Rezension historischer Bauernschwank: Die Chronik von Flechting, von Oskar Maria Graf (1925) – 7 Sterne

In einem Dorf am Starnberger See, so um 1850, gehen die Geschäfte gut, seit sich der König dort niedergelassen hat. Auch die Fargs, Außenseiter eigentlich, prosperieren mit Handwerk, harter Arbeit und Spekulation. Doch nichts bleibt, wie es ist. Einer belauert den anderen und will seinen eigenen Vorteil einfahren.

Oskar Maria Graf schildert Schlaumeier, Ausg’schamte, Schaffer und Dampfplauderer ohne Ende, über Jahrzehnte hinweg. Sie krämern und schachern und spekulieren und palavern, scheinheilig bemüht und voller Hintergedanken.

Dampfplauderer:

So wie Graf über die Farg-Sippe schreibt, so agiert das ganze Dorf:

Jedes Geschwister schaute nur noch auf seinen eigenen Vorteil und bemißtraute dem anderen.

Einmal schimpft die Viktorl über ihren Schwager in spe:

Aba der muaß aa naus, der Sauhammi, der grob!

Mit klammheimlicher Freude lässt Graf seine dimpfligen Protagonisten einen Schmarrn nach dem andern schwadronieren, und das in prächtigem Oberländisch – wer hätte gedacht, dass sich das Idiom von Starnberg oder Tölz so präzis aufschreiben lässt. Wer es noch nie gehört hat, findet jedoch vielleicht weniger Freude an der Schriftform.

Starke Stimme:

In diesem frühen Roman präsentiert Graf bereits eine robuste Erzählstimme. Er schildert trocken wie ein Dörfler mit der Mistgabel, flicht örtliche Vokabeln und Verbalkuriosa en masse ein, wird aber als Erzähler lange nicht so exotisch wie seine Figuren, also der Hirlinger, der Renkmair, der Guggenheimer und der Dennerdollinger, der Hofbeck Maxl, der Jakl und die Stasl in ihren wörtlichen Reden. Man könnte sich die Geschichte gut von Gerhard Polt erzählt vorstellen – trocken, mit hinterfotzigem Witz, engagiert und mild parodierend, spöttisch, nie langweilig, aber doch fast unparteiisch.

Freilich sind die Figuren allesamt handgeschnitzt und ohne Tiefe, auch wenn Graf diesem und jenem Akteur etwas Mythos einverheimnissen möchte. In seinen späteren Romanen schrieb Graf differenzierter, trotz aller Parallelen: Die Chronik von Flechting erinnert besonders deutlich an Grafs Leben meiner Mutter (1940) – so die Backstube in einem Dorf am See (natürlich Grafs Heimatort Berg am Starnberger See), die Nähe des Königs und der Großstadt. Auch Anklänge zur Ehe des Herrn Bolwieser (1931) gibt es, u.a. mit einer Dorfwirtschaft als zentralem Intrigantenstadl.

Resolut erzählte Story:

Gegen diese späteren Romane liest sich Flechting vielleicht ein wenig simpel. Auch dass Graf als halb allwissender Erzähler mitunter allzu plötzlich die Gedanken seiner Figuren nicht mehr kennt, sondern nur noch deren rätselhaft finstere oder frohlockende Miene schildern kann, wirkt hergeholt.

Doch der resolut, sachlich-zupackende intonierte Roman unterhält allemal. Graf schreibt grimmig geradeaus und damit anders als so viele aktuelle, warmduschende Weichei-Schreiberlinge.

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