Rezension Erzählungen: My Nine Lives, von Ruth Prawer Jhabvala (2004) – 6 Sterne – mit Presse-Links

Die neun Erzählungen sind sehr gleichmäßig jeweils knapp 30 Seiten lang: eine weibliche Ich-Erzählerin berichtet mehrere Jahre aus ihrem Leben, manchmal ihr ganzes Leben. Die Geschichten sind nicht miteinander verbunden, doch die Ich-Erzählerinnen leben häufig in Großstädten (fünfmal New York, zweieinhalbmal Delhi, eineinhalbmal Nachkriegs-London) und haben besondere Verbindungen zu Indien – wie die Autorin selbst.

Indien spielt gleichwohl abgesehen von zweieinhalb Ausnahmen nie die Hauptrolle im Buch, auch wenn die professionellen Rezensenten (unten) vor allem die indischen Geschichten zur Kenntnis nehmen. Ton und Inhalt erinnern deutlich an die Kurzgeschichten aus A Lovesong for India (2011, ebenfalls mit Schwerpunkt New York und nicht Indien) und an die Geschichten aus East Into Upper East: Plain Tales from New York and New Delhi (1998).

Wenig Abwechslung:

Mit diesem Aufbau wirkt My Nine Lives etwas gleichförmig, speziell, wenn man die Motive schon aus vielen anderen Büchern von Ruth Prawer Jhabvala kennt: weibliche Verehrung für unliebenswerte Männer (hier jähzornige Pianisten, trunksüchtige Intriganten, Philosophen oder Gurus), gediegenes Leben in New Yorks Oberschicht, Dritte-Klasse-Reisen in Indien, enge Geschwisterbande. Sogar innerhalb von My Nine Lives selbst wiederholen sich die Motive zu oft, etwa die künstlerischen Ambitionen aller Akteure, Tod durch kontaminiertes Brunnenwasser, New Yorker Wohngegenden, undramatischer Ehebruch. My Nine Lives wirken nicht so überkandidelt wie A Lovesong for India, klingen aber zu einheitlich und reißen selten mit, teils auch wegen der schicksals- und mannsergebenen Ich-Erzählerinnen.

Titel und Konzept von My Nine Lives (2004) erinnern etwas an die Paul Theroux-Bücher Mein anderes Leben (1996, engl. My Other Life) und Mein geheimes Leben (1989, engl. My Secret History): In diesen ähnlich betitelten Bänden spielen beide Autoren mit fiktiven Biografien über mehrere Erzählungen hinweg und und lassen den Wahrheitsgehalt kokett offen. (Sagt jedenfalls auch Prawer Jhabvala im kurzen Vorwort. Bei ihr erinnert freilich keine Geschichte deutlich an die eigene Biographie mit Kindheit in Deutschland, Jugend in England, Ehe und Kindern in Indien, später Umzug nach New York und glänzende Karriere; sie beschreibt lediglich immer wieder europäische Nazi-Flüchtlinge in New York oder London. Schade, dass sie wohl nie ausführlich über ihr hochinteressantes Leben schrieb. Nur die zweimal auftauchende Teenagerin zwischen Flüchtlingen im Nachkriegslondon klingt deutlich nach ihrer Biografie.)

Natürlich habe ich mich auch gefragt, wie Prawer Jhabvala mit Paul Therouxs Lieblings-Freundfeind V.S. Naipaul zu vergleichen ist: Beide haben keine rechte Heimat, aber einen starken Indien-Bezug und viel über Indien geschrieben – Jabvhala vor allem Belletristik mal aus weißer, mal aus indischer Sicht, Naipaul Berichte vor allem über Inder.

Hackneyed images of India…“ – die Rezensionen:

Pankaj Mishra in der New York Times:

the feeling of drifting along with her characters, from one continent to another, across several decades… often very frank disdain for her characters

Observer:

The wider contexts of politics and economics are generally blurred in Jhabvala’s tales. She is interested primarily in private lives.

Economist:

richly drawn range of beguiling characters… pungent descriptions of India… an accomplished, unusual and deeply personal book

Kirkus Reviews:

A narrator often falls in love with a charismatic man with spiritual interests, whom she follows to, or meets up with in, India. Relationships never work out

Anita Nair in India Today sieht nur eins:

For Indians, what could ruin the book are the hackneyed images of India which, I am sure, has palled even a western reader’s imagination.

The Telegraph:

a vivid and flexible whole… a melancholia, well masked by good manners, but nevertheless with a strong sense of the child staring in from the dark

Asian Review of Books:

Unfortunately, with a few exceptions, the stories in My Nine Lives seem to revolve around a couple of common themes.

Washington Post:

The tales are narrated by nine Western women, many of whom long for the exoticisms of India… the best are related by a cool melancholy voice

Chicago Tribune:

In the eyes of Jhabvala’s protagonists, India is a place of extremes, at once intricately structured and ritualized and teeming with unruly, fecund life.

Publishers Weekly:

The narrator is usually an only child of a wealthy German-Jewish father who fled the Nazis and a beautiful, vain, erstwhile actress mother…

  • Langer Aufsatz über Jhabvalas Leben und Schreiben im Guardian

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