Rezension: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung, von Sigrid Damm (Biografie 2004) – 6 Sterne – mit Video & Pressestimmen


Der Sound erinnert deutlich an Damms Kassenschlager Christiane und Goethe (1998) oder an Damms Goethes letzte Reise (2007): Damm platziert Stummelsätze ohne Verb, oft mehrere hintereinander, manchmal ganze Absätze ohne Verb. Ein kompletter Absatz von S. 66 der Insel-TB-Ausgabe (1. Aufl. 2009):

Zwischen ihm und Schiller große Sympathie offenbar, sofort das vertraute Du. Der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Ein vollständiger Absatz zwei Seiten später:

Ein trunkener Freundschaftskult. Die Stilisierung der Freundschaft zur Religion.

Manchmal beendet Sigrid Damm ihre eigenen Stummelsätze mit aufdringlich vielsagenden Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen. Ein kompletter Damm-„Satz“ (also kein zeitgenössisches Zitat) von Seite 180 (Pünktchen nicht von mir):

Eine nicht geschlossene Wunde…

Und von Seite 186 (Pünktchen wieder wie im Buch):

Die Wunde bleibt offen…

Abstoßend, und doch leicht lesbar, Nähe und Unmittelbarkeit suggerierend, wie mündliche Rede, verstärkt durch das ständige, leicht aufdringliche Präsens. Damms Zitieren in der zeitgenössischen, skurril anmutenden Rechtschreibung betont die fremde Atmosphäre noch. Wer einmal an diesem Stil Gefallen fand, ist für eine echte Biografie vielleicht verloren.

Damm mischt jedoch zitierte und eigene Wörter so ineinander, dass es unübersichtlich klingt. Mehrfach erwähnt Damm zeitgenössische Portraits, doch die Insel-TB-Ausgabe zeigt insgesamt nur zwei Bilder. Damm nennt Quellen nur kursorisch und verzichtet auf einen Index. Sie berichtet ausführlich über die „Xenien“-Spottverse und die Reaktionen der Verspotteten, zitiert aber keine einzige Zeile.

Ihr Buch erschien pünktlich zum Schillerjahr 2005. Damm zeigt den Jungdichter Schiller als Filou, als Hippie, der seine Finanzen und seine Gefühle nicht im Griff hat, momentweise auch als rührenden Papa. Auch später unterscheidet er sich stets deutlich von seinem Freund Goethe – von dem wir viele liebe- und respektvolle, fast zärtliche Briefe an Schiller lesen.

Damm setzt Schwerpunkte, erzählt zum Beispiel sehr ausführlich von der Wallenstein-Entstehung, vom Sterben der Schiller-Mutter und von Schillers Beziehung zu den beiden Lengefeld-Schwestern; von der anschließenden Ehe mit Caroline von Lengefeld hören wir dann lange nichts mehr, erst nach Schillers Tod liefert Damm ein paar Seiten über seine Ehefrau, die ihr teils unsympathisch ist – aber kein Wort über ihr Leben mit vier Kindern nach Schillers Tod.

Schillers Jugend spart Damm ohnehin ganz aus, dafür beleuchtet sie höfische Politik und Einflussnahme. Im Anhang gibt es eine Zeittafel, die einige Lücken der Biografie abdeckt.

Eine „Wanderung“, die im Buchtitel erscheint, spielt im Buch keinerlei Rolle – weder wandert die Autorin explizit, noch wandert Schiller, er reist sogar im Vergleich zu Goethe weit weniger.

„Auf Dauer schwer erträglich…“ – die Kritiken:

Frankfurter Allgemeine (bei Buecher.de).

…sehr persönlich geschrieben. Der Anfang ist ganz besonders schauderhaft, wenn sie auf den ersten Seiten berichtet, wie Sigrid Damm, als sie noch zur Schule ging, Schiller so fand, und was sie früh gelesen hat. Das will der Leser, der sich auf Schiller freut und nicht auf Sigrid Damm, nicht wissen. Und einige Rezensenten haben das Buch dann wohl schon nach diesen ersten Seiten wütend beiseite gelegt. Dabei wird es später besser.

Süddeutsche (bei Buecher.de):

In ihrem ersten Kapitel schildert sie ausschweifend die Schwierigkeiten ihrer Annäherung an Schiller… Allzu wenig erfahren wir von seinen Ideen, um so mehr von seinen Schulden und seinem Schnupfen… Da sie also über die Innenseite von Schillers Oeuvre kaum etwas zu sagen hat, begnügt sie sich mit der Nachzeichnung der Entstehungsgeschichte. Daten, Namen, Titel reihen sich in ermüdender Weitläufigkeit aneinander. Und das in einem auf Dauer schwer erträglichen, manirierten Stichwortstil... Kaum eine andere Biographie dürfte zudem derart mit Zitaten überladen sein wie diese. Der eigene Textanteil der Autorin reduziert sich oft auf bloße Interlinearversionen im Telegrammstil. Doch, wenn man schon kurz davor ist, das Buch an die Wand zu werfen, kommen immer wieder überraschend anmutige Seiten. Bezeichnenderweise meist dann, wenn von den Nebenpersonen die Rede ist. Über Schillers Mutter, über seinen Vater hat man selten so lebendige und bewegende Porträts gelesen… in dieser gescheiterten Biographie. Gescheitert ist sie nicht nur, weil sie die Innenseite von Schillers Werk verdeckt, sondern weil sie sich ganz aufs Private beschränkt, statt Schillers Leben mit dem Leben seiner Zeit zu verschränken.

Münchner Merkur (bei Lyrikwelt.de):

… überaus informativ und lesenswert… Es ist nämlich nicht zu überlesen, wie sehr die Autorin während ihrer Recherche und Einfühlung in die Persönlichkeit Schillers dem Mann verfällt. Seinem Charme und seinem Sexappeal konnte sich Sigrid Damm nicht entziehen…. Sigrid Damm geht es nicht darum, den Lebenslauf brav nachzubuchstabieren… Seinen Charakter zu erfassen, seinen Humor, seine Sinnlichkeit gelingt ihr hervorragend… von Anfang an spielt Goethe dabei eine Hauptrolle. Mit welch psychologischer Genauigkeit Siegrid Damm das Verhältnis der Beiden zueinander darstellt und analysiert, ist meisterhaft…

Focus:

Sigrid Damm konstruiert ihren Schiller aus seinen eigenen Worten, ganz überwiegend aus den Briefen. Sie macht sich seine Perspektive zu Eigen und interessiert sich ausschließlich dafür, wie er seine enge Welt sah und seine Werke schrieb. Die Entstehungsgeschichten referiert sie ausufernd, die Nachwirkungen überhaupt nicht… Seine Kritiker tauchen bei Damm überhaupt nicht auf. Keine Zeile darüber, dass seine Vorlesungen gefürchtet waren, weil er mit schrillem Pathos und grässlichem schwäbischen Dialekt vortrug.

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