Rezension: Die Marie vom Hafen, von Georges Simenon (1938) – 8 Sterne – mit Medienstimmen & Video

Simenon schildert die Atmosphäre in dem französischen Fischerort knapp, aber eindrucksvoll – die einlaufenden Boote, die Drehbrücke, die wartenden Frauen, Regen und Nebel. George Simenon (1903 – 1989) schrieb den Roman offenbar am Schauplatz der Handlung. Wie immer präsentiert er interessante Details, viele knappe Dialogzeilen, und er erzählt diesen Nicht-Maigret ohne Mord strikt chronologisch (O-Titel La Marie du port, verfilmt 1950 mit Jean Gabin).

Auch die Hauptfiguren haben etwas: die einfache, aber selbstbewusste Kellnerin Marie, knapp 18, und der geldige, hormongesteuerte Unternehmer Chatelard. Aber ob das Liebe ist, wie manche Romankritiker jubeln? Die elternlose Marie träumt von einem gutsituierten Leben am Kleinstadthafen, und anders als das Nachbarjüngelchen Marcel verheißt Chatelard ihr genau diesen bequemen Wohlstand. Chatelard seinerseits träumt von allerlei Frauen – zuletzt ziemlich obsessiv von Marie, nachdem er bereits eine Weile mit ihrer mild liederlichen Schwester Odile zusammengelebt hatte.

Chatelard ist ein Weinstein, ein politisch unkorrekter Schwerenöter, der sich nimmt, was er frauen- oder mädchenmäßig braucht – er löste schon damals einen #metoo-Sturm aus. Dass Marie diesen Mackertypen trotzdem kalkuliert anschmachtet, wirkt nicht ganz rund, sofern man sie nicht für eine reine Goldgräberin halten will. Und trotzdem, man verfolgt gespannt, wie sich die beiden über Widersprüche hinweg auf einander zu bewegen.

Assoziationen:

  • Zu Simenons Roman Der Mörder (1937): Beide spielen in Kleinstädten am Meer mit viel Dunkelheit, Winterkälte und nächtliche Kneipen, durch deren Scheiben man immer wieder blickt.
  • Zu Simenons Roman Fremd im eigenen Haus (1940): In beiden Romanen wird ein Verletzter in einer Dachstube versteckt und gepflegt.

Medienstimmen:

Der Spiegel:

… einen seltenen, spröden Reiz: Diese „Marie vom Hafen“ ist so lieblich wie die Normandie im Herbstregen… Das Leben ist eine Mühsal, bestimmt von überkommenen ständischen Regeln, dem Wechsel der Gezeiten, der Sorge um Heuer und Fang und einer spektakulären Eintönigkeit…

Die Zeit:

Meisterwerk

Die Welt:

Ein wunderbares Buch! Ganz Düsternis, Nebel, tiefes Sirenengebrumm. Alle Melancholie der dreißiger Jahre liegt darin, jene apokalyptische Stimmung von „Ohne ein Morgen“, um einen anderen berühmten Film der Epoche zu zitieren. Hier gelingt es Simenon tatsächlich, „Menschen, die leben und nicht denken“, auftreten zu lassen, darunter zwei ungleiche Schwestern…

Litges.at:

Deutlicher, wie hier Marie ihrem Onkel gegenüber, kann man wohl seinen Willen zur Selbstständigkeit kaum kundtun. (Und eine Liebesgeschichte mit Happy End kann es nur zwischen freien Geistern geben.) Marie ist ein Mädchen, welches ihre Gedanken nicht an die große Glocke hängt, ihrem Äußeren nur das Nötigste an Bedeutung beimisst und vor allem eine der stärksten Frauengestalten in Simenons Romanwerk ist.

Maigret.de:

Es ist wie Tucholsky sagte, dass in den Romanen von Simenon eigentlich nicht viel passiert. Trotzdem kann man sie nicht weglegen, muss weiterlesen. »Die Marie vom Hafen« fällt eindeutig in diese Kategorie. Das Leben spielt sich in Bistros ab, gemächlich. Einer kommt herein, klönt ein bisschen mit den Anwesenden. Irgendwann verlässt jemand die Runde, es kommen aber zwei, drei andere hinzu und berichten, was sie gerade draußen erlebt haben. Nichtigkeiten meist, die aber so beschäftigen, dass sie die kleinen Dramen, die sich um sie herum abspielen, gar nicht mitbekommen. So ein Roman ist das.

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