Rezension: Die Lieben meiner Mutter, von Peter Schneider (2013) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Video

Das Buch spielt im zweiten Weltkrieg und bis 1950: Peter Schneiders Mutter hatte vier Kinder, einen Mann und – nicht verheimlicht – nacheinander mehrere Geliebte, verheiratete Bekannte ihres Mannes. Sie verschwieg nichts, und an ihrem (seinerseits verheirateten) Hauptgeliebten arbeitete sich auch ihre beste Freundin ab, die auch nichts hinterm Berg hielt. Meist war Schneiders Mutter mit ihren Kindern allein, auf einer langen, dramatischen Flucht durch Deutschland ebenso wie jahrelang danach. Mit den Männern redete sie meist nur brieflich.

Peter Schneider rekonstruiert das erwachsene Leben seiner Mutter aus diesen Schreiben, aus eigenen Erinnerungen und aus Gesprächen in Verwandtschaft, Nachbarschaft und bei einem Klassentreffen. Er schildert eine interessante Frau, die im Rausch der Gefühle Konventionen ignorierte. Ihre Briefauszüge klingen oft poetisch,  mitunter pathetisch überhöht und immer leidenschaftlich.

Peter Schneiders Biografie seiner Mutter – nur einige Namen sind angeblich geändert – plätschert zunächst lyrisch dahin: Er interessiert sich in der ersten Buchhälfte nicht für die Chronologie und wechselt immer wieder zwischen Zeitabschnitten. Gelegentlich bleiben Zusammenhänge unklar. Er zitiert die Briefe oft nur zeilenweise ohne Datumsangabe, teils erzählt er in indirekter Rede nach. Manchmal schildert Schneider über Seiten seine kindlichen Abenteuer und Aberglauben, die nichts mit der Mutter zu tun haben.

Ehemann und Hauptgeliebter waren bekannte Künstler, doch Schneider nennt nur ihre (vermutlich geänderten) Vornamen. Wir erfahren, dass die Mutter auch Gedichte schrieb, lesen aber keins. Einmal ist sie von zwei Büchern sehr beeindruckt und will sie unbedingt ihrem Geliebten zukommen lassen – die Titel nennt Schneider nicht; er sagt nicht einmal, ob die Titel in der Korrespondenz auftauchen (ich vermute, dass sie genannt wurden).

Weil in einem Absatz oft Personen aus drei Generationen mehrerer Familien erscheinen, sind Schneiders Bezüge nicht immer ganz eindeutig – wer ist „die Tochter“, wer ist „er“. Abgesehen davon schreibt Schneider unaffektiert und leicht lesbar, gelegentlich mild elegisch, die Handlung weckt Interesse bis zum Ende.

Schneider bringt jedoch eigene Wertungen überdeutlich, etwa seine Abscheu darüber, dass der Vater vor hohen Nazifiguren aufspielte oder dass die Mutter wohl mit den Kindern bei Hitler-Verehrerin Winifred Wagner übernachtete. Manchmal spekuliert Schneider offen über Begegnungen („Ich stelle mir vor, dass…“); manchmal ist unklar, ob er berichtet oder imaginiert.

Eine chronologische, faktenorientierte Biografie hätte mich im ersten Buchteil mehr interessiert als Schneiders eigenwilliges Hin und Her mit verträumten Einsprengseln – gern mit Zeittafel, Personen-Organigramm, Fotos und Autografen; all das fehlt in meinem btb-Taschenbuch. Was nach dem frühen Tod seiner Mutter aus ihren Kindern und Männern wurde, sagt Schneider auch nicht. Seine lang geübten Freiheiten als Romancier mochte Schneider wohl auch bei dieser Biografie nicht aufgeben.

Nur im Video bei BR-Lesezeichen sagt Schneider etwas Interessantes über das Grab der Mutter. Im ZDF-Video zum Buch (unten) sieht man ihr Foto und eine (ihre?) Handschrift; im ZDF sagt Schneider auch unangebracht selbstbewusst,

teilweise ist das ein Roman, teilweise ein Bericht (…) das ist ein Zwitter, und das ist gut so.

Striktes Trennen zwischen Fiktion und Sachbuch erklärt er für abwegig. Laut taz redete er von „Autofiktion“.

Immerhin kommt im dritten und vierten Buchfünftel Zug in die Geschichte, Schneider erzählt chronologisch und mit mehr Details: Gegen Kriegsende gelangt die Familie für einige Jahre nach Grainau bei Garmisch, und hier setzt  Schneiders (*1940) eigene Erinnerung ein. Er erzählt von den armen, abenteuerlichen Jahren am Fuß der schroffen Berge und liefert einen interessanten Exkurs zur politischen und sozialen Situation Garmisch-Partenkirchens vor und nach der Kapitulation.

„Enorm spannend…“ – Pressestimmen:

Das Buch wurde zum Bestseller und erntete hohes Kritikerlob.

FAZ:

Die Namen und Lebensdaten seiner Protagonisten hat Schneider nur wenig verändert, man kann ihre Identität mühelos im Internet recherchieren… die Briefe der Mutter. Es sind Bekenntnisse in jenem hohen Ton, der damals als Beweis von Leidenschaft galt, Monologe, in denen viel von „Schicksal“ und „Erlösung“ die Rede ist, in denen „Kreuzwege“ kommen und „Tore des Glücks“ zugeschlagen werden. Aber es gibt auch ganz stille, schlichte Passagen… in diesem großen, traurigen, hinreißenden Buch

Taz:

Es ist enorm spannend, diese Entwicklungen nachzuvollziehen… Darüber hinaus schafft es Schneider, das Zeitkolorit präzise einzufangen… einen guten Blick auf die späten vierziger und die frühen fünfziger Jahre zu werfen, auf die Zeit vor der Prüderie… Der Verlag nennt das Buch „Roman“. Der Autor nennt es „Autofiktion“. Selten war eine Labellierung so egal.

Süddeutsche Zeitung via Buecher.de:

Wer mag, kann die historischen Akteure, die im Nationalsozialismus ihre Karriere beginnen und nach 1945 mit unterschiedlichem Erfolg weiterführen, leicht identifizieren…

Die Zeit:

Schneider zitiert die teils poetisch berückenden, teils pathetisch schwer überspannten Liebesbriefe der Mutter nur passagenweise. Sie sind das Zeugnis einer glücklosen Glücksabsolutistin, wie kein Romanautor sie besser hätte erfinden können… Eine Bekannte hilft ihm beim Entziffern und beim Verkraften des Briefinhalts. Der ruhige Ton ihrer Kommentare kontrastiert den ruhelosen, ja hysterienahen Ton der Mutter. Dies ist eines der mit souveräner Hand eingesetzten literarischen Mittel, die zum Gelingen dieses Buches beitragen. Dass es aus dem Wust der Autobiografien weit hinausragt, hat aber noch einen anderen Grund: seine exemplarische Bedeutung. Peter Schneider erzählt hier vom Fall eines Liebeswahns

Literaturkritik.de:

Es gelingt ihm mit diesem Roman, Einzelschicksale mit konkreten geschichtlichen Ereignissen im „Dritten Reich“ zu einem interessanten und behutsam erzählten Roman zu verknüpfen.

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