Rezension: Doing Germany, von Agnieszka Paletta (2014, 1. Band) – 3 Sterne

Agnieszka Paletta kam mit neun von Polen nach Canada, lebte kurz in Italien.  In einer Disco in Krakau trifft sie einen anderen Polenstämmigen, der in Deutschland aufwuchs und lebt. Sie folgt ihm nach München und Karlsruhe, heiratet.

Wie ein viel zu langer Facebook-Chat:

Paletta war bei Eintreffen in Deutschland 32 Jahre alt; im Buch müht sie sich standhaft, wie ein Teenager zu klingen – man fühlt sich zugelabert wie in einem viel zu langen Facebook-Chat. Unentwegt schreibt sie kursiviert, in Großbuchstaben und mit Fragezeichen-Ausrufezeichen-Ausrufezeichen – nur Emojis fehlen. Rhetorische Fragen und Ausrufe belegen ganze Absätze.

Paletta (*1978) schreibt durchgehend so großspurig und redundant, dass es nach gebrüllter Unterhaltung in einer Disko tönt – und genau damit beginnt ihr Buch auch. Auf einer Doppelseite schreibt sie gleich zweimal im Erzähltext „I gotta admit“, dazwischen „Yeah“. Immer wieder heißt es „are gonna be“, „wanna“ u.ä. Das ist wohlgemerkt nicht Zitat wörtlicher Rede, sondern Palettas Erzähltext – und der klingt angestrengt wie wörtliche Rede. Diese forciert pubertär-joviale Sprache tut mir oft körperlich weh, so auch beim Aufbruch zu einem Winzerbesuch:

I was ready on time. Make-up, dress and handbag, all on time. I was as happy as a pig in poo.

Der Ausdruck mit dem Schwein kehrt später wieder. Sie selbst schreibt sich einen „Polish-Canadian-Italian-German sort of charm“  zu.

Einige ihrer wiederkehrenden Ein-Wort-Sätze: „But.“ „Crap.“ „EVER.“

Meist macht sie jedoch viel zu viele Worte, um alles und jedes, wie unter Dampf. Paletta wird schwanger und:

There are over six billion people in the world. SIX BILLION! And even bigger billions have lived and died already. That’s a lot of pregnancies people ((sic))!

Schon gut.

Vorlieben:

Wieder und wieder betont Paletta ihre Faibles für Parties (früher), Make-up, Wein und Schokolade:

I was big on eating chocolate ice-cream and drinking wine. My type of exercise was clubbing and dancing all weekend.

Ihre standesamtliche Hochzeit: 8-Zentimeter-Absätze, Mascara leider nicht wasserfest.

Ich glaube nicht, dass Paletta einen gutmeinenden Lektor hatte. Offenbar erscheint das Buch im Eigenverlag, ohne erfahrene Textarbeiter im Hintergrund, und anders als viele renommierte Autoren nennt Paletta niemanden, der frühe Fassungen gegenlas. (Tippfehler gibt es nur wenig, den Allgäuer Tegelberg schreibt sie durchgängig falsch.)

Kein Erkenntnisgewinn:

Doing Germany? Wieder und wieder kreist Paletta um: Paletta. Auf den Titeln von Band 1 und 2 erscheint Agnieszka Palettas hübsches Konterfei in ganz groß, wie ein Modelfoto, ohne jeden regionalen Kontext.

Palettas Blick auf das neue Land dagegen, das sie früher immer abgeschreckt hatte, klingt denkbar oberflächlich: Die Leute vermeiden Augenkontakt in der U-Bahn; im Park treiben alle Sport; das Deutsch-Lehrbuch bringt seltsame Beispielsätze; deutschen Nummernschildern fehle die Systematik; eine Führung durch Theaterwerkstätten; Verwechslung der Parkhausetage. Das nicht erwartungskonforme Schloss Neuschwanstein ist ein „scam among cows“, ein „stuffy old castle“. Mehrfach betont sie, wie vollgestellt ihre untergemietete Interimswohnung in München ist – ohne Platz für ihre Kosmetik.

Paletta bestaunt seitenlang aufgeregt DHL-Packstationen und die BMW-Dichte um München. Im Zusammenhang mit Buchpreisbindung redet Paletta von „communism“. Die Entdeckung deutscher Schokoladenjoghurt durch Agnieszka Paletta vergleicht die Autorin ernsthaft mit Christoph Columbus und Amerika (mehrfach nennt sie Columbus dabei lässig Chris). Immer wieder schreibt sie von the Fatherland. Kredenzt dazu überflüssige Anekdoten aus Italien und Polen. Sogar die Engländerin in NRW, Cathy Dobson, klingt in „Planet Germany“ differenzierter und aufschlussreicher als Paletta.

Auch von „M“ – so heißt Palettas Ehemann im Buch – hören wir nur banale Äußerlichkeiten, und nicht, warum sie ihm von Polen nach Deutschland folgte und inwiefern der gemeinsame, aber beidseits lang zurückliegende polnische Hintergrund eine Rolle spielt. M gewinnt keinerlei Kontur – er kümmert sich um alles, arbeitet viel, verdient gut, ist geduldig, sieht gern Fußball, hat vier Fahrräder. Das war’s.

Ihr geringes Deutschlandwissen – das gibt Paletta selbst zu – bezieht sie weitgehend von ihrem Mann und aus Wikipedia. Freunde hat sie offenbar keine, auch nicht nach eineinhalb Jahren im Land. Den früh begonnenen Deutschkurs gab sie nach ein paar Stunden auf. Auch über die Schwiegereltern, bei denen sie zeitweise lebt, erfahren wir praktisch nichts.

Laut Palettas Webseite ist Doing Germany, Band 3, schon in Arbeit (Stand Januar 2018). Den zweiten Band mochte ich partout nicht lesen – oder hat sich ihr Tonfall mit zunehmendem Alter schon geändert? Band 1 erhielt auf Goodreads die relativ schlechte Publikumswertung 3,4 von 5 Sternen (bei nur 84 Stimmen, Januar 2018).

Schon Band 1 wollte ich mehrfach aus dem Fenster werfen, aber die Nachbarn sollten meine Lektüre nicht sehen. Und tatsächlich liest sich Paletta trotz der forciert schrillen Sprache leicht – dazu tragen die vielen Dialoge immer nach Schema F letztlich bei – und mich interessierte, was aus der Schwangerschaft und aus der Haussuche wird.

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