Rezension Historiker-Buch: In Search of Churchill, von Martin Gilbert (1994) – 7 Sterne

Martin Gilbert hat viele Bücher über Winston Churchill geschrieben, u.a. war er maßgeblich an der achtbändigen Biografie beteiligt, dazu eine einbändige Biografie, Monografien und Dokumentenbände. Auf den gut 330 Seiten von In Search of Churchill schildert Gilbert (1936 – 2015) seine Recherchen und Begegnungen. Es ist wohlgemerkt kein Ersatz für eine Churchill-Biografie.

Fazit:

Martin Gilbert schreibt sehr wohlorganisiert, ökonomisch und eminent lesbar, jedoch ohne Schärfe und immer voller Bewunderung. Er schreibt deutlich mehr über den historischen Winston Churchill als über seine eigenen Recherche-Aufgaben. Der Band ersetzt keine Churchill-Biografie und keine Gilbert-Biografie.

Gilbert zeigt wechselnde Qualitäten: Hoch unterhaltsam schildert er die Zusammenarbeit mit Churchill-Sohn Randolph, die jedoch nur sechs Jahre währte. Andere Passagen klingen wie Danksagungen mit langen Namenslisten. Anlässlich einer Recherche-Reise in die Türkei beschreibt Gilbert den gescheiterten Dardanellen-Feldzug der Engländer sehr detailliert.

Wie auch in der einbändigen Biografie Churchill, A Life rechtfertigt Gilbert Churchill oft und will seinen Kritikern Unkenntnis nachweisen: Churchills falsche Strategien, Jähzorn, Trunksucht und Depression, das war alles halb so schlimm oder stimmt gar nicht. Einmal äußert Gilbert Unzufriedenheit, weil ein Rechercheauftrag Nachteiliges über Churchill ans Licht bringen könnte. Ein ganzes Kapitel widmet er unzutreffenden Churchill-Legenden.

Wenig investigativ:

Gilbert erzählt diskret und konfliktscheu: Die Zusammenarbeit mit Randolph Churchill begann 1962, Jahre vor dem Tod Winston Churchills 1965. Offenbar hat Gilbert sein Studienobjekt nie persönlich getroffen (das sagt auch die NYT in ihrem Gilbert-Nachruf) – doch auf diese Frage geht er mit keinem Wort ein.

Winston Churchills Frau Clementine sah Gilbert mehrfach, auch bei ihr zuhause, doch Gilbert beschreibt die Begegnungen kaum, während er sonst gern freundliche oder kauzige Zeitzeugen portraitiert. Das Kapitel über Winston Churchill als Vater ist kurz und vor allem seinen Depressionen gewidmet, die Gilbert nach Kräften kleinredet. Zur Ehe von Winston und Clementine Churchill sagt Gilbert kein Wort. Gilbert arbeitete auch mit den späteren Premierministern MacMillan und Wilson zusammen; jeder bekommt ein eigenes Kapitel und nur wenige persönliche Zeilen. Am Rand beschreibt Gilbert auch Kontakte zu Heath, Thatcher, Clinton und Robert Kennedy.

Anekdoten:

Gilbert gliedert das Buch überwiegend nicht nach Recherche-Aufgaben, sondern nach Churchillschen Lebensthemen: Krieg, Familie, das Leben ohne hohes Amt in den 30er Jahren, Churchill als Chef, sein Landsitz Chartwell. Dabei erzählt Gilbert teils eher Kleinigkeiten über Churchill als von seinem eigenen Recherche-Prozess. Manchmal denkt man, er möchte Anekdoten loswerden, die nicht mehr in die anderen Bücher gepasst haben. Doch einige Churchill-Zitate kannte ich bereits aus Gilberts früher erschienenem Churchill, A Life. Auch innerhalb des kurzen Bands In Search of Churchill wiederholt sich Gilbert gelegentlich und man hat den Eindruck, dass die Kapitel als eigenständige Artikel gedacht waren.

Mehrfach spannend ist das Kapitel über die 30er Jahre: Churchill flog aus der Regierung, war aber jederzeit so gut wie seine ehemaligen Kabinettskollegen über die mangelhafte Aufrüstung in England und über Deutschlands bedrohliche Kriegsvorbereitungen informiert. Gilbert berichtet genau, welche Beamte Churchill gegen den Willen ihrer Minister mit Geheimmaterial versorgten und wie er, Gilbert, diese Beamte Jahrzehnte später aufspürte und befragte. Ein weiteres Kapitel beschreibt Churchills Teamarbeit als Buchautor – viel ausführlicher als Gilberts einbändige Churchill-Biografie. Zum Nobelpreis für Literatur jedoch kein Wort.

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