Rezension historischer England-Raj-Roman: Teerose und Sandelholz, von Julia Gregson (2008, engl. East of the Sun) – 6 Sterne – mit Kritikerstimmen

Drei junge Frauen und ein junger Mann reisen 1928 gemeinsam von England nach Indien – mit ganz unterschiedlichen Plänen und Vorstellungen. Es geht um Heirat, berufliche Veränderungen und dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit. Der Roman spielt überwiegend in Indien (vor allem Bombay, außerdem Poona, Ooty, Simla, Nordwestgrenze), zum kleineren Teil auch in England und auf dem P&O-Dampfer.

Stil:

Gregson schreibt mit vielen kleinen, überraschenden Details, als ob sie die historischen Szenen in England und Indien selbst miterlebt und gleich für die Nachwelt notiert hätte (für Buchrecherchen reiste sie zweimal nach Indien (Quelle) und stimmte sich mit vielen Experten ab). Auch Gefühle gibt Gregson detailliert, und in den ersten zwei Dritteln nie weitschweifig wieder.

Das sollte eigentlich uneingeschränkt gut klingen. Doch manchmal scheint die gelernte Journalistin mit ihren Details beeindrucken zu wollen, erinnert fast an die verbalen Muskelspiele Tom Wolfes (beide schrieben einst für den Rolling Stone), T.C. Boyles oder William Boyds.

Die Dialoge klingen überwiegend durchschnittlich (ich habe die englische Fassung gelesen und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen). Nur sehr gelegentlich produziert eine Hauptfigur einen sehr pfiffigen Satz – das wirkt dann geschriftstellert. Der Fokus wechselt ständig zwischen den drei Hauptfiguren, die sich teils an unterschiedlichen Orten befinden, aber meist in Verbindung stehen. Dazu kommen mehrere wichtige Nebenfiguren.

Materialsammlung:

Auch diese Aufteilung auf viele Haupthandelnde verstärkt etwas den Eindruck, dass Gregson zu viel in ihren 455-Seiten-Roman packt und teils mehr eine Materialsammlung abliefert – immerhin listet sie im Nachwort auch zahlreiche Historiker und andere Wissenslieferanten auf. Sorgsam zeigt Gregson in England und in Indien Großstadt und Kleinstadt, in Indien zudem fiese reiche Engländer und liebe arme Inder-Kinder und das Diwali-Fest (aber nicht Holi) und die Queen (Ghandi nur indirekt). Zudem befrachtet Gregson die Geschichte mit ein paar vagen Geheimnissen und einem krankhaft verhaltensgestörten, beunruhigenden Jugendlichen.

Gleichwohl lernt man die Hauptfiguren schätzen und möchte wissen, wie es weitergeht. Gegen Ende überdehnt Gregson jedoch die Liebesgeschichte um die Hauptfigur Viva und die Auflösung ihres Familiengeheimnisses über die Schmerzgrenze hinaus – fast wie Bollywood.

Kitsch:

Hier hat East of the Sun auch etwas von einem Kitsch- und Frauenroman. Die drei Hauptfiguren sind Frauen, alle liebenswert, ihre Freundschaft wird warm beschrieben. Die Männer wirken teils sinister. Ein paar Sätze mit Sonnenuntergang und Liebesschmachten klingen glatt nach Groschenheft, vor allem im letzten Drittel. Dazu passen auch die Auszeichnungen und Kritiken, die der Roman erhielt:

  • Richard and Judy’s summer read list (im TV)
  • Prince Maurice prize for Literary Love stories
  • Romantic Novel of the Year Award 2009

Autorin Julia Gregson verehrt Pferde und gibt Pferden und Reiten auch viel Raum im Buch. Wenige Jahre nach Teerose und Sandelholz erschien in England das neueste Sachbuch zum Thema Engländerinnen im Raj-Indien: The Fishing Fleet, von Anne de Courcy – das sehr deutlich an Gregsons Roman erinnert.

Kritiken:

Publishers Weekly:

Fast-paced… absorbing… Gregson’s rich imagery, strong characters and gripping plot make this a resonant page-turner.

Carla Nayland:

Lavish on descriptive detail and rather chattery conversations… As a result, the book is long – very long – and slow-paced. I often felt that it had taken pages and pages to get nowhere very much… The author says in the question-and-answer interview at the back of the book that she found it frustrating to be unable to include the political turmoil of the time because her three heroines wouldn’t have had much knowledge or understanding of it… despite its length, the novel skips over some major events in the characters‘ lives and some of the plot threads are never resolved. Guy Glover’s role in the novel is the most unsatisfying. He… pops in and out of the narrative at intervals… his story just stops without being fully resolved, which I found disappointing.

Mostly Fiction:

The first hundred pages of East of the Sun are slow and somewhat boring. There are so many pages filled with pointless descriptions of hair styles, clothing, shopping, tea parties, etc., when the author could have written more about the characters and the political situation. Many of Guy’s antics, and their consequences, are unbelievable – even for a mentally unstable person. Ms. Gregson’s plot feels very forced at times. The writing and the story improve after the first 100 pages – and then the novel gets much better.


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