Rezension: Frauen in Thailand (Kurzgeschichten 1989) – 5 Sterne

Der 220-Seiten-Band enthält Kurzgeschichten und ein Gedicht über Frauen in Thailand, geschrieben von Männern und Frauen, u.a. Pira Sudham, Atsiri Dhammachoti, Krisna Asokesin, Lao Kamhom, Manop Thanomsi, Visanchani Nakorn, Sri Dao Rüang, Sirem-on Unehathup, Prabhassorn Sevikun, Mon. Methi, Wat Wanlayangkun, Rong Wongsawan, Kong Krailat, K. Surangkanang und Niramon Prudtatorn. Herausgeberin Hella Kothmann begründet die Aufnahme einiger männlicher Schreiber mit der „Solidarität vieler männlicher Autoren für die Sache der Frauen“. (Zum Vergleich: Der Band Frauen auf den Philippinen, 1987, bringt mehr Gedichte und auch biografische Protokolle, nur von weiblichen Autoren.) Den Kurzbiografien am Buchende zufolge haben die versammelten Autoren erfolgreiche Veröffentlichungsgeschichten in Thailand und erhielten Literaturpreise in Thailand und Südost-Asien. Einige verbrachten ab 1976 Jahre im Untergrund. Die Geschichten entstanden 1937, 1958, meist aber in den frühen 1980er Jahren.

Laut Kothmann ist Thailand stark von Ausländer-orientierter Prostitution, Polygamie, Vergewaltigung und Ungleichberechtigung geprägt. Vielleicht bringt sie deshalb zuerst einen Text, in dem Suwanni Sukonthas Ich-Erzählerin seitenlang fachkundig darüber fantasiert, welche Schlangenart das Ekelpaket von Mann umbringen soll, mit dem sie warum auch immer zusammenlebt. Weitere Themen: eine alte Bäuerin denkt über Tiere und Pflanzen nach; eine sterbende Einsiedlerin im Niemandsland erinnert das Sterben ihrer Mutter und Großmutter; ein Cliquenausflug mit Statusproblemen und Verbrechen; eine schöne Tänzerin wird zur Fischerin; Dorfprostituierte; mehrmals Stadtprostituierte; eine politisierte urbane Intellektuelle und ihre Kleinstadtfamilie; eine Fabrikarbeiterin und Nebenerwerbsbäuerin mit untreuem Mann wird ungewollt schwanger. Manche Geschichten klingen autobiografisch grundiert; es gibt mehrere Vergewaltigungen und andere Gewaltverbrechen, immer wieder Armut. Einige Texte enden sehr unvermittelt, ohne runden Schlusspunkt.

Obwohl ich Thailand und Südost-Asien mag und mich gut dort auskenne, haben mich die meisten Kurzgeschichten weder angesprochen noch informiert. Sie sind strikt humorfrei, meist dialogarm, das Leben ist immer trüb – einige Storytitel: „Ausbruch des Hasses…“, „Vaters erste Tränen“, „Giftmenschen“, „Der Preis des Todes“, „Phayom, eine einsame Frau“, „Phräs düsteres Leben“. Drei oder vier Geschichten musste ich nach einer Seite abbrechen, weil ich einfach nicht weiter kam – das Leben ist zu kurz für schlechte Literatur. Immer wieder schienen mir die Lebensläufe der Autoren, die oft aus einfachsten Verhältnissen höchste Thai-Kultursphären eroberten, interessanter als ihre literarische Produktion.

Die Übersetzungen – zumeist von Klaus Rosenberg – verstärken den trüben Eindruck: Die Eindeutschungen klingen mitunter grammatisch falsch, hölzern und wie zu starr wörtlich übersetzt („ambulante Händlerin“, „zur Anprangerung eines Vergehens“; Thais schreiben ohne Grammatik, Punkt, Komma oder auch nur Wortzwischenräume, dies könnte eine Übersetzung in monotone Bandwurmsätze fördern). Eine wesentlich kraftvollere Erzählstimme beweist nur der auch im Westen nicht unbekannte Pira Sudham (als einziger von Hella Kothmann übersetzt, offenbar aus Sudhams eigenem Englisch), selbst wenn seine dümmlichen Hauptfiguren keine Sympathien wecken; nur diesen Autor werde ich weiter verfolgen. Bessere nichttouristische Thailand-Kurzgeschichten gibt es von Michael Smithies, Rattawut Lapcharoensap und Tarmo Rajasaari (also drei Männer, zwei von ihnen nicht Thais).


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