Rezension Entdecker-Biografie: Die Liebenden auf dem Nil, engl. Lovers on the Nile, von Richard Hall (1980, über Samuel und Florence Baker) – 6 Sterne

Die Biografie schildert Samuel Bakers (1821 – 1893) strapaziöse Suche nach den Nilquellen ab 1861 und seine späteren wichtigen Aufenthalte in Ägypten und im Sudan. Bakers Unternehmung erinnert an die Nilsucher David Livingstone, Henry Morton Stanley und Richard Francis Burton etwa zur gleichen Zeit.

Ungewöhnlich dabei, dass Florence Baker ihren Mann nach Zentralfrika begleitetete und mit ihm zurückkehrte. Weiße Frauen kamen sonst kaum auf den schwarzen Kontinent: Livingstones Frau starb früh in Afrika; Stanley, Speke, Grant und Burton reisten ohne Partnerin; nur Katie Petherick, Frau des englischen Konsuls in Karthum, spielt fast in einer Liga mit Florence Baker (die beim Kämmen ihrer langen blonden Haare von hunderten Afrikanern fasziniert beobachtet wurde).

Mehr noch: Der Engländer Baker hatte seine ungarische Florence (1841 – 1916) blutjung 1859 auf einem türkisch kontrollierten Sklavenmarkt gekauft oder gestohlen, als er schon verwitweter Vater von vier Töchtern war. Bakers erste Frau war zuvor in Ceylon erkrankt und in England gestorben. Aus Osteuropa nahm Samual Baker seinen Neuerwerb mit nach Afrika und überlegte sich laut Biograf Hall offenbar erst kurz vor der Rückkehr ins sittenstrenge viktorianische England, sie zu heiraten und der Gesellschaft vorzustellen (laut anderen Quellen heirateten sie schon Jahre früher noch vor Eintreffen in Afrika).

Routinierte Erzählung:

Der erfahrene Journalist, Biograf und Afrika-Kenner Richard Hall erzählt routiniert und gestützt auf viele Quellen, die frühere Biografen nicht hatten. So konnte Hall erstmals Bakers komplette Tagebücher lesen, und er präsentiert einige Vergleiche zwischen zwischen den Vor-Ort-Notizen des Entdeckers und seinem späteren Erfolgsbuch über die Expedition.

Man glaubt zu spüren, dass Halls Lust am Schreiben mit der Zeit nachließ. Der Anfang klingt sehr lebhaft, gelegentlich pompös; später erscheint der Ton etwas hingehuscht und kursorisch. Dann folgt ein dramatisches Kapitel mit einem Einstieg am schwierigsten Punkt, danach erst einmal eine Rückblende – sehr journalistisch, für eine Biografie jedoch unpassend, vielleicht bereits einmal als Einzelstück veröffentlicht.

Die Alternative – Pat Shipmans Biografie der Bakers:

Alternativ zu Richard Halls Buch gibt es das neuere Mit dem Herzen einer Löwin von Pat Shipman (2004, US-Titel To the Heart of the Nile, engl. Titel The Stolen Woman). Ihre Biografie der Bakers ist im Vergleich flüssiger geschrieben und erzählt weitaus mehr von Florence Baker, teils in verklärendem Ton. Shipman hat aufwändig recherchiert, aber sie erfindet auch Dialoge, und die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit ist nicht immer klar (s.m. separate Rezension).

Florence Baker:

Über das interessante Verhältnis zwischen Samuel und Florence Baker erfahren wir in Richard Halls Lovers on the Nile wenig. Warum überhaupt kaufte er sie – Mitleid, Einsamkeit, Ehewunsch? Keine Auskunft. Von Florence hören wir nur, dass sie in Afrika immer ihren Mann stand, mit Feuerwaffen hantierte und vor nichts Angst hatte (freilich hat Baker sie im Tagebuch kaum erwähnt und auch kaum gezeichnet).

Wie sich Florence später in der englischen Gesellschaft, deren Sprache sie noch lernte, zurechtfand – kein Wort davon. Florence Baker erinnert momentweise an Isabel Burton, die ihren Mann Richard Francis Burton zwar nicht in Afrika, aber doch in Syrien und Brasilien auf gefährlichen Unternehmungen begleitete; beide Frauen blieben auch kinderlos, bedienten Gewehre, ritten in Männerkleidung getarnt als Sohn des Mannes, urlaubten in späten Jahren weltweit mit ihren Männern um die Welt und überlebten sie (besonders ausführlich über Isabel Burton schreibt Burton-Biografin Lovell); weitere Frauen in Afrika sind Mary Kingsley und Pamela Watson.

Begrenzter Blick:

Halls Buch setzt erst etwa 1858 ein, kurz bevor Baker Florence kauft oder stiehlt und mit ihr nach Afrika reist. Bakers Vorleben in England und Ceylon mit seiner ersten Ehefrau interessiert den Biografen nicht; über Florences Vergangenheit und Gefangenschaft gibt es nur wenige Absätze.

Dann aber schildert Hall ausführlich nicht nur die Strapazen der Expeditionen mit vielen Grausamkeiten seitens afrikanischer Kleinkönige und arabischer Sklaventreiber. Er beschreibt auch die Machtspiele in London zwischen Außenministerium und Royal Geographic Society sowie die Positionen wichtiger Akteure wie Hanning Speke, Grant oder David Livingstone.

Hall schildert dann ausführlich, wie die Bakers heimlich in London heirateten, Florence jedoch wegen ihrer unklaren Herkunft nicht überall akzeptiert wurde und bei der Queen draußen bleiben musste. Nur eben wie Florence sich fühlte und mit Bakers Töchtern und Geschwistern warm wurde, darüber gibt es kaum etwas.

Nach der letzten spannenden Sudan-Ägypten-Episode mit James Baker und seinem Bruder Valentine erzählt Hall nur noch gerafft, eine Biografie kann man es kaum mehr nennen: die vielen weltweiten Reisen der Bakers erwähnt Hall mit einem Satz, dann kommt Bakers Tod, von Florences Tod hören wir nicht einmal die Ursache, gleich danach endet das Buch – mit dem Schicksal einer Nebenfigur. Die Schwankungen in Genauigkeit und Stil werten das Buch ab.

Abbildungen:

Auf 16 Kunstdruckseiten zeigt meine englische Quartet-Taschenbuchausgabe interessante historische Fotos und Radierungen. Baker produzierte offenbar reichlich interessante Aquarelle, die jedoch nicht abgebildet werden – ebensowenig wie das erste gemeinsame Foto von Baker und Florence, entstanden erst 1865, das Hall gleichwohl länger kommentiert (bei Shipman ist es zu sehen). Hall lobt Bakers erfolgreiches Afrika-Buch, verzichtet indes auf jede Kostprobe, zitiert nur (knapp) aus Samuel Bakers Tagebüchern, die er als erster einsehen durfte.

Im Lauftext (ca. 222 eng bedruckte Seiten) bringt Hall keine Fußnoten. Quellenangaben liefert er zusammenfassend pro Kapitel am Ende des Buchs, mit Bibliografie und Stichwortverzeichnis kommt der Anhang auf 21 Seiten. Es gibt nur eine ganzseitige Schwarzweiß-Landkarte, auf der auch der Weg der Bakers eingezeichnet ist. Sie könnte klarer sein und ist zudem historisch, die Seen erscheinen mit falschen Größen. Eine Zeittafel fehlt.

Die gesamte Titelseite meiner englischen Taschenbuchausgabe ist absurd: Schon der Titel „Lovers on the Nile“, der einen leidenschaftlichen Liebesroman suggeriert, passt kaum: Das Buch enthält wirklich keinen Moment Romantik, sondern vor allem Strapazen und gesellschaftliches und politisches Stochern, und zwar streng biografisch, nicht fiktional. Unter diesem Titel „Lovers on the Nile“ zeigt der Verlag überdies ein uraltes Foto, auf dem Samuel Baker allein im Sessel sitzt, vermutlich in England, mit drögstmöglichem Gesicht – keine Lovers, kein Nile.

„Spannend und ein wenig pathetisch…“ – die Kritiker über Richard Halls Buch:

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Richard Hall, der die Lebensgeschichte Bakers unter dem lyrischen Titel „Die Liebenden auf dem Nil“ („Lovers on the Nile“) detailliert aufzeichnete, gibt zwar manche, doch keine erschöpfende Auskunft. Im Mittelpunkt seines Buches steht dieser unglaublich männliche Mann, dieser Herr in jeder Situation, auf der Insel und unter Wilden… Die Beschreibung der vielen quälerischen und unfaßlich grausamen Einzelheiten in der Wildnis sind spannend und ein wenig pathetisch geschrieben.

Kirkus Review:

The public, or social, side of this unconventional liaison is more effectively rendered here, in fact, than the private side. Hall dithers about expressing the apparent passion the two had for one another… If Hall does not succeed in making a rousing narrative of these marvelous materials, he does recognize their individual worth; and readers of various bents will be in his debt.

London Review of Books:

It is not so much a biography as the story of a seven-year travelling honeymoon. In fact, the book flows at an easy pace, but only once the lovers are embarked upon their journey: before that, in the summary of Baker’s early life and the background to the expedition, the narrative falters a little. As with so many Victorian travels, the voyage itself is almost indescribable in its litany of disasters… She was 17, he was 38.



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