Rezension: Das Gesicht des 20. Jahrhunderts, von Hans-Peter Schwarz (2012) – 7 Sterne

Hans-Peter Schwarz schreibt Dutzende Essays von drei bis 20 Seiten Länge über Staatsführer und politische Lenker des 20. Jahrhunderts. Er schreibt überwiegend nicht biografisch-chronologisch, sondern betrachtet mit viel Tiefsinn und Überblick politische Lebensleistung und Umfeld seiner Akteure – Vorkenntnisse erforderlich, z.B. wenn er ohne weitere Erläuterungen Churchills „verunglückten Angriff auf die Dardanellen“ (S. 376), die „Sudetenkrise“ (S. 309), die „Kuba-Krise…, auch die Berlin-Krise“ (S. 606), Napoleon „an der Brücke von Lodi“ (S. 317) reminisziert oder vergleichend von „aztekischen Kriegsgöttern“ (S. 127) plaudert.

Dazu kommen interessante Quervergleiche zur Gesamteinschätzung des Protagonisten – nicht nur überraschende Vergleiche quer durchs 20. Jahrhundert (Francos Weg sieht Schwarz einige Zeit später auch „in Ungarn, in Korea oder auf Taiwan“, S. 197), sondern bis zurück zu Shakespeare-Protagonisten („Er beginnt wie Karl XII. und endet wie Richard III“, S. 325). Nach der Schwarz-Lektüre kann man kein umfassendes Lexikonwissen herunterrattern, aber gewiss erkenntnistief und meinungsstark leitartikeln. Jeder Besserwisser weiß es natürlich trotzdem besser.

Ich hatte die Hardcover-Ausgabe des Siedler-Verlags von 1998. Nach Presseberichten gibt es eine spätere Ausgabe von 2010, die um ein 37seitiges Nachwort ergänzt wurde – die einzelnen biografischen Skizzen wurden offenbar nicht aktualisiert.

Hitler, Stalin und Mussolini figurieren in dem schweren Band ebenso wie Adenauer, Brandt und Helmut Kohl wie Indira Ghandi, Mahatma Ghandi und Jawaharlal Nehru oder Nasser, Kwame Nkrumah und Tito (wann las man den Adenauer-, Kohl- und Springer-Biografen Hans-Peter Schwarz sonst je über Kwame Nkrumah extemporieren?). Keine eigenen Kapitel erhalten u.a. Fidel Castro, Ho Chi Minh, Pol Pot, Bumiphol, Salazar, Nelson Mandela, Andrea Nahles. Ich habe nicht alle Aufsätze gelesen, übersprang u.a. die frühen Könige sowie Atlee, McMillan und Pilsudski und einige allgemeine Einschübe wie „Der Faktor Persönlichkeit“.

Hans-Peter Schwarz (1934 – 2017) listet bei allen „Monstern“ und „Ungeheuern“ – diese Worte fallen oft – detailliert die Verbrechen auf. Er interessiert sich weitgehend nur für die öffentliche Seite seiner Figuren, lediglich bei einigen Dritte-Welt-Akteuren und bei seinen Lieblings-Unsympathen geht er auch ins Private:

So erwähnt Schwarz Nehrus Verhältnis mit Edwina Mountbatten (S. 557), Nkrumah ist „mehr als nur leicht übergeschnappt“ (S. 576), Tito ein „homme à femmes“ (S. 581) und „Sex-Maniac“ Mao „gab allen Gelüsten nach“ (S. 328). Kennedy ist der „sexbesessene Sohn eines ebenso gearteten Vaters“ (S. 602), auch Lenins freiliebende Herzdame figuriert, nicht zu vergessen „der cholerische, innerlich instabile, primitive und trunksüchtige Chruschtschow“ (S. 632) und FDRs außereheliche Ambitionen.

Willy Brandts Scheidung geht dagegen bei Schwarz von Willy Brandt aus, nicht von Rut Brandt, und kein Wort zu Willy Brandts Seitensprüngen. Explizit und scheinbar enttäuscht erwähnt Schwarz Francos „untadeliges Privatleben“ (S. 193), Nassers „unanstößiges Eheleben“ (S. 569), und auch Adenauers „Familienleben ist ehrbar, gekennzeichnet durch Treue“. Bei Adenauer, Gegenstand seiner ersten großen Biografie, schildert Schwarz Privates insgesamt etwas ausführlicher als sonst (doch ohne die Wörter „Spiegel-Affäre“ oder „Franz-Josef Strauß“ anzufassen).

Schwarz schreibt wie immer lebhaft, hervorragend lesbar und knorzig unterhaltsam; er will laut eigener Bekundung „anschaulich und wenigstens partiell etwas salopp“ texten (S. 793). Der Biograf produziert dabei indes deutlich weniger Witz-Einsprengsel als in seiner Kohl-Biografie, bringt aber ein paar Wunderlichkeiten, Gelehrtensprech und müdes Anglodeutsch:

  • Satrapien (S. 12)
  • ressentiert (S. 165, 728))
  • Attentismus (S. 186)
  • perniziösen (S. 330)
  • Prärogativen (S. 378)
  • Inauguration (S. 446, 603)
  • Navalist (S. 448)
  • Desinvolture (S. 454, 604, 710)
  • exzellierte (S. 530, 668, S. 734 in Variationen)
  • …vor allem Frauen und Intellektuelle von Nehru hingerissen (S. 546)
  • ((Ghandi)) wie einst Jesus ein Menschenfischer (S. 551)
  • Impeachment (S. 599)
  • paradoxe Galionsfigur eines höchst beweglichen Immobilismus (S. 690)
  • ein guter Debatter (S. 701)
  • Tank (statt Panzer, S. 726)

Hans-Peter Schwarz in Wikipedia

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