Rezension Chile-Roman: Mit brennender Geduld, von Antonio Skármeta (1985) – 6 Sterne

In dieser mild heiteren, erfundenen Geschichte hilft der Dichterfürst Pablo Neruda seinem einfältigen Dorfbriefträger, die Tochter der Dorfwirtin mit Versen und Metaphern zu betören und an den Altar zu führen. Die Geschichte wurde zweimal verfilmt – zuerst 1984 in der Regie des Romanautors; weit bekannter ist die spätere, fünffach Oscar-nominierte Version mit Philippe Noiret unter dem Titel Der Postmann/Il Postino, die in Italien spielt (1994; HansBlog-Rezension).

Mild bizarre Klamotte:

Die schäkernd-schenkelklopfend launig erzählte, leicht bizarre Klamotte aus der chilenischen Provinz amüsiert streckenweise. Der Autor legt mehr Wert auf Gags und Kauzereien als auf Realismus: Ablauf und Charaktere überstehen eine strenge Plausibilitätsprüfung nicht. Nach 142 luftig gesetzten Seiten ist das Romänchen schnell vorbei.

Skármeta erzählt momentweise zu umgangssprachlich und zu vulgär – vielleicht als Versuch, die Heiterkeit noch weiter zu steigern (an vergleichbare Obszönitäten im Film erinnere ich mich nicht). Freilich kenne ich nur die deutsche Übersetzung von Willi Zurbrüggen; womöglich klingt die spanische Originalfassung an den entsprechenden Stellen eleganter.

Schon wegen der gelegentlichen Verszeilen würde sich die Lektüre des Originals „Ardiente paciencia“ (nach Worten von Rimbaud) auf Spanisch lohnen. Insgesamt liefert der Erfolgsroman aber weniger Poesie und Wortwitz, als man erwarten könnte, dafür aber mehr Politik – die Geschichte umfasst wichtige Ereignisse in Chile und im Leben Pablo Nerudas.

Die Konstruktion:

Skármeta mischt mehrere Handlungsstränge, die nicht immer gut ineinandergreifen, sondern teils hintereinander herlaufen:

  • Pablo Nerudas Austausch mit dem einfältigen Briefträger
  • des einfältigen Briefträgers Austausch mit seiner Angebeteten und deren Mutter
  • das politische Klima Chiles von der Wahl Salvador Allendes zum Präsidenten 1970 bis zu dessen Sturz am Beispiel der kleinen Insel Isla Negra

Skármeta schrieb zuerst das Drehbuch und verfilmte es – dann folgte die Romanfassung. Zur Zeit dieser Arbeiten lebte er in Deutschland. Nach Chiles Rückkehr zur Demokratie zog Skármeta wieder nach Chile, traf dann jedoch 2000 als chilenischer Botschafter wieder in Berlin ein.

Kritiken:

Deutschsprachige Literatur:

Die Geschichte die Skármeta erzählt, vermag zu gefallen und überzeugt mit ihrer Authentizität und Ehrlichkeit, doch irgendwie will während des Lesens keine richtige Spannung auf ((sic)). Das Werk ist eher eine Hommage an Neruda und an Chile, als dass es von einer spannenden und interessanten Handlung leben würde

Die Leselust:

Ich habe schon Bücher gelesen, die sprachlich sicherlich mehr zu bieten hatten, die vielleicht einen interessanteren, raffinierteren Plot hatten… Es ist einfach herzerwärmend, diese so ungleiche Freundschaft entstehen und wachsen zu sehen… neben all der Heiterkeit und dem Augenzwinkern bleibt die Realität nicht ausgesperrt. Eines dieser kleinen, feinen Bücher

Literarisches Quartett Tübingen:

Das Buch folgt sehr gradlinig einem verhältnismäßig schlichten Handlungsstrang, der von wenigen Personen ohne jede Doppelbödigkeit getragen wird. Vor diesem Hintergrund ist ein ganz und gar überzeugendes poetisches Werk entstanden, das Lesen zum Genuss macht


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