Rezension historisches Indien-Buch : The Fishing Fleet, Husband-Hunting in the Raj, von Anne de Courcy (2012) – 6 Sterne – mit Presse-Links

Die erfahrene Historikerin und Biografin de Courcy schreibt über Engländerinnen, die bis 1947 nach Indien reisten, um dort einen englischen Ehemann zu finden – in England herrschte Männermangel. Der Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1895 – 1935. Mein Phoenix-Taschenbuch hat 314 Seiten Haupttext mit 22 Kapiteln plus Vorwort, Einführung, Nachwort; 32 Kunstdruck-Fotoseiten; 1 Doppelseite Landkarte; Anhänge.

Fazit:

De Courcy erzeugt eine lebendige allgemeine Atmosphäre, die wenigen Einzelportraits wirken jedoch blass. Sie beschreibt auf weiten Strecken allgemeines Kolonialleben und etwas Exotik, nur wenige Kapitel widmet sie explizit der Eheanbahnung. Die Textstruktur ist zu unruhig, das Buch hat keinen Fluss. Inder und Interkultur spielen kaum eine Rolle.

Anne de Courcy, erfahrene Biografin, schreibt vor allem in der ersten Buchhälfte seltsam unorganisiert, springt zwischen den Jahrhunderten, zwischen Verallgemeinerung und Einzelfall, zwischen Personen und Themen, Vorwort und Einführung klingen beliebig. Sie portraitiert einige Damen schon vorab, obwohl sie später noch ein Einzelkapitel erhalten. Eine dramatische Entwicklung bricht am Kapitelende ohne weitere Erklärung ab – und wird im nächsten Kapitel nicht fortgesetzt.

Materialsammlung:

Dies verstärkt den Eindruck, dass de Courcy hier einfach Material über das Kolonialleben zusammentrug und dann irgendwie um das Thema Fishing Fleet herum anordnete. Das Buch behandelt allgemein das englische Sozialleben in Indien bis 1947, doch das Thema Eheschließung erscheint vor allem in der ersten Hälfte nur gelegentlich. Die Kapitel „Courtship“, „Engagement“ und „Marriage“ kommen erst ab der Buchmitte.

Drumherum gibt es viele lange Kapitel über typische Feierlichkeiten, indisches Wetter, Maharajahs und Landleben. Lange Seiten widmet die Autorin schon der Seereise nach Indien, die vor Eröffnung des Suezkanals mindestens vier Monate dauerte, den Zugreisen im Land und der Soziologie des Engländers in Raj-Diensten. Rückkehrer oder das Leben nach 1947 erhalten keine Seiten.

Abendgarderobe und Tanzbälle:

Zwar zitiert de Courcy in den vielen allgemeinen Kapiteln fast nur Frauen, wertet zeitgenössische Briefe, Tagebücher und einige eigene Interviews aus – aber viel zu oft geht es um Abendgarderobe und Tanzbälle. Mitunter fühlt man sich aber auch ins Land versetzt, leidet mit unter Staub, Hitze, Kälte, Ratten und Flöhen.

Inder spielen kaum eine Rolle. Über lange Buchstrecken erscheinen sie nur sporadisch als Diener im Hintergrund. Es gibt jedoch ein eigenes, überflüssiges Kapitel zu Maharajas, das vor allem bizarre Riten und Normen beschreibt (fast so bizarr wie die sozialen Gebräuche der Engländer). Nur ein einziges Kapitel beschreibt explizit Beziehungen zwischen Engländern und Indern, es heißt „Us and Them“.

Die Engländer wirken wie Entdecker in einem menschenleeren Land, die den Widrigkeiten heroisch trotzen und abends in unangepasster Garderobe zu Militärkapellen-Geschmetter das Tanzbein schwingen. Das offenbar vielfältige soziale Engagement der „fishing fleet girls“ (de Courcys Ausdruck) erwähnt sie nur in einem Satz am Ende, statt ihm ein Kapitel zu widmen; minimale Einmischung in indisches Leben war allerdings Raj-Raison.

Kein Recherche-Bericht:

Kaum einmal erfahren wir, wie die Autorin die Lebensgeschichten zusammengetragen hat – es gibt keinen Recherchebericht, nur knappe Danksagungen und Quellenhinweise. Mit zum Besten am Buch zählen 32 Fotodruck-Seiten in Schwarzweiß mit vielen atmosphärischen Privatfotos, auch mit einigen Akteuren aus dem Text.

Das Buch war ein Erfolg in England und Australien. Die Filmrechte sind verkauft (zur Verfilmung die Autorin und IMDB). Ein Roman mit vielen Motiven der Fishing Fleet (und einem fiktiven Zeitungsartikel names Fishing Fleet) ist Teerose und Sandelholz von Julia Gregson (2008, engl. O-Titel East of the Sun). Mehrere Sachbücher über Engländerinnen in Indien erschienen schon seit den 1970er Jahren, wie de Courcys Literaturverzeichnis zeigt.

Pressestimmen:

Die meisten professionellen Kritiker erzählen Kolonialismus oder Anekdoten nach. Wie üblich in Sachbuch-Besprechungen interessiert die Qualität des Buchs kaum. Mehr Kommentare zur schriftstellerischen Qualität fand ich in den Lesermeinungen bei Goodreads und Amazon.

  • Goodreads: 3,31 von 5 Lesersternen (also nicht brillant; 501 Stimmen)
  • Amazon.co.uk: 4,0 von 5 Lesersternen (165 Stimmen)
  • Amazon.com: 3,6 von 5 Lesersternen (85 Stimmen; jeweils November 2015)

New York Times:

there are pauses for breathless considerations of “The Social Whirl” and “Maharajahs,” as well as gossipy visits to hill stations like Simla

The Guardian, Jad Adams:

This book is highly evocative…. The book glitters with quotes from the women themselves, but they are unfortunately unreferenced

The Observer, Bella Bathurst:

As an account of husband-hunting, The Fishing Fleet is thorough and serviceable. As an account of how to screw up two societies at once, it’s unparalleled.

The Telegraph:

((De Courcy)) has found and made excellent use of a great many new and unpublished sources. In fact, her book is a sparkling collage of stories

Kirkus Reviews:

A British biographer finds lively fodder from the accounts of Victorian women… An expert researcher brings the romantic Raj era to colorful life.

Washington Times:

a mass of evocative detail and a host of memorable characters… She can make you laugh or break your heart, but she will never bore you.

Asian Review of Books:

a valuable addition to history of that period. De Courcy’s women emerge as witnesses and shed fascinating light on the period, and from an atypical perspective

India Today:

There is a wealth of detail from memoirs and personal accounts here… The book fairly teems with bright young things from Englands


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