Rezension: Die Stimmen von Marrakesch, von Elias Canetti (Reisebericht 1967) – 7 Sterne

Canetti war 1954 in Marokko; er beginnt mit der Niederschrift jedoch erst in England, nach Rückkehr aus Nordafrika; das Buch erscheint erst 1967. So kann Canetti die Dinge einordnen und zusammenfassen – zum Beispiel schildert er in einem Kapitel drei verschiedene Begegnungen mit Kamelen.

Dieses Prinzip vermeidet atemlose Unmittelbarkeit und produziert reflektiertere Texte. Sie wirkt theoretisch auch weniger lebendig, weil dem Erzähler kleine Details entfallen sein könnten.

Und so beginnt das Buch auch mit einigen stark verallgemeinernden, wenig Reportage-artigen Kapiteln über Suks oder Bettler. Doch dann schildert Canetti auch einfühlsam und prägnant Begegnungen mit Einheimischen, schreibt markante Dialoge.

Der Eindruck einer Reisereportage entsteht schon deshalb nicht, weil Canetti praktisch nichts über den Grund der Reise und seine Unterkunft verrät, sich kaum zu Essen und Wetter äußert. Canetti konzentriert sich ganz auf seine Eindrücke aus der Stadt Marrakesch, die er nie verlässt.

Die Sprache ist hochpräzise und ruhig, sehr angenehm zu lesen, das Dativ-e fällt meist nicht auf. Canetti schrieb auf Deutsch. Seine Schilderungen erzeugen sehr klare Bilder, es gibt keine Schwächen und kein Autoren-Imponiergehabe. Canetti klingt so viel stärker als etwa Capus, Baier oder Treichel und viele andere deutsche Nachkriegsautoren. Canetti hat seinen Text auch als Hörbuch eingelesen, offenbar 1978.

Wie er selbst im Buch sagt, lernte Elias Canetti bewusst nichts von der Sprache und las nichts über Marokko. Gleichwohl erwähnt er einmal, dass er vor Ort einen Band über Landessittten in der Hand hält. Doch tatsächlich präsentiert Canetti keinerlei Landeskunde – nur Beobachtungen und aus eigenen Beobachtungen abgeleitete Verallgemeinerungen.

Etwas unangenehm: Canetti verbalisiert seine Faszination über die verschleierten Marokkanerinnen mehrfach fast lüstern und besingt Brotverkäuferinnen auf der Straße in schwüler Prosa. Das Buch endet mit einem monströs erregten Esel.

Bewertungen:

Der Falter über Canettis Stimme im Hörbuch:

Überraschend hoch das Timbre des Autors, weich und doch scharf wie sein Vorbild Karl Kraus, Altwienerisch mit englischen Einsprengseln. Der „Ohrenzeuge“ Canetti ist ein blendender Stimmenimitator: Einen arabischen Kamelhändler gibt er ebenso gut wie einen kleinen jüdischen Jungen in einer Thoraschule.

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