Rezension: Der große Bob, von Georges Simenon (1954) – 8 Sterne – mit Medienstimmen

Der große Bob liegt tot auf dem Grund der Seine. Es sieht nach Selbstmord aus. Dabei war Bob doch glücklich verheiratet und immer gesellig gewesen. Ein Freund Bobs, ein Arzt, befragt Bobs Umfeld auf der Suche nach Gründen für den Freitod. So erfahren wir in vielen kleinen Rückblenden mehr über Bob.

Gewaltige Spannung erzeugt Georges Simenon nicht, es ist kein Krimi (O-Titel Le Grand Bob, geschrieben 1954 in USA). Der Ich-Erzähler geht von Selbstmord aus. Er sucht also nicht nach einem Mörder und will nur Gründe für den Selbstmord ermitteln. Dabei recherchiert der Ich-Erzähler ganz gemächlich, wann es ihm sein Hauptberuf als Arzt erlaubt, samt Abstechern in Kneipen und Damenzimmer. Eile hat der Erzähler nicht.

Simenon (1903 – 1989) bringt viele stimmige Details und schildert die Kleinbürger-Bohème in Paris atmosphärisch reich, ebenso wie die Ausflüge aufs Land (teils erinnern die Paris-Atmosphäre, Stimmung und Romankonstruktion an Simenons Mann mit dem kleinen Hund, 1964). Die sozialen Gefüge werden deutlich, ebenso wie die gelegentlichen Spannungen zwischen dem Ich-Erzähler und seiner Frau. Die Figuren wirken weniger schroff und schrullig als frühere Simenon-Akteure.

Das Buch klingt etwas reifer als frühere Simenon-Romane. Der ruhigen Stimme des Ich-Erzählers folgt man gern. Dass die von ihm befragten Bob-Bekannten drehbuchreife Dialoge wiedergeben, wirkt zwar unrealistisch, lässt sich aber gut lesen.

Assoziationen:

Ein Arzt ist auch die Hauptfigur in Simenons Roman Der Mörder (1937), und in beiden Fällen bringt Simenon interessante Details aus dem Berufsleben seiner Protagonisten. Die Ärzte aus diesen beiden Romanen unterscheiden sich recht deutlich, haben aber beide gelangweilte Geliebte.

Die regelmäßigen Wechsel der bürgerlichen Gruppen zwischen Hauptstadt und Landgasthof erinnerten mich an einige Berlin-Romane von Theodor Fontane, u.a. Irrungen, Wirrungen

Medienstimmen:

Der Spiegel meint, der Roman sei:

von einem sommerlichen Leuchten erfüllt – und das, obwohl es um den Tod geht. „Der große Bob“ beschwört ein ganzes Leben, eine Liebe, eine Freundschaft, es ist eines der warmherzigsten Bücher, die Simenon geschrieben hat.

Die Welt:

Die Geschichte einer Lebenslüge aus Liebe spielt an der Seine und wurde geschrieben in Connecticut

Lesekost.de:

Georges Simenon schrieb seine Nicht-Mairget-Romane so, dass man meint, sie schon mal gelesen zu haben oder zumindest einigen Personen daraus schon begegnet zu sein. Doch verblüfft er mit feinen psychologischen Wendungen und einer unaufgeregten aber detailfreudigen Schilderung des Alltags einfacher Leute… Mit Bob, Charles, Lulu und der Gesellschaft herum entstand ein Bild der einfachen Pariser Leute um die Mitte des 20. Jhdts. Sehr lesenswert.

Litges.at:

Die Kunst des ersten Satzes: „Ich war an jenem Sonntag nicht in Tilly.“ Gerade diese schnörkellosen Sätze sind es, die bei Simenon sofort in Bann ziehen und was auf diesen Anfang folgt, ist das Meisterstück einer Wahrheitssuche: Diese passiert einerseits als Bericht im Imperfekt und andererseits als Selbstbetrachtung im Präsens. Eine ungewöhnliche, den Leser stark einbeziehende, Strategie.

Kirkus Reviews:

One of Simenon’s sketchier character studies, especially slight in effect since it’s virtually all presented as a second- or third-hand retrospective… too talkily reconstructed to generate much intensity

Bookrarities.com:

An engaging character study in reverse, from his death forward, and is one of Simenon’s better non-Maigret, psychological books

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