Rezension Deutschtürken-Doku: Wir sitzen im Süden (2010) – 7 Sterne – mit Kritiken & Video

Die 88minütige Doku porträtiert vier Deutschtürken, die in Deutschland aufwuchsen und dann in einem Istanbuler Callcenter arbeiteten – wo sie Anrufe aus Deutschland auf Deutsch beantworten. Einige dieser Deutschtürken haben einen deutschen Pass, wollen aber gar nicht mehr nach Deutschland. Andere wurden in Deutschland geboren, gingen dort zur Schule, haben aber keinen deutschen Pass mehr und sehnen sich fieberhaft zurück nach Almanya.

Zwei der vier Darsteller wurden als Jugendliche regelrecht von Deutschland in die Türkei entführt: Die türkischen Eltern nahmen sie aus Deutschland zu einem „Besuch“ in der Türkei mit – doch dann wurde der Pass ungültig gestempelt, und es gab kein schnelles Zurück, und ein dauerhaftes schon gar nicht. Die Eltern wussten genau, dass die Kinder nicht mitwollten.

Unaufdringlich attraktiv:

Regisseurin und Autorin Martina Priessner zeigt lange, ruhige Interviewszenen, aber auch den Alltag im Callcenter, in den Familien, in einfachen türkischen Wohnvierteln mit Bospurus-Panorama. Priessner begleitet zwei der vier Hauptfiguren auch bei Deutschlandbesuchen.

Kamerafrau Anne Misselwitz filmt unaufdringlich attraktiv, mit reizvollen, überraschenden Schwenks. Zudem ist der Film gut geschnitten, nur spiegelnde Fenster sieht man zu oft.

Lange Reden:

Wie in vielen abendfüllenden Dokus gibt es keinen Sprecher aus dem Off, nicht mal Interviewfragen. So dürfen die Akteure lange reden, und manche Dinge bleiben unerklärt. Die Portraits werden so auch intensiver. Preissner verzichtet weitgehend auf Musik, bis auf einige traurige Weisen, gesungen von einem der Callcenter-Agenten.

Der Film wurde fürs Kleine Fernsehspiel des ZDF gedreht. Einige Situationen wirken inszeniert oder nachgespielt.

Knapper Spannungsbogen:

Doch sehr viel Handlung und Entwicklung gibt es bei Wir sitzen im Süden nicht. Wir sehen zwar ein paar überraschende Veränderungen im Leben der Hauptfiguren, eine zieht sogar weg – andere Portrait-Dokus zeigen aber mehr Entwicklung und größere Spannungsbögen.

In den Nuller-Jahren waren Istanbul und Deutschtürken in Istanbul ein deutsches Modethema, so wie Callcenter in Bangalore ein globales Modethema waren. Priessner verschafft hochinteressante Eindrücke von einem Leben zwischen den Kulturen.

„Sehr zugänglich, unterhaltsam, irgendwie warmherzig…“ – die Kritiker:

Taz:

Regisseurin Martina Priessner liefert festivaltypische Dokumentarfilmkunst, scheinbar spröde (Direct-Cinema-Manier, Verzicht auf Off-Kommentar, Spielfilmlänge), dann aber, wenn man sich darauf einlässt, doch sehr zugänglich, unterhaltsam, irgendwie warmherzig. Das liegt an den so sympathischen Protagonisten

Kochdichtürkisch.de:

Einige Kritiken zur Doku habe ich gelesen und es geht echt quer durcheinander. Beispiel: die TAZ spricht von Rückkehrern – sie sind es nicht, denn das Heimatland für die Protagonisten ist Deutschland, nicht Türkei.

TV Spielfilm:

Am Telefon schwäbeln oder fränkeln sie freundlich mit Neckermann- und Lufthansa-Kunden. „Wir sitzen im Süden“, sagen sie, wenn doch mal einer nach dem Standort fragt… Heitere Realsatire mit traurigem Hintergrund. Kluge Kritik am veralteten Heimatbegriff

Kino-Zeit.de:

Mit Wir sitzen im Süden ist Martina Priessner ein exzellenter Film zur Integrationsdebatte gelungen, der mit seinen überraschenden Einsichten zeigt, wie vielschichtig und verzwickt das Thema sich darstellt. Und wie platt, banal und grob vereinfachend Großteile der öffentlichen Debatte sind, die derzeit den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen.



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