Rezension: Der Mann mit dem kleinen Hund, von Georges Simenon (1964) – 7 Sterne

Der Ich-Erzähler ist ein betont dröger, alleinstehender Endvierziger in Paris. Er arbeitet in einem kleinen Antiquariat und redet praktisch nur mit seiner Chefin und seinem Pudel. Dieser Félix Allard schreibt sein wechselhaftes, aber langweiliges Leben in schlingernden Rückblenden auf. Erst ganz allmählich wird klar, dass die Hauptfigur vier Jahre im Gefängnis saß (O-Titel L’Homme au Petit Chien).

Während Allard weiter Undramatisches aus seiner Familie wiedergibt, will der Leser endlich den Grund für den Gefängnisaufenthalt erfahren. Doch zufällig macht der Autor um dieses Einzelthema einen Bogen nach dem anderen. Erst auf Seite 179 von 218 lichtet Georges Simenon das Geheimnis prinzipiell, auf Seite 213 folgen Details; erst weit hinten erfahren wir auch, dass der Ich-Erzähler püchisch noch verkorkster als angenommen ist – also diesem Schmieri folgten wir nun fast durch den ganzen Roman?

Nachvollziehbar schildert Simenon (1903 – 1989) ein glamourfreies, bürgerliches Paris (teils erinnern Paris-Atmosphäre, Stimmung und Romankonstruktion an Simenons Der große Bob, 1954; die krankhafte Eifersucht ließ mich an Drei Zimmer in Manhattan von 1946 denken). Simenon bringt stimmige Details und historische Beschreibungen zum Beispiel aus dem besetzten Paris oder von Unternehmensgründungen in Frankreich, die sehr realistisch klingen – sogar die Erinnerungslücken des Ich-Erzählers überzeugen.

Auch wenn die Hauptfigur dröge bis unsympathisch ist und das Buch lange Zeit kaum Tempo gewinnt – die offene Frage, was den Ich-Erzähler ins Gefängnis brachte, bleibt spannend. Dazu kommen seine mild verruchte, rätselhafte Chefin im Antiquariat und ein aufgeschobener Selbstmordplan.

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