Romankritik englische Medien-Satire: Everyone’s Gone to The Moon, von Philip Norman (1995) – 7 Sterne

1996: Der blasse Louis Brennan, 22, wird Topjournalist bei der schicken Farbbeilage, nein, beim Magazin des Londoner Wochenblattes Sunday Dispatch. Große Teile des Romans beschreiben Leben, Liebe und Intrigen in der Redaktion – und in den Swinging Sixties.

Fazit:

Norman schreibt mit Insiderkenntnis, spannenden Intrigen, deftiger Satire, ausgeprägten Charakteren und eleganten Worten – umso verblüffender, dass der Roman auch reichlich Sprachfehler liefert (ich hatte die englische Arrow-Ausgabe). Es gibt kaum Leerlauf. Auch wenn alles wild übertrieben klingt, ich konnte das Buch kaum weglegen.

Hintergründe:

Philip Norman fiktionalisiert (und glorifiziert) hier seinen eigenen Einstieg bei der Sunday Times. Im Roman heißt das Blatt Sunday Dispatch – eine Zeitung, die unter diesem Titel tatsächlich von 1928 bis 1961 erschien. Die eindrucksvollen Figuren aus dem Roman sind offenbar tatsächlichen Medienmachern nachempfunden.

Später wurde Norman er vor allem mit Büchern über die Beatles und die Rolling Stones bekannt. Norman schrieb zwei weitere Romane über seine Kindheit vor dem Journalismus (engl. Hintergründe zu Normans Leben).

Wenig realistisch:

Die Roman-Hauptfigur Louis Brennan wirkt besonders unglaubwürdig: Kollegen loben seine Schreibkunst unentwegt, er wird sogar um ein Romanmanuskript angefleht. Doch der Buchleser bekommt nicht eine Brennan-Zeile zu Gesicht (stattdessen gibt es ganze Absätze von Konkurrenzblättern). Mühelos erhält Brennan 22jährig eine Stelle beim todschicken Hauptstadtmagazin – kaum nachvollziehbar.

Eine Buchhaltergehilfin schläft sich in den Chefsessel hoch – wirklich? Am meisten unterhält das Buch wohl Leser, die damals in London dabeiwaren.

Regelmäßig garniert Autor Philip Norman sein Buch mit vorpubertärer Vulgarität. Über einen öden Witz sagt er sogar selbstgefällig:

A joke dating back to the third form, but still as appealing as ever (S. 76).

Wenig Promis:

Die Kultfiguren des Swinging London erscheinen hier spärlicher, als die Werbung suggeriert. Promi-Alarm schrillt erstmals überhaupt um Seite 200 herum – mit Elizabeth Taylor und Richard Burton in Salzburg.

Ab Seite 244 treten sporadisch ein paar Rolling Stones oder Beatles auf, auch mal Twiggy und Marianne Faithfull, ganz am Rand Kingsley Amis und V.S. Naipaul. Jimi Hendrix erscheint nur indirekt. Insgesamt lernen wir mehr Restaurants, Zigarren- und Weinsorten als Superstars kennen.

Assoziationen:

  • Norman erwähnt als profilierten echten Journalisten auch Michael Frayn, der seinerseits bald Belletrist wurde und mit Gegen Ende des Morgens/Towards the End of the Morning selbst einen heiteren Roman aus der Journaille schrieb
  • Weitere Romane aus der Londoner Medienszene wie Hummer zum Dinner von Helen Fielding und Nick Hornbys Miss Blackpool/Funny Girl
  • die pfiffigen Ideen der fiktiven Sunday Dispatch-Farbbeilage erinnern manchmal an das SZ-Magazin, und über diese „Farbbeilage“ gibt es ebenfalls einen (eher grauen) Roman, Vorn, von Andreas Bernard
  • milchbärtiger Jungjournalist unter Großrockern, das erinnert momentweise an den USA-Spielfilm Almost Famous – Fast berühmt
  • Hauptfigur Godwin Toby wird „God“ genannt, wie im richtigen Leben der ähnlich glamouröse CBS-Präsident Goddard Lieberson, beschrieben im Buch Hit Men

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