Rezension: Eine gute Partie, von Vikram Seth (Roman 1993, engl. A Suitable Boy) – 7 Sterne – mit int. Pressestimmen

Fazit:

Epische Saga, die vier große Familien und kaum mehr als ein Jahr beschreibt. Viele starke, gebildete, clevere Dialoge. Häufig mild spannend, jedoch dramatisch nur auf den letzten 200 Seiten. Souverän und rund geschrieben, aber  gelegentlich irritieren überhastete Perspektivwechsel, und manche Themen bettet der Autor nicht richtig in die Handlung ein. Gekürzt um ein Drittel oder Viertel wäre der Roman noch stärker.

Vikram Seth schreibt gern über milde Exzentriker, vermeidet aber allzu schrille Figuren oder absurde entscheidende Zufälle. Er schreibt weitgehend linear ohne Rückblenden und legt den Witz in Dialoge, nicht in die Erzählstimme.

Überblick:

Im Mittelpunkt stehen vier städtische nordindische Mittel- und Oberschichtfamilien, deren Kinder untereinander heiraten oder befreundet sind, in 14 Monaten ab 1950, also kurz nach der indischen Unabhängigkeit und Teilung. Der Nachfolger A Suitable Girl soll etwa 2017 erscheinen und in neuerer Zeit spielen.

Meine englische Penguin-Taschenbuchausgabe aus Indien hat etwa 1345 Seiten eng gedruckten Haupttext (einschließlich zwei bis drei Leerseiten vor jedem der 19 Teile), ist 71 Millimeter dick und wiegt 1230 Gramm. Sie ist exzellent gebunden ohne jede Bruchgefahr und bleibt je nach Seitenzahl auch aufgeschlagen liegen. Die deutsche Ausgabe wird mit 2000 Seiten angegeben.

Gut lesbar:

Trotz der Länge lässt sich a A Suitable Boy hervorragend lesen. Nicht nur wegen der allgemeinen Qualität, sondern auch, weil Seth überwiegend kurzweilige Dialoge wiedergibt, das Buch zudem in 19 Teile und unzählige kurze Kapitel gegliedert  ist (ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen; deutschsprachige Kritiker kommentieren die Qualität der Übersetzung nicht).

Die Dialoge mit ihren vielen Zeilenumbrüchen erfordern überdies mehr Druckseiten als lange durchgehende Absätze mit gleicher Wortzahl. (A Suitable Boy soll nicht ganz 800.000 Wörter zählen. Ein typischer neudeutscher Roman mit viel indirekter Rede und wenig Absätzen wäre bei gleicher Seitenzahl viel länger – und langatmiger.) Angesichts der Qualität habe ich anschließend auch Seth-Bücher gekauft, die mich inhaltlich oder formal sonst eigentlich weniger interessieren – Versroman, Chinareise, Kammermusik, Nazizeit – und wurde immer gut unterhalten.

Im Rahmen einer Hochzeit führt Vikram Seth mehrere Familien und ihre Protagonisten nach und nach übersichtlich ein, so dass der Überblick nicht schwer fällt. Nützlich sind aber auch die vier Stammbäume am Buchanfang, hier hatte ich zunächst ein zweites Lesezeichen, das ich ab etwa Seite 380 nicht mehr brauchte. Tatsächlich wirken einige Figuren im Roman bald so lebendig, dass man in den Stammbäumen unwillkürlich nach Fotos, Wohnort und Geburtsdatum sucht; manche Personen erkennt man wieder in Seths Doppelbiografie Zwei Leben/Two Lives (2005). Wohlgerundet endet A Suitable Boy dann auch mit einer Hochzeit.

Seth, sicher einer der eigenwilligsten und vielseitigsten aktuellen Autoren, schreibt ein sehr gebildetes, stets unterhaltsames, mitunter leicht altmodisches Parlando. Man hört ihm gern zu. Auch seine Figuren reden in den vielen Dialogen gewitzt, gebildet – wohl nicht immer realistisch, aber durchgehend vergnüglich.

Das erinnert deutlich an viele Bollywood-Oldies, die ebenfalls oft in gehobeneren und teils westlich orientierten Schichten spielen mit einander zugewandtem Personal. Insbesondere erinnerte mich Seths gutbürgerlich-indische Atmosphäre an die gebildeten, aber weniger dramatischen „Middle of the Road“-Hindifilm-Oldies von Hrishikesh Mukherjee (Bengali wie Seth) und Gulzar.

Seth verzichtet über weite Strecken betont auf Dramatik, Gewalt und Spannung und bewahrt seine Hauptfiguren vor allzu großer Tragik (anders als in seinem frühen Versroman The Golden Gate), auch wenn er einen Tod und eine Totenfeier sehr bewegend schildert. Mit wenigen Ausnahmen unterlässt Seth unheilschwangere Ausblicke auf die Zukunft. Sein Stoff bietet genügend Anlässe zu Gewalt, doch Seth zeigt sie kaum, auch nicht in verarmten Dörfern voller Konflikte; allerdings gibt es eine Massenpanik und gegen Ende einen Kriminalfall.

Immer wieder bringt Seth vernunftgeleitete, sachliche Männer, die sich über politische, religiöse und wirtschaftliche Gegensätze hinweg verständigen und Korruption verachten, auch wenn sie ihnen Vorteile brächte. Die Frauen sind oft liebenswert, herzensgut und teils gebildet, aber nicht wirklich ernstzunehmen.

Indische Ausdrücke wie dupatta, sindoor oder sarangi erklärt Seth im englischen Original bewusst nicht: Indische Leser sollen nicht glauben, Seth schreibe nur für den Übersee-Markt (die deutsche Ausgabe soll ein Glossar enthalten). Seth kultiviert jedoch ein Faible für sprachliche Feinheiten und erklärt mitunter sehr aufschlussreich besondere Urdu- oder Hindi-Sprechweisen. Seth, der auch mehrere Gedichtbände und einen Versroman veröffentlichte, bringt zudem immer wieder Gereimtes – teils bewusst haarsträubend schlecht Gereimtes. Die Chatterji-Jugend in Kalkutta amüsiert sich gar mit frechen Spontan-Paarreimen.

Ein guter Teil des Buchs handelt von verschiedenen platonischen Liebeleien und der anstrengenden Ehemannsuche für die eigenwillige Studentin Lata – der Ausdruck A Suitable Boy fällt mehrfach. Ausführlich behandelt Seth aber auch Konflikte zwischen Christen, Hindus und Moslems, politische Intrigen auf der Ebene der Bundesstaaten, Regierung/Congress-Partei/Nehru in Delhi, Klassenunterschiede auf Dorfebene und Themen des Schuhgroß- und Einzelhandels und der Schuhfertigung – Seths Vater arbeitete in dieser Branche.

Die verschiedenen Motive und Familien fügt Seth überwiegend gut in eine durchgehende Handlung. Markante Querbezüge zwischen Figuren, Zeitabschnitten und Episoden grundieren den Roman mit einem soliden Wurzelwerk. Nur gelegentlich irritieren Szenenwechsel, Perspektivwechsel, neue Figuren oder neue Themen fast ohne Beteiligung der Hauptakteure. Hier konnte Seth seine Einfälle und Anliegen teils nicht ganz schlüssig einbinden (ähnlich wie im Versroman The Golden Gate und vor allen in Zwei Leben/Two Lives); darum würde ich nicht von einem wirklich großen Roman sprechen.

Die Frage der Landumverteilung begegnet sehr ausführlich – aus Sicht von Ministern, Ministersöhnen, Großgrundbesitzern, Kleingrundbesitzern, Keingrundbesitzern und ihren jeweiligen Söhnen, Rechtsanwälten, Richtern, Landvermessern. Das ist im elften Teil, Seite 685 bis 757. Hier verliert der Autor seine Figuren etwas aus den Augen und schildert die formaljuristischen Diskussionen um die Landverteilung sowie parallel dazu ein religiöses Fest am Ganges. Die Protagonisten treten hier nur am Rand auf, und etwa ab dem elften Teil zeigt der Roman insgesamt etwas weniger Dialog und Handlung und etwas mehr soziale und politische Anliegen.

Gut, dass der ansonsten weit unterhaltsamere Roman nicht mit diesen Abschnitten beginnt. Doch so ausgefeilt und markant Seths Dialoge vor allem in der ersten Romanhälfte auch klingen – Seth wirkt hier teils verspielt und lässt die Handlung auf der Stelle treten, während Hausfrauen, Teenager, verquaste Philosophen und schnippische Jungdamen ausführlichst reden, denken und mehrfach amüsant reimen. Vielleicht ist sich der Autor seiner eigenen Qualität als hochgebildeter Dialogautor sogar zu bewusst.

Atmosphäre und Personal im Indien der 1950er Jahre erinnern deutlich an Ruth Prawer Jhabvalas frühe Indien-Romane wie Esmond in India, allerdings spielen Europäer bei Seth kaum eine Rolle und der Umgang ist ingesamt freundlicher.

Die epische Anlage und das breite Familienpanorama erinnern auch an die Buddenbrooks von Thomas Mann. Tatsächlich liest eine Seth-Figur (angeödet) die Buddenbrooks und in beiden Romanen entscheidet sich eine junge attraktive Frau nach anfänglichem Widerstand überraschend für den gleichen Typ von Mann; weitere Parallelen sind die Vorliebe leichtlebiger Söhne für ebensolche Vertreterinnen der darstellenden Künste und die akribische Darstellung historischer Geschäftsabläufe. Mann erzählt jedoch bündiger und ironischer, Seth weitschweifender und warmherziger. Die BBC will Seths Geschichte 2019 oder 2020 als Achtteiler auf den Bildschirm bringen.

Deutsche Pressestimmen:

FAZ (die auch das Romanende verrät):

…ein unüberschaubarer erzählerischer Kosmos, bei dem man gelegentlich befürchtet, der Autor habe sich in seinem eigenen Wissen verirrt. Der Eindruck trügt. Der erschöpfte Leser stellt am Ende bewundernd fest, daß der mäandernde Strom des Erzählens schließlich doch mit einiger Genauigkeit sein Ziel gefunden hat… ein verwirrendes, gelegentlich dramatisches, oft aber irritierend funkelndes Kaleidoskop vor uns entfaltet… Keine Parlamentsdebatte ist zu lang und keine Kricketregel zu nebensächlich, als daß er sie nicht mit endloser Geduld und geradezu wissenschaftlicher Genauigkeit erklärte. Das Ergebnis solchen akribischen Erzählens ist keine gigantische „Seifenoper“ (Salman Rushdie). Vikram Seth ist, das macht jede Zeile seines Epos deutlich, zu gebildet, zu seriös und auch zu skrupulös, als daß er nur die Klischees der Familiensaga bediente… Seine Figuren bleiben Schemen, die in ihrem und des allwissenden Erzählers Redestrom zu versinken drohen. So entsteht der Eindruck profund recherchierter Sekundärliteratur, bei der die unbeweglichen Personen nur als Staffage einer Landeschronik fungieren. Das liegt gewiß nicht allein an der überbordenden Stoffülle, sondern auch an den zuweilen papierenen Dialogen, die den Roman durchziehen. Einige englische Kritiker haben sich an der konventionellen Erzählweise gestört, die das Buch gelegentlich wie eine perfekte Kopie europäischer Vorbilder erscheinen läßt… wieviel bewegender könnte dieser Roman, der die menschliche ebenso wie die politische Toleranz unter den Religionen auf sympathische Weise predigt, sein, wenn sich zu der ordnenden Hand des Autors auch noch eine suggestivere, eigenständige Handschrift und mehr Ökonomie im Umgang mit seinen Stoffmassen gesellten.

Spiegel:

Es ist Seths geduldige Neugier auf schlichten Alltag, der Reichtum an Szenen und Stimmen, der seinen Roman zu einem Meisterwerk macht… Deutsche haben es sogar bequemer als die Leser des Originals: Sie bekommen ein Glossar mitgeliefert, einen kleinen indischen Sittenspiegel in Stichworten. Für englischsprachige Ausgaben hat Seth diesen Anhang nicht zugelassen. „Meine Landsleute hätten dann denken können, ich schriebe nur für Ausländer“, erklärt er selbstbewußt.

Falter:

Ein Gegengift zu Salman Rushdie, dessen überbordender Metaphernliebe und Hang zu hohler Dramatik Seth Ironie und Leichtigkeit entgegensetzt, eine gute Portion Understatement und einen Fokus auf jene Zwischentöne, auf die man bei dem Literaturberserker Rushdie vergeblich lauscht… seine 1998 Seiten lesen sich wie, sagen wir einmal, 800, wobei man auf den letzten 300 Seiten, wenn Spannung und Dramatik noch einmal gesteigert werden, das Gefühl hat, dass es jetzt erst so richtig losgeht und man noch so vieles wissen möchte

Englische Pressestimmen:

New York Times (Richard B. Woodward, mit vielen Hintergründen):

„A Suitable Boy“ makes few concessions to the American market. Readers must puzzle out hundreds of local words like khatri (denoting a commercial caste), alaap (introduction to a raga) and nimbu paani (drink made of fresh lime juice and soda) without a glossary… „A Suitable Boy“ is in some sense the story of this family. The main action takes place in the same year, 1951, that Prem and Leila Seth were married and conceived their first son: Vikram… many of the characters are composites of people Seth has known or heard about… Numerous acquaintances or friends of the author have in one way or another found their way into his fiction. Seth admits to using actual people as the basis… The city of Brahmpur in the book is an amalgam of Delhi, Lucknow, Agra, Benares, Patna and Ajodhya. („I realized quite early on that I would run into trouble if I didn’t create my own city.“)… Some days he worked 16 or 17 hours, some days not at all. He began by hand, developed cramps and tried therapy („I baked my hand, I froze my hand“), switched to a laptop, dictated to a friend and concluded again with a pen. He likes to write in bed, often after rising „at the crack of noon…“ the book was a risky and uncontracted venture until last year when publishers saw it and began bidding… 19th-century narrative proceeds at a drawn-out, gentlemanly pace

Guardian (ebenfalls mit Hintergründen):

Written with the clarity and leisureliness, the almost forgotten confidence, of a Victorian novel. It is a love story with little love and no sex… though India loves the success of its own in the wider world, A Suitable Boy was not received with unequivocal praise there when it was published a few weeks ahead of its British release. India Today called in „bland“ and „mundane“ and the Economic Times complained it lacked „the sweep, the majesty, the range and the insights of the great books“… That year, 1993, it outsold John le Carré and Wilbur Smith, and when it was left off the shortlist for the Booker prize, letters of protest were received by all the broadsheet newspapers

Kirkus Reviews:

Characters made out of cliché, with background-India the very stuffed pillow of local color that keeps them standing. The book, too, fairly squeaks with its own pleasure in itself, larded with poetry and a general recommendation of art over politics and money: the characters it spends the most time over are narcissists…

Publishers Weekly:

The multi-charactered plot pits mothers against daughters, fathers against sons, Hindus against Muslims and small farmers against greedy landowners facing government-ordered dispossession… a richly detailed and exotically vivid narrative that crisscrosses the fabric of India. Seth’s panoramic scenes take the reader into law courts, religious processions, bloody riots, academia–even the shoe trade. Portraits of actual figures are incisive… Seth’s point of view is both wry and affectionate, and his voluble, palpably atmospheric narrative teems with chaotic, irrepressible life

  • Goodreads: 4,09 von 5 möglichen Lesersternen, 32.789 Bewertungen, 1.583 Leserkritiken
  • Amazon.com: 4,4 von 5 Lesersternen, 301 Leserkritiken
  • Amazon.co.uk: 4,6 von 5 Lesersternen, 189 Leserkritiken (jew. August 2016)

India Today:

Many pages of tedious concerns and trite dialogue… Extremely ambitious in scope, attempting to capture the awesome reality of India – well, the Hindi heartland – Seth’s book succeeds in many ways… It is straightforward, bland, the writing mundane, not quite standing up to comparison with magical works like All About H. Hatterr and Midnight’s Children; not even to Naipaul’s masterpiece A House For Mr Biswas, which is written in the same realist style. The book, however, will most certainly rank among the foremost works of fiction by an Indian writer in English

Los Angeles Times:

This is not a bloated text. In fact, it is spare. In a magnificent display of artistic control as well as compassion for his reader, Vikram Seth disappears. And in an odd way, so too does his writing. It is absolutely seamless… The author is kind enough to provide family trees at the front of the book, but the story is so clearly told the reader will rarely refer to them… The level of relevant detail Seth weaves through his text–whether numbers theory or political machination or academic maneuvering or farming or classical musicianship or natural history or cultural anthropology–is astonishing for the way it comforts the reader and draws him in closer and closer to the many characters at hand… „A Suitable Boy“ is a page-turner, and the page-turning must go on night after night. I found myself getting edgy as the evenings wore on, hoping dinner guests would leave earlier than normal so I could get down to reading. I left dishes in the sink until morning so I could get back to reading; put off the writing of letters and the paying of bills so I could get back to reading… I found myself reading through tears at the death of an important though rather minor character

Independent:

The tone of the novel is determinedly frothy and light, all the better to last the long passage through love affairs, a Ganges pilgrimage, cricket matches, a wolf hunt, crimes of passion, a few riots, and a bruising political campaign. Seth’s dialogue is fluid and fine; his descriptive passages less so. They simply speed by, too shallow for lasting resonance. Occasionally, I had to restrain my hand from impulsively flipping through tedious parliamentary debates on land reform and the appalling poetry of the Brahmpur Literary Society. He delights, rather perversely, in showing that he can write doggerel. Seth is a master of brilliant beginnings. Every chapter has new characters, a new refraction. Lovesick musicians, mathematical child prodigies, blood-eyed Rajas and even a village idiot parade through… It is difficult to imagine a European narrative as complex and emotionally based as this told with such want of pretension or neurosis: the absence of Freud is indeed one of its distinguishing marks.

Library Journal (bei Amazon.com):

The setting–India in the 1950s–is vividly realized: the enormity of the subcontinent, its overpowering heat, lush gardens, colorful festivals, and exotic foods. Memorable characters abound; not since Dickens has there been such a lively and idiosyncratic cast crowded into one novel. Drama is provided by the simmering conflict between Hindu and Muslim, which breaks out unexpectedly throughout the novel. This is old-fashioned storytelling at its best; highly recommended.


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