Rezension England-Nigeria-Roman: Nur ein Teil von Dir, engl. A Bit of Difference, von Sefi Atta (2012) – 6 Sterne – mit Kritikerstimmen

Die Afrikanerin Deola stammt aus reichem Elternhaus in Nigeria, lebt jedoch seit Jahrzehnten in England. Sie hat dort einen guten Job und einen britischen Pass. Deola ist 39, Single und kinderlos, hätte aber gern Nachwuchs. Eine Geschäftsreise nach Lagos verändert ihr Leben.

Fazit:

Sefi Atta erzählt mit sparsamen Worten, skizziert mit knappen Dialogen Stimmungen und Empfindsamkeiten, schildert moderne Afro-Europäer zwischen den Kontinenten, liefert einige Einblicke und zeitweise milde Spannung.

Allerdings ist die Hauptfigur, aus deren Sicht alles erscheint, langweilig und voreingenommen. Der Afrozentrismus sowie aufreizend leitartikel-artige Dialoge zu Korruption, Entwicklungshilfe und afrikanischer Literatur ermüden – und kontrastieren seltsam mit anderen, sehr feinfühligen Wortwechseln. Einige der zahlreichen Rück- und Seitenblenden wirken überflüssig, doch ohne sie wäre der Roman sehr kurz.

Zäher Einstieg:

Der Roman beginnt zäh: Hauptfigur Deola langweilt sich bei Bürojobs in Atlanta und London und mit Bekannten. Sie will etwas ändern, will eine Familie, doch nichts ist in Sicht und sie unternimmt auch nichts. Öfter klingt es, als ob Autorin Sefi Atta kleine persönliche Erlebnisse einbaut, die letztlich nur den interessieren, dem sie zustießen.

Deola ist komplett auf Afrika und speziell auf Nigeria fixiert. Sie lebt seit ein paar Jahrzehnten in England, sieht jedoch alles aus nigerianischer Perspektive und mitunter scheint es, als ob Nigeria objektiv ein wichtiges Thema sei. Ein nicht-nigerianischer Partner kommt für sie nicht mehr in Frage.

Die Autorin verwendet auch regionalsprachige Ausdrücke, die ich nicht immer verstand. Ist die Hauptfigur endlich von London nach Nigeria geflogen, lobt sie die dortigen Tageszeitungen, weil sie differenzierter über das Land berichten und einzelne Bundesstaaten unterscheiden können.

Vergleich mit Swallow und Everything Good Will Come:

Wegen der drögen, selbstmitleidigen Hauptfigur, 39, hat A Bit of Difference bei weitem nicht den aggressiven Schwung und die Vitalität von Sefi Attas Vorgängerromanen Everything Good Will Come (dt. Sag allen, es wird gut) und Swallow (dt. It’s my Turn). Dort waren die Hauptdarstellerinnen jünger. Leitartikel-artige Welterklärung wie in A Bit of Difference hat es früher auch nicht gegeben.

Es gibt aber auch deutliche Parallelen und typische Sefi-Atta-Kulissen: So das reiche, großbürgerliche Elternhaus an der Lagos-Waterkant; oder die zwei jungen, vertrauten Frauen in Lagos, die gemeinsam in der Bank arbeiten und fast gemeinsam kündigen; ebenso junge, selbstbewusste und doch machtlose Ehefrauen, die ihre streunenden Männer verfluchen.

Persönliche Beobachtung:

Mir fiel auf, wie Nigerianer im Roman fast eifernd über regionale Rassezugehörigkeit diskutieren und wissen wollen, wer was ist (Yoruba, Ewe, Hausa, Igbo etc.). Ich habe mal Nigerianer in Ghana kennengelernt und weil mir die Frage nach der Ethnie aus Gambia so vertraut war, habe ich auch die Nigerianer nach ihrem Stamm gefragt. Die lächelten nur überlegen und meinten: „Stamm, wieso Stamm? Wir sind Teil der nigerianischen Nation.“

Genau diese Haltung fehlt jedoch in Sefi Attas Roman. Dort gibt es starkes Rassenzugehörigkeitsbewusstsein und kaum Gemeinsinn, außer innerhalb der Familie und evtl. innerhalb des Stammes.

Atta verarbeitet offenkundig viele eigene Erfahrungen: Sie schreibt über eine Frau fast genau in ihrem Alter, ihr Leben hat Parallelen zum Werdegang Deolas. Auf dem Foto der Autorin in der hinteren Innenklappe sieht Atta in etwa aus, wie ich mir ihre Hauptfigur vorgestellt hatte.

Kritiker:

Frankfurter Allgemeine:

Die Geschichte ihrer fiktiven Afropolitanen erzählt Sefi Atta in einem schnörkellosen, zuweilen etwas hölzernen Stil, klingt dabei aber weitaus weniger bitter als ihre Schriftstellerkollegin Taiye Selasi, die den Begriff des „Afropolitan“ geprägt hat.

Deutschlandradio Kultur:

Tempo und Leichtigkeit aus Attas früheren Büchern sind hier erheblich gedrosselt… Feinfühlig achtet sie ((Hauptfigur Deola)) auf die alltäglichen Diskriminierungen und sei es, dass sich mal wieder jemand über ihr akzentfreies Englisch wundert… Atta stellt wie immer in ihren Büchern die Situation der Frauen in den Mittelpunkt… Deolas Geschichte erzählt sie in der dritten Person, was zum Lebensgefühl der Protagonistin passende Distanz schafft… Erst als Deola nigerianischen Boden betritt, nimmt das Buch Fahrt auf.

Neue Zürcher Zeitung:

Sefi Atta thematisiert in ihrem neuen Roman unter anderem auch die Erwartungshaltungen, welche die Rezeption des «afrikanischen Romans» im Westen bestimmen – und durchkreuzt sie gleichzeitig mit der Geschichte einer erfolgreichen Weltbürgerin, die zugleich ihre nigerianischen Wurzeln nicht verleugnet… Sefi Attas neuester Roman ist nicht exotisch. Er beeindruckt durch die Fülle der Themen, die an der Person von Deola Bello festgemacht werden: vom Sinn der Wohltätigkeitsorganisationen über die Sehnsüchte alleinstehender Frauen bis hin zum Leben im Chaos der grössten Stadt Afrikas. Mit besonderem Genuss erzählt Sefi Atta diesmal vom Luxus, den es auch und gerade in Nigeria gibt, vom Leben mit Chauffeur und Dienstmädchen zwischen ledergebundenen Büchern und dem Klavier

The New Yorker:

The book is low on drama… The novel’s momentum comes from Atta’s delicate prose and from the wry sense of humor she gives Deola… quietly funny

The Guardian:

A refreshing look at themes of family, race, literature and music… Character is one of Atta’s strongest points as a writer – each character, even the most fleeting, has a story, a mannerism that stays with the reader. The book advances not by plot, but rather through anecdotes, flashbacks, side comments and observations, and as the flashbacks and characters pile up, it becomes hard work to keep pace with them.

Publishers Weekly:

Delivers on the promise of her well-received early work with this breakout which is at once an American successor to classic Nigerian literature and a commentary on how the English-speaking world reads Africa… low on drama but rich in life, though Atta’s third-person voice makes less for a portrait of a mind in transit than a life caught in freeze-frame, pinned between two continents and radiating pathos. Wholly believable, especially in its nuanced approach to racial identity, the story feels extremely modern

Pop Matters:

A slow burn of a book, one that eschews both flashy plot points and linguistic cleverness. It’s likely that this low-key approach will cost it some readers, and that’s too bad, because the story is a compelling one. Touching on themes of diaspora and colonialism, but rooted always in an individual’s story, A Bit of Difference has things to say, but it requires an attentive listener to notice them. The book refuses to raise its voice and shout… Some of this material is compelling; some of it, not so much. It’s easy to get lost in the side stories of this Aunty or that in-law, especially for westerners whose own extended families tend to be smaller—or at least, less intrusive… plenty of barbed observations about what it means to be African (or by extension, any minority, particularly an immigrant minority) in the West… Atta dispenses with linguistic pyrotechnics, but her blunt and straightforward style is well suited to the delivery of precise observations… enough of a hook to keep the reader engaged, while the sharp observations add muscle to the bones of an otherwise pretty minimal story.


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