Rezension: In der Südsee/In the South Seas, von Robert Louis Stevenson

Robert Louis Stevenson (1850 – 1894; Dr. Jekyll and Mr. Hyde; Die Schatzinsel) verbrachte mehrere Jahre in der Südsee und lernte auf ausgedehnten Reisen zahlreiche Inseln kennen. In der Südsee/In the South Seas sammelt seine Reiseberichte aus dieser Region – also nicht die fiktiven Erzählungen, die sich zum Beispiel im Buch South Sea Tales finden.

Im Vorwort meines englischen Penguin-Taschenbuchs schildert Neil Rennie ausführlich die komplizierte Entstehung der Geschichten: Robert Louis Stevenson wollte ein historisch-anthropologisch-naturwissenschaftliches Allgemeinwerk schaffen; dagegen drängten seine Frau Fanny und sein englischer Freund und Agent Colvin auf persönliche Reiseerlebnisse nach Art früherer Stevenson-Bücher.

Mehrfach umgearbeitet:

Zudem erschienen die Texte erst als Kurzbeiträge („Letters“) in Zeitungen und wurden später für die Buchausgabe wesentlich umgearbeitet. Überdies war Stevenson immer wieder krank oder auf See. Rennie betont, dass manche Geschichten darum sehr heterogen wirken und verwirren können. Er weist aber auch auf besonders gelungene Geschichten hin. Ich finde, er hätte gleich klare Lesempfehlungen herausstellen sollen.

Rennie hat die Berichte auch bearbeitet und unterschiedliche Versionen verglichen. Pro Buchseite hat er oft zwei bis fünf Fußnoten am Buchende, in denen er auf abweichende Druckausgaben hinweist oder Begriffe erklärt – nicht nur altmodisches Englisch; mitunter wusste ich nicht einmal, ob ein Ausdruck eine polynesische Insel oder eine griechische Sagenfigur meint.

Stevenson garniert seine Berichte mit zahlreichen Anspielungen auf Geschichte, Shakespeare, Bibel, Stevenson, spanische Adelstitel und viele andere Dinge. Er schreibt zudem etwas langatmig. Ich habe darum nur Geschichten gelesen, die vielversprechend begannen – eindeutig historische Kapitel habe ich übersprungen, ebenso wie Berichte zu Aberglaube, Krieg und Mord und allgemein ausschweifendes Schwadronieren.

Eigenwilliger König:

Zu den interessanteren Buchteilen zählten für mich die Kapitel über den eigenwilligen, relativ urtümlichen König von Apemama, in dessen Nachbarschaft Stevenson einige Monate lebte. Interessanter ist dazu womöglich das veröffentlichte Reisetagebuch von Stevensons Frau Fanny, The Cruise Of The Janet Nichol Among The South Sea Islands. Es hat aber andere Schwächen, so den verknappten Tagebuchstil und endlose Fußnoten (online hier zu finden).

Meine englische Ausgabe In the South Seas enthält auch eine Südseekarte mit Stevensons Routen. Im Vergleich zu der entsprechende Karte in der Stevenson-Biografie von Claire Harman zeigt die Karte hier zwar kleinere Inseln und die Bewegungen dazwischen genauer, aber einige Reisen fehlen ganz (oder sie sind bei Harman überflüssig). Fotos gibt es nicht; Rennie verweist immer wieder auf Abbildungen in frühen Ausgaben, aber auch Claire Harmans Biografie enthält interessante Fotos.


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