Rezension: Drei Zimmer in Manhattan, von Georges Simenon (1946) – 6 Sterne – mit Video

Dieser Roman von Georges Simenon (1903 – 1989) hat keinen Maigret, keine Leiche, gar kein Verbrechen. Es geht um zwei gestrandete Europäer in New York. Die Einsamkeit, die Entwurzelung, die nächtlichen Gänge durch die Metropole trägt Simenon fingerdick auf (O-Titel Trois chambres à Manhattan).

Bis zur 80. Seite erhalten wir keinen Hintergrund über den Mann im Mittelpunkt, nur vage melodramatische Andeutungen. Seine Begleiterin, aufgegabelt in einer Kaschemme nach Mitternacht, redet unentwegt von ihrer glamourösen Vergangenheit in Budapest und in höchsten diplomatischen Kreisen; doch das könnte erfunden sein.

Simenon zelebriert Selbstmitleid und Selbstzergrübelung, Neonlicht und fiese Absteigen, noir, noir, noir. Immer wieder erklingt ein bedeutsames Lied – doch Simenon nennt weder Titel noch Eigenschaften. Die Mehrzahl der wichtigeren Figuren sind Europäer.

Warum der Mann dieser schwatzhaften, eitlen Frau und in krankhafte Eifersucht verfällt (wie später auch im Mann mit dem kleinen Hund, 1964), bleibt unklar. Warum er die Beziehung dann plötzlich mit dummen Manövern riskiert, ebenso – oder braucht Simenon schlicht einen Cliffhanger gegen Romanende?

Und trotzdem hat das was, verfolgt man die Hauptfiguren nicht ohne Interesse. Simenon garniert die Geschichte mit guten Beobachtungen und vielen kurzen Dialogsätzen.

Angeblich verarbeitete Simenon hier die Beziehung zu seiner zweiten Frau Denise, doch ihr Kennenlernen laut Wikipedia erinnert nicht an Drei Zimmer in Manhatten. Die Geschichte wurde 1965 in New York und Frankreich verfilmt, offenbar mit einer deutlich dramatisierten Handlung.

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