Rezension Goethe-Sachbuch: Das Inkognito, von Roberto Zapperi (1999) – 5 Sterne

Der italienische Goethe-Kenner Roberto Zapperi beschreibt auf 260 Hauptseiten (plus Anhang) hochdetailliert Goethes erste italienische Reise. Die vierte Auflage des Buchs von 2002 wurde gegenüber den Vorauflagen korrigiert und erweitert. Weitere Einzelheiten zu Goethes Italienzeit und Italien-Verbindungen liefert Zapperi im separaten (schwindsüchtigen) Aufsatzband Römische Spuren (2007). Die zehn Jahre vor dieser italienischen Reise verbrachte Goethe in Weimar und in platonischer Liebe zu Charlotte von Stein; die Geschichte dieser Beziehung erzählt Sigrid Damms Sachbuch Sommerregen der Liebe.

Fazit:

Zapperi schreibt keinen chronologischen Überblick, sondern erörtert hochdetailreich einzelne Episoden und Figuren. Das klingt teils wie der Forschungsnachweis eines verbissenen Archäologen. Erzählt wird in eher umständlicher Sprache. Insgesamt hat das Buch keinerlei Unterhaltungswert, keine Atmosphäre und richtet sich vor allem an Kenner der Goetheschen Biografie samt Italientrip, sicher nicht an Einsteiger.

Auf fällt, dass Zapperi im Gegensatz zu anderen Biografen historischer Figuren (z.B. Laurence Bergreen über Magellan, David Maraniss über Obama, Edward Rice über Richard Francis Burton) kaum Goethe-unabhängige Erkenntnisse über das historische Alltagsleben einflicht – wie oft streikten Müllabfuhr und ÖPNV in Rom, trank man den Espresso al banco oder a tavola, wo gab’s das beste Stracciatella? Zapperi konzentriert sich ganz auf Goethe und andere Granden der Zeit, die mit Rom zu tun hatten, er redet nicht von Alltagskultur und Soziologie der ewigen Stadt. Er liefert auch keine Aspekte zu Goethes Rom heute. Nach langer Erörterung von Quellenlage und Indizien produziert Zapperi einige Steilthesen über Goethes mediterranes Liebesleben (z.B. „wir gehen sicher nicht fehl, wenn wir…“, S. 228).

Sprachlich:

Die Übersetzung durch die Kunsthistorikerin und Mediävistin Ingeborg Walter, Frau des Autors Zapperi, klingt teils steif; die Sätze sind zu verschachtelt, die Ausdrücke befremdlich und vielleicht zu wörtlich aus dem Italienischen übertragen. Beispiele: „bezüglich der wahren Gründe“, S. 12 dtv-Ausgabe; „sie dispensierte Goethe von einer auf Prokreation ausgerichteten Sexualität“, S. 15; „präfiguriert“, S. 30; „dispensierte“, S. 62; „Malignitäten“, S. 90; „Liste aller auf Essen und Wohnung bezüglichen Ausgaben“, S. 113, „die auf den gemeinsamen Aufenthalt in Rom bezüglichen Zeichnungen“, S. 160f; „koinzidieren“, S. 220; „die auf seinen Romaufenthalt bezüglichen Papiere“, S. 242). Mehrfach erscheinen historische französische Nebensätze unübersetzt, z.B. S. 72.

Manche Sätze sind nicht zu verschachtelt, sondern nur übersichtlich schachtelig und dabei öd und blutarm, etwa auf S. 86:

In seiner Depesche an Kaunitz vom 3. März 1787 schrieb Kardinal Herzan, von seinem Sekretär erfahren zu haben, daß Goethe die Absicht hege, einen Bericht über seine Reise zu schreiben.

Viele Absätze laufen ebenfalls zu lang, u.a. ein zweiseitiger Absatz von Seite 27 – 29; bei umständlicher Formulierung wie hier ermüden lange Absätze noch mehr als sonst. Die FAZ lobte gleichwohl „brillantes Deutsch“ – vielleicht, weil sie das Buch vorabdruckte?

Aufbau des Buchs:

Für den Buchanfang hätte ich mir gewünscht,

  • dass Zapperi entweder direkt medias in res geht und uns mit einer guten italienischen Szene ent-/verführt; oder aber
  • eine Einleitung, die eine kurze Übersicht über die Gesamthandlung gibt.

Stattdessen steigt Zapperi unvermittelt mit Goethes langwierigen, geheimniskrämerischen Reisevorbereitungen in Weimar und Karlsbad ein; dem folgen zwei Kapitel über die Bedeutung von Goethes Inkognito bei dieser Reise; dazu gehören Goethes Gefährdung wegen des in Italien illegalen Werther-Selbstmords, zur Stellung der Freimaurerlogen und zu Goethes anonymer Aufnahme in die Arcadia-Loge. Das sind alles wichtige Grundlagen, denen Zapperi jedoch zu viel Platz gibt. M.E. sollte ein engagierter Erzähler zudem mit Peppigerem einsteigen und die spröden Grundlagen erst später bringen – wenn spannendere Inhalte das Interesse am Stoff bereits aufheizten.

Nach diesen drei ausnehmend zähen, kleinteilig und nicht chronologisch erzählten Kapiteln ist man schon auf S. 94 von etwa 265 Seiten Haupttext (dem folgt noch der Anhang). Ab Kapitel 4 verheißen die Überschriften aber – endlich – mehr Action: „Spiel und Spaß“, „Die Wirtstochter“, „Die schöne Mailänderin“, „Das Rätsel Faustine“.

Kommt nun endlich Leben ins Zapperi’sche Narrativ?

Nicht wirklich. Zwar investigiert Zapperi allgemein ein paar Prozessakten und zeitgenössische Osterien (S. 106f). Doch Zapperi schildert nicht gleichmäßig für Einsteiger, sondern mag als Kenner bereits Bekanntes nicht wiederholen: Über Goethes Rombesichtigung sei „sehr viel, um nicht zu sagen zuviel, schon geschrieben worden. Deshalb wollen wir uns hier nicht noch einmal darüber verbreiten.“ (S. 102). Danke für die Erleuchtung.

Der Römer und mehrfache Rom-Buch-Autor Zapperi extemporiert seitenlang über die historischen, kulturellen und sprachlichen Hintergründe von Spitznamen, die Goethe u.a. für ihre Umgebung verwendeten. Er vertieft sich viele Seiten lang in Kleinigkeiten. Er erzählt nicht chronologisch oder leicht verständlich, sondern eher in der Reihenfolge der Recherchen – und das generell nur über ausgewählte Episoden. Einen einfachen Gesamtüberblick oder gar eine Zeittafel verweigert Zapperi. Es kommt einfach kein Leben rein.

Meine dtv-Ausgabe zeigt einige leidlich gut gedruckte SW-Abbildungen, die in den Lauftext eingestreut wurden, u.a. Tischbein-Zeichnungen und Autografen. Gewöhnungsbedürftig: Unter den Abbildungen steht eine Bildnummer, die der Autor im Lauftext aufgreift. Darum fehlt jede Erklärung direkt unter den Bildern. Alte oder aktuelle Rom-Fotos fehlen.

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