesisch-Lerner. Die deutsche Ausgabe liefert ein Glossar mit indonesischen Ausdrücken und einer Erklärung, warum Hiltrud Cordes einige zeitgeschichtliche Sätze aus Verständnisgründen fürs deutsche Publikum anders als im Original übertrug; eine wortgetreue Übersetzung folgt dem. Der Anhang liefert jedoch keine geschichtliche Zeittafel (würde helfen) und keinen Stammbaum der zwei Hauptfamilien (würde auch helfen).

Interessant auch die zehn unterschiedlichen historischen Zigarettenpackungen, die im dt. Buch als SW-Grafik erscheinen; Gestaltung und Beschriftung der Packungen  spielen im Roman eine Rolle. Allerdings nennt das Impressum für diese zehn Abbildungen einen einheitlichen Grafiker – als ob es keine historische Reproduktionen, sondern nachempfundene Illustrationen seien; darauf deutet auch hin, dass die Packungen die Stadt M nur abgekürzt aufführen, wie der Roman selbst (eine eindrucksvolle farbige Zigarettenpackung bildet den Titel der indonesischen Roman-Ausgabe). Tatsächlich wäre mir ein Sachbuch mit gut geschriebenen privaten, geschäftlichen und historischen Erinnerungen der Familie Kumala lieber gewesen als dieser Roman.

Einmal freut sich ein Drucker im Roman, dass die PKI so viele Plakate bei ihm bestellt – er werde die Partei später wählen. Das erinnert an den Drucker aus V.S. Naipauls Roman Wahlkampf auf karibisch/The Suffrage of Elivra, der die neu eingeführte Demokratie nur wegen der vielen Druckaufträge begrüßt.

Meine gebraucht gekaufte Ausgabe enthält eine handschriftliche Widmung; Ratih Kumala schrieb sie offenbar auf der Frankfurter Buchmesse 2015, als Indonesien Gastland war. Ich sage nicht, wem sie das Buch widmete.

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