Rezension: Glaubst du, daß es Liebe war, von Alex Capus (Roman 2003) – 4 Sterne – mit Pressestimmen

Capus erzählt flott und kurzweilig, mit hübschen Pointen und gelegentlichen Cliffhängern am Kapitelende – ein wenig kaltschnäuzig, wie die Hauptfigur.

Capus‘ Geschichte schnurrt jedoch ohne jede Tiefenschärfe und Plausibilität durch. Gefühle und Persönlichkeit werden kaum erkennbar, die „Liebe“ aus dem Titel schon gar nicht. Capus zeigt Comicfiguren, die hierhin und dorthin übers Plotparkett rattern. Die Dialoge klingen geschriftstellert, nicht realistisch.

Der Leser muss nicht nur viele Diffusitäten, sondern auch Widersprüche akzeptieren. Nur ein Beispiel von vielen: Hauptfigur Harry hat schon mehrere One-Night-Stands zu Abtreibungen überredet, und seine Kleinstadt liebt er über alles; doch als seine neueste Flamme schwanger wird, gilt das alles nicht mehr: Harry flieht für viele Jahre nach Mexiko und löst schweizerisches Geschäft und Privatleben innerhalb eines Nachmittags auf. Nicht weil es zum Charakter passt oder realistisch ist, sondern weil das Storyboard danach verlangt.

Später in Mexiko wacht Harry nach einer Zechnacht verkatert auf und findet eine halbangezogene Dorf-Alte in seiner Kammer; warum, wieso wird nie klar. Er lernt Thai, um mit seiner Thai-Ex zu sprechen; die jedoch kann auch Deutsch und legt gar keinen Wert auf Harrys neue Sprachkenntnisse (witzig aber die nicht übersetzte Thaischrift im deutschen Buch).

Das sind nur einige von vielen unrunden Konstruktionen; Capus schreibt, wie es ihm gerade passt. Der frühere Kommunalpolitiker flicht auch überflüssige Exkurse über Kommunalkorruption ein. Weil es aber gleichwohl wie Fastfood locker runtergeht, weil Capus strikt linear ohne Rückblenden erzählt und weil mich der Ausgang der Geschichte trotz allem interessierte, habe ich zu Ende gelesen – viel Zeit braucht man dafür nicht)

Beim Thema Liebe (wie oberflächlich auch immer) und beim Thema Anschmachten-einer-fernen-Frau-vom-amerikanischen-Kontinent aus denkt man nicht nur an Capus, sondern auch an einen anderen vielschreibenden Autor – an Thommie Bayer, der zudem wie Capus mild unangepasst freigeistige Männer im südwestlichen deutschen Sprachraum beschreibt und ein Überraschungsende kredenzt. Capus ist vielleicht sprachlich etwas besser, Bayer vielleicht etwas einfühlsamer. Keiner reißt vom Hocker, sondern klingt nach Fließband.

Das war mein erster Capus. Und jetzt bitte ein Autor mit Substanz.

Kritiker:

Während die Berufskritiker mit Ausnahme der NZZ Capus‘ Liebe-Roman lobten, überzeugen 3,6 Lesersterne bei nur neun Stimmen auf Amazon.de nicht (Februar 2017).

Frankfurter Allgemeine (bei buecher.de):

Harry so ungemein authentisch und fast ein wenig sympathisch… Kunstvoll kitzelt er aus noch so übersehenswerten Situationen einen Aberwitz heraus, der der leicht und spritzig erzählten Geschichte mehr Ebenen verleiht, als man beim ersten Hören zu entschlüsseln glaubt.

Literaturkritik.de:

Ein wunderbares Buch, ein leichter, manchmal etwas altmodisch anmutender Roman, dessen Verfasser so gleichermaßen professionell wie frisch zu schreiben vermag… sind die Personen und ihre Einbettung in die Handlung so glaubwürdig, dass man es dem Autor abnähme, würde er behaupten, auch diese Geschichte habe sich so oder so ähnlich einmal zugetragen


Frankfurter Rundschau (bei lyrikwelt.de):

Warum nur liest man diese triviale Geschichte mit so viel Vergnügen? Da ist zum einen die federleichte Prosa, mit der Capus durch seine Aussteigerkomödie führt, ironisch und doch voller Anteilnahme

Spiegel:

…eine ernsthafte, hinreißende Liebesgeschichte.

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