Rezension: Die Zunge Europas, von Heinz Strunk (Roman 2008) – 2 Sterne – mit Pressestimmen

Ich-Erzähler Toni, nein Martin Erdmann palavert zunächst hochtourig, originell und manchmal witzig drauflos. Nachteile jedoch: Die hochgejazzte Suada verdeckt nicht dauerhaft, dass seitenlang nichts, aber auch gar nichts passiert, und ermüdet darum bald; und: dieser Redestrom enthält immer wieder eklig Vulgärfäkales sowie gegen Ende Menschenverachtendes.

Der Ich-Erzähler kommt von Hölzchen und auf Stöckchen (ganz wie ein Kabarettist) und die auf der U4 vielversprechend angekündigte romantische Begegnung („Dann triff Markus im Zug Janne“) ereignet sich erst auf Seite 140 – und sie ist unaufregend, unrealistisch und kurz. 70 Seiten später ziehen sie dann ereignislos durch öde St.-Pauli-Kneipen, und in jeder Kaschemme imaginiert der Ich-Erzähler seitenlang und lässig abfällig mögliche Schicksale anderer Besucher. Auch die Zunge Europas (ein Spitzname für Onkel Friedrich, einen Kaffeegeschmackstester) spielt keine große Rolle. Den positiven Eindruck der ersten Seiten schreddert Autor Strunk spätestens hier. Kein Handlungsbogen.

Auch-Humorist und Ex-Musiker Strunk sollte in der dritten Person erzählen und Martin Erdmann als dialogstarke Figur hineinschreiben, statt den ganzen Roman im dröhnenden Erdmannsound zu ertränken – man fühlt sich wie von einem sog. Comedian zugeschwallt.

Allerdings weiß Strunk als „Comedy“-Profi sicher am besten, wie man die Zielgruppe gerecht bespaßt. Wie er diese mit Koprolalie, Schulhofquälereien, Fantasiegeläster und Spott des Ich-Erzählers über  Behinderte betrillert, offenbart auch die Verachtung des Autors für seine Leser. (Dabei fällt auf, dass in der Litanei dreckiger Unaussprechlichkeiten kaum sexuelle Details erscheinen, auch nicht als Träumerei der sonst so einfallsreichen Hauptfigur.)

Strunks Hauptfigur, ein allein lebender, aber nicht ganz frauenloser Hamburger, erinnert vage an Figuren von Frank Schulz, aber der schreibt besser.

„Negative Schöpfungsgeschichte…“  – die Kritiker:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ):

Was hier erzählt wird, ist die negative Schöpfungsgeschichte einer als zutiefst desolat erlebten Gegenwartsexistenz ohne Anfang und Ende… Strunks Reflexionen aus dem beschädigten Leben sind von einer nicht mehr zu überbietenden Trostlosigkeit, die freilich erträglich wird durch die bezwingende Komik… ((Letzter Satz:)) So entfaltet dieses meisterliche, mit großer Wahrhaftigkeit geschriebene, im Innersten berührende Buch zuletzt eine reinigende Wirkung, die allein dem Lachen zu danken ist.

Süddeutsche Zeitung:

Sieben belanglose Tage eines verzweifelten, unattraktiven, in einer toten Beziehung lebenden Witzeautors ziehen in bleierner Monotonie vorüber. Eine Affäre deutet sich an, verläuft sich aber wieder, ein Buchprojekt wird skizziert – selbstverständlich aber nicht ausgeführt und die einzige Handlungssimulation ist ein undramatisches Beziehungsende zum Schluss der Erzählung. Und zu all dem läuft das Verkaufsfernsehen… so ist man sich in „Die Zunge Europas“ nicht sicher, ob der Sprachgebrauch künstlich lächerlich ist oder vielleicht doch unfreiwillig.

Stern:

…so spektakulär und unterhaltsam-irre dieser Roman sein mag, so durchgenudelt und außer Atem ist der Leser am Schluss…

Taz:

Das ganze Buch ist eine Episoden-Sammlung, lauter kleine Geschichten, Alltagsbetrachtungen, Gedanken, Phantasien des Gagschreibers Markus Erdmann…

Tagesspiegel:

Stark ist der Sprachfetischist Strunk immer dann, wenn er seine Worte genüsslich abschmeckt, wenn er altmodischen Bezeichnungen wie „Herrenausstatter“, „Stützstrumpf“ und „Holzpyjama“ (österreichisch für Sarg) huldigt oder zu Kurzpolemiken gegen den „Gagmilitarismus“ der Comedy-Shows ausholt. Doch zur schlüssigen Romanhandlung fügt sich seine Aneinanderreihung von Alltagsbetrachtungen, O-Ton-Montagen und Fernsehnacherzählungen nie.

Tex Rubinowitz auf Falter.at:

Buch des Jahres, ach was, zumindest des Jahrfünfts.

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