Rezension: Goethes letzte Reise, von Sigrid Damm (Biografie 2007) – 7 Sterne

Mein Fazit:

In ihrer romanhaft erzählten Biografie springt Sigrid Damm zu häufig zwischen den verschiedenen Phasen in Goethes langem  Leben – nicht nur beim Wechsel zwischen Rahmenhandlung und Rückblenden, sondern auch innerhalb der Rückblenden. Die Rahmenhandlung (Goethes Reise nach Ilmenau ein knappes Jahr vor seinem Tod) erscheint zu selten und gerät aus dem Blick. Damm schreibt dabei sehr leicht lesbar und direkt, mit vielen interessanten, glatt eingeflochtenen Zitaten.

Ihre Rückblenden…

Sigrid Damm bringt jeweils wenige Momente von Goethes letzter Reise nach Ilmenau – der Diener auf dem Kutschbock, das Mittagsmahl, eine Wanderung – und dann lange Rückblenden. Ein Beispiel gleich vom Anfang: Ein paar Zeilen Kofferpacken in Weimar, dann 38 Seiten Rückblende auf verschiedene Lebensphasen des 81jährigen. Dann wieder ein paar Zeilen Reise.

Die Rückblenden berichten nicht einzelne Zeitabschnitte, sondern eher Goethesche Lebensthemen wie den Bergbau in Ilmenau, die Entstehung von Über allen Gipfeln ist Ruh, Neptunismus versus Vulkanismus, die Nichtveröffentlichung von Faust II, Goethe-Sohn August in Italien. Auch innerhalb dieser thematisch, nicht chronologisch orientierten Rückblenden springt Damm immer wieder zwischen verschiedenen Jahren und macht so das Ganze noch unübersichtlicher. Goethe-Themen, denen sie eigene Bücher gewidmet hat, vermeidet Damm weitgehend, so Christiane von Goethe und Schiller; auch der jüngere Goethe kommt kaum vor.

…und Stummelsätze.

Wie in ihrem Kassenschlager Christiane und Goethe (1998) oder in Das Leben des Friedrich Schiller (2004) platziert Damm Stummelsätze ohne Verb, oft mehrere hintereinander, manchmal ganze Absätze ohne Verb. Abstoßend, und doch leicht lesbar, Nähe und Unmittelbarkeit suggerierend, wie mündliche Rede, verstärkt durch das ständige, leicht aufdringliche Präsens. Dazu ihre abgestuft absetzenden Absätze – mit einfacher, doppelter oder dreifacher Zeilenschaltung. Damms Zitieren in der zeitgenössischen, skurril anmutenden Rechtschreibung verstärkt die fremde Atmosphäre noch. Wer einmal an diesem Stil Gefallen fand, ist für eine echte Biografie vielleicht verloren.

Mehrfach erwähnt Damm das Landschaftsbild und zeitgenössische Portraits, doch die fest gebundene Insel-Ausgabe zeigt innen kein einziges Bild – auf dem Schutzumschlag erscheint eine Goetheskizze von Andy Warhol. Wiederholt spricht sie den frühen Tod von August von Goethe an, doch die Todesursache nennt sie erst gegen Buchende. Sie offenbart Quellen nur kursorisch und verzichtet auf einen Index.

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