Rezension Entdecker-Biografie Florence und Samuel Baker: Mit dem Herzen einer Löwin, von Pat Shipman (2004; US-Titel To the Heart of the Nile, UK-Titel The Stolen Woman) – 7 Sterne – mit Pressestimmen

Die Biografie beschreibt das Leben der Afrika-Entdecker Florence und Samuel Baker ab 1859 – ihr Kennenlernen auf einem osteuropäischen Sklavenmarkt und ihre strapaziösen, oft lebensgefährlich dramatischen Reisen auf der Suche nach den Nilquellen. Dabei konzentriert sich Shipman besonders auf Florence Baker (1841 – 1916): Die Ungarin wurde als Kind in Revolutionswirren von ihren Eltern getrennt und als 17jährige auf einem Sklavenmarkt von Samuel Baker (1821 – 1893) gekauft oder gestohlen. (Die U4 meines US-Taschenbuchs schreit sensationslüstern im Widerspruch zum Buchinhalt, dass Florence „at age 14“ den Besitzer wechselte.)

Ungewöhnlich auch, dass Florence Baker ihren Mann überhaupt nach Afrika begleitetete und mit ihm nach Europa zurückkehrte. Weiße Frauen kamen sonst kaum nach Zentralafrika: Livingstones Frau starb früh in Afrika; Stanley, Speke, Grant und Burton reisten ohne Partnerin. Freilich konnte Samuel Baker eine Frau, die ihm auf dem Basar zugefallen war, nicht ohne weiteres sofort mit nach England nehmen.

Nur Katie Petherick, Frau des englischen Konsuls in Karthum, spielt fast in einer Liga mit Florence Baker (die beim Kämmen ihrer langen blonden Haare von hunderten Afrikanern fasziniert beobachtet wurde). Florence Baker erinnert momentweise an Isabel Burton, die ihren Mann Richard Francis Burton zwar nicht in Afrika, aber doch in Syrien und Brasilien auf gefährlichen Unternehmungen begleitete; beide Frauen blieben auch kinderlos, bedienten Gewehre, ritten in Männerkleidung getarnt als Sohn des Mannes, urlaubten in späten Jahren weltweit mit ihren Männern um die Welt und überlebten sie (besonders ausführlich über Isabel Burton schreibt Burton-Biografin Lovell). Weitere Frauen in Afrika sind Mary Kingsley und Pamela Watson.

Dichtung und Wahrheit:

Shipman, Anthropologie-Professorin und erfahrene Biografin, reichert ihr Buch mit erfundenen Dialogen an und liefert allgemeine Hintergründe so, als ob sie unmittelbar das Schicksal von Florence Baker beschreiben. Zwar erscheinen im 375seitigen Haupttext keine Ziffern für Fußnoten; doch auf weiteren 27 eng bedruckten Seiten liefert Shipman genaue Belege für ihre Erklärungen. Dabei erscheint kurz auch Richard Halls 1980er-Samuel-Baker-Biografie (die stilistisch gegen Shipman deutlich abfällt, allerdings keinerlei Fiktion einmischt und sich wie Shipman weitgehend auf Afrika und England konzentriert, also Bakers junge und späte Jahre übergeht, aber weit weniger von Florence erzählt).

Erklärungen zum Verhältnis von Dichtung und Wahrheit gibt es kaum (ähnlich wie bei der afrikanischen Burton-und-Speke-Fiktion von William Harrison; die Bakers und Speke hatten ja eine kurze Begegnung im sudanesischen Gondokoro).

Ein Beispiel für Fiktionalisierung eines sonst historisch gründlich recherchierten Berichts:

Shipman behauptet auf Seite 247, dass Florence vorübergehend schwanger war und ihren Mann deswegen ohne sie auf eine Lustreise mit dem Prinzen von Wales nach Ägypten schickte; Florence habe das Kind dann verloren. Shipman bekennt erst im Kleingedruckten auf Seite 395:

Florence’s pregnancy is not documented. It is the best hypothesis I can construct…

Manchmal blumig:

Shipman schreibt Dialoge, Gedanken und Eindrücke mit viel Einfühlungsvermögen, versetzt sich hervorragend in ihre Hauptfigur hinein. Sie heroisiert Florence jedoch einigermaßen und legt ihr oft die klügsten Ratschläge und Erkenntnisse in den Mund. Zuweilen klingen die verliebten Dialoge zwischen Samuel und Florence schmalzig (mehrere Rezensenten kritisieren die Dialoge als zu flach).

Shipman schreibt dennoch gut lesbar, elegant flüssig und flicht historische oder kulturelle Hintergründe meist locker ein. Nur gelegentlich wirken Schilderungen angelesen, Dialoge zu aufdringlich didaktisch, Zitate zu lang, vor allem im letzten Drittel, wenn mehr Aufzeichnungen aus Florences Tagebuch vorliegen.

Bemerkenswert: Shipman schreibt strikt chronologisch. In den Expeditionen der Bakers jagte eine Katastrophe die andere, sie taumeln von einer Todesgefahr in die nächste; doch nur sehr selten produziert Shipman raunende Ausblicke auf die Zukunft, darin löblich unterschieden von anderen Entdecker-Biografen. Sie verzichtet auch auf dramatische Einstiege medias in res, um dann erst auf die Vorgeschichte zu schwenken.

Shipman zeigt zahlreiche Radierungen und alte Fotos auf dem üblichen Buchdruckpapier. Anders als die meisten Entdecker-Biografen bringt sie eine ausführliche Zeittafel und mehrere Landkarten – relativ klar und genau im Vergleich zu anderen Biografien, aber nur relativ. Stichwortverzeichnis und Anmerkungen zu den Archiven komplettieren den Anhang. Das Buch erschien in den USA als To the Heart of the Nile, in England als The Stolen Woman, auf dem deutschsprachigen Markt als Mit dem Herzen einer Löwin.

„Saftige, süffige Geschichte…“ – die Kritiker:

Neue Züricher Zeitung von Perlentaucher nacherzählt:

((Der Kritiker)) betont angetan, dass man viel über das viktorianische Geschlechterverhältnis erfährt, erkennt aber, dass es Shipman weniger um historische Wahrheit als um eine „saftige, süffige Geschichte“ geht. „Sprachlich“ hat sich Sütterlin über so manch schmalzige Formulierung geärgert

Goodreads: 3,67 von 5 Sternen bei 182 Stimmen im Juli 2015

The Guardian:

Pat Shipman has taken an extraordinary historical episode and, disappointingly, recreated it in the style of a romantic novel. Though a lively read, it lacks bite; the result is a book that would have benefited from a more forensic approach and is marred by overblown sentiment.

The Telegraph (mit klaren inhaltlichen Fehlern, die hier nicht zitiert erscheinen):

…never moves beyond the superficiality and cliche of a Mills & Boon romance… it is the remarkable achievement of The Stolen Woman to have turned a quite extraordinary epic into a fiction of utter banality.

Los Angeles Times:

The Bakers‘ story is a marvelous gem, and Shipman is keen to portray it as an epic love affair… Shipman’s affinity for the pair, and for Florence especially, shines through, but she writes in a novelistic style that doesn’t do the story justice. The author of seven previous books, most notably „The Man Who Found the Missing Link,“ and an adjunct professor of anthropology at Penn State, Shipman tries to infuse her historical narrative with the intimacy and immediacy of fiction. She is not the first to do so, but like many before, her reach exceeds her grasp. Too often, we are told what the characters were thinking and doing — „Sam sensed her distress,“ „Florence tried to understand his reticence“ — as if Shipman were the omniscient narrator of a novel. Though some of these characterizations can be traced to journal entries, often they are Shipman’s leaps of imagination, meant to create an emotional bond between reader and story… The problem with Shipman’s style is not that she tries to use novelistic techniques. It’s that too often the book ends up sounding like a dime-store romance. That’s a shame, because it is a powerful story of adventure, love and romance, as well as a perfect antidote to the criticism that history tends to focus inordinately on white males. Shipman’s literary devices end up being a distraction to what is otherwise a fascinating and at times moving story.

Publishers Weekly:

Shipman’s account shines with historical clarity and narrative fluency, although at times the invented dialogue between the couple rings a saccharine note. Overall, this portrait of bravery, altruism and stamina in the wilds of uncharted Africa is a reverent and careful tribute.

NZ Herald:

Inserting novelistic dialogue into history and biography is fashionable… This has two effects. The first is to make the characters more immediate and realistic. The second, and adverse, effect is to introduce a reason to doubt the biography’s veracity… Pat Shipman’s great affection for her subject and for Africa is evident throughout this hybrid work. Despite putting often cloying and clumsy words into Florence and Samuel’s mouths, she has re-created one of the grand romances of the 19th century.

Madame Guillotine:

Pat Shipman’s writing style isn’t for everybody – it straddles the awkward ground between biography and novel, and there’s also a tendency to rhapsodise about both Sam and Florence’s good looks when, in their photos at least, both of them look as if their most salient characteristic is a refusal to take any nonsense from anybody. But I’d still recommend this book for the story.

Bookloons:

The story of these years reads like an adventure novel, with invincible main characters who pursue their goals and dreams with determination and an enviable love for each other. Florence Baker was an astounding woman who not only followed her man; she was his partner in everything. They shared the fevers and warring attacks that Africa threw at them, as well as the beauty of the country and a love of the African peoples ((HansBlog: Sie hassten die meisten Afrikaner und Araber, das wird aus vielen von Shipman zitierten Tagebucheinträgen sehr deutlich)). Had Florence lived today, she might well have been the CEO of a large conglomerate or possibly the first woman president of the United States. She recognized no boundaries in her life – only difficulties that she knew she could overcome.



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