Rezension Büro-Roman: Wir waren unsterblich, von Joshua Ferris (2007, engl. Then We Came to the End) – 7 Sterne – mit int. Kritikerspiegel

Der Roman spielt in einer großen Werbeagentur in Chicago. Autor Joshua Ferris schreibt lakonisch-humorvoll vor allem über Bürotratsch, Bürokleinklein, Angst vor Kündigung und private Probleme.

Kaum Handlung, keine Hauptfigur:

Es gibt kaum eine Handlung, meist keine Hauptfigur – nur kleine Episoden, aus denen erst ab der Buchmitte zwei Personen etwas deutlicher hervortreten. So treibt das Buch dahin, jederzeit leicht lesbar, immer mild humorvoll, mit einem gewissen Weltschmerz, mit Ausnahme einer Episode nie spannend und doch schwer wegzulegen (ich kenne nur die englische Originalfassung, mit 385 luftig gesetzten Seiten).

Ferris tränkt seinen hochgelobten Roman mit lakonisch heiteren Vignetten aus dem Büroleben. Aber auch die Sorgen reißen nie ab: Entlassungen bedrohen jeden, mehrere Figuren ringen um ihre Gesundheit, dazu familiäre Probleme.

Büroleben:

Um Liebe oder Beziehungen geht es nur am Rand. Auch die besonderen Aufgaben einer Werbeagentur haben wenig Bedeutung: Ferris wählte die Werbebranche, um seine Figuren etwas kauziger zeichnen zu können – ansonsten passt die Handlung auch in eine Versicherung oder Verwaltung.

Der Roman spielt großteils 2001 – die Dotcom-Blase ist geplatzt, die Jobsicherheit weg. Ansonsten wirkt das Büroleben ungefähr wie heute (2015): Handys und E-Mail sind in Gebrauch; es gibt allerdings noch physische Buchläden, und gelayoutet wird noch mit Quark XPress. Ein kurzes Nachspiel siedelt im Jahr 2006.

Klatsch und Tratsch:

Die Werbemenschen sind besessen von Tratsch: unermüdlich diskutieren sie den neuesten in Türstöcken, am Pausensofa, am Kaffeeautomaten oder am Drucker. Wer was zuerst von wem wusste, interessiert sie dabei mehr als der eigentliche Inhalt des Gerüchts – Ferris übertreibt die Gier nach Klatsch deutlich.

Fast manisch wird auch diskutiert, welcher Stuhl in welches Zimmer gehört und welche Konsequenzen Abweichungen haben könnten. Über allem lastet immer die Angst vor Entlassungen, gesundheitlichem Absturz, teilweise auch Beziehungssorgen.

Parallelen:

Die obsessiv-absurden Bürodiskussionen und -wendungen erinnern an Erich Heller, nicht nur an das bekannte Catch-22, sondern vor allem an seinen Büroroman Was geschah mit Slocum, engl. Something Happend. Weitere Assoziationen:

  • Andere Büroromane wie Die Unperfekten, engl. The Imperfectionists von Tom Rachman und Gegen Ende des Morgens, engl. Towards the End of the Morning von Michael Frayn
  • Erneut Tom Rachman mit den Unperfekten, diesmal wegen der Entstehungsgeschichte: Rachman arbeitete in einer Redaktion und schrieb dann einen sehr erfolgreichen, humorvollen Erstlingsroman im Milieu seiner früheren Arbeit; Ferris arbeitete in einer Werbeagentur (während die Dotcomblase platzte) und schrieb dann ebenfalls einen sehr erfolgreichen, humorvollen Erstlingsroman im Milieu seiner früheren Arbeit (wobei Ferris stärker auf das Büroleben allgemein eingeht, während Rachman die Besonderheiten einer Redaktion hervorhebt)

Wir-Gefühl:

Ferris schreibt in der Wir-Form; wir lernen den Wir-Erzähler dabei nie namentlich kennen. Es gibt zunächst keine einzelne Identifikationsfigur, keinen durchgehenden Gedankenstrom.

Die Wir-Form schmilzt hier den Kern der Büroarbeiter noch enger als homogene Gruppe zusammen, ohne Individualität – ein diffuser Schwarm von Bürobienenarbeitern; das Wir klingt immer nach einer Gruppe und nicht wie ein Pluralis Majestatis, der abgehoben nur eine einzelne Person meint.

Perspektivwechsel:

Umso mehr verblüfft, wenn Ferris ab Seite 197 das Bürogebäude verlässt und 30 Seiten aus der Perspektive einer einzelnen Angestellten beschreibt – ihre Probleme in Gesundheit und Liebe. Weil der Roman auch vorher und nachher die Probleme dieser Frau wiederholt streift, ist sie vielleicht eine Art Hauptfigur. Noch später – als Ferris bereits wieder in der ersten Person Plural erzählt – wird es vorübergehend regelrecht dramatisch, ein zweiter Akteur erhält vorübergehend eine Hauptrolle.

Weil der Roman weitgehend in einer Büroflucht spielt und viele Dialoge enthält, eignet er sich gut als Theaterstück. Als Film würde er nicht taugen, denn ich habe irgendwo gelesen, dass Filme eine Handlung brauchen.

  • Deutsche und englische Wikipedia über Joshua Ferris jeweils mit interessanten Links

Deutsche Kritiken:

HansBlog.de:

Leicht lesbar, immer mild humorvoll, mit einem gewissen Weltschmerz, mit Ausnahme einer Episode nie spannend und doch schwer wegzulegen

Deutschlandfunk (Florian Felix Weyh):

Ein unterhaltsames 400-Seiten-Debüt im Büromilieu… literarisch innovativ… Die Chicagoer Werbeagentur ist ein zeitloses Universum, in dem sich Vor- und Rückblenden aneinander reihen, um in ein stillstehendes Flächengemälde aus dem Leben der Angestellten zu münden… ein völlig unzynisches Panorama menschlicher Schwächen, die doch auch ihre sympathischen Seiten haben können… Obwohl im Gewimmel der Personen die Individualitäten programmgemäß auf der Strecke bleiben, erhält der Leser doch genügend Material, um sich dem Geschehen mit Empathie nähern zu können

Die Welt (Alexander Gutzmer):

Ferris beschreibt die absurde Welt der Agenturen und Abteilungen: Intrigen, Lästereien, rührende Minirevolutionen… Leicht zu ertragen ist sein Buch nicht. Denn es sind verzweifelte Versuche, mit denen Angestellte ihre Selbstachtung bewahren wollen.

FM4/ORF (Marion Bacher):

Joshua Ferris ist ein Arbeitsroman in einer Werbeagentur fernab von grauen Anzügen und Schlips gelungen. Seine Kreativabteilung trägt Röcke von Hulu-Tänzerinnen, Hawaii-Hemden, Clownmasken oder Flipflops. Das ist nur ein Indiz dafür, wie Ferris‘ Charaktere ticken: schräg, quer, depressiv, durchgeknallt, manchmal sogar ziemlich ehrlich. „Wir waren unsterblich“ ist ein Roman über viele Einzelschicksale, die doch alle etwas miteinander zu tun haben. Und zum Schluss bleibt das Wir-Gefühl

Buchwurm.org (Maren Strauss):

Zugegebenermaßen stellt man sich ernsthaft die Frage, wie ein Autor für diesen Stoff beinahe 450 Seiten aufbringt. Das ist ja nicht unbedingt spannend, denkt man sich, und trotzdem fällt es schwer, den Roman aus der Hand zu legen… Außerdem bringt der Autor nicht auf Teufel komm raus einen Kalauer nach dem anderen, sondern lässt den Humor aus dem Zusammenspiel aus Personen und Ereignissen entstehen… Der Schreibstil ist entsprechend beinahe analytisch, chronistisch, ohne kühl zu wirken. Die Konzentration auf menschliche Schicksale und das Miteinander unter den Kollegen sorgt für eine angenehme, warme Atmosphäre… Wer es spannend und actionreich mag, wird wenig mit dem Roman anfangen können

myFanbase (Melanie Brandt):

Eine etwas andere Lektüre, die zunächst als nicht ganz ernst zu nehmende Bürosatire beginnt, dann jedoch tiefgründig und ernst wird…

Englische Kritiken:

The Observer/The Guardian (Rachel Aspden):

A brilliant description of office hell… Rugged founding heroes give way to polo-shirted drones; horizons shrink to the fibreboard walls of an office cubicle; and, in an attention-grabbing display of virtuosity, the reassuring omniscient narrator is replaced by a stressed-out, first-person plural…. stomach-turningly accurate

The Guardian (Carrie O’Grady, die auch weitere Büro- und Werberromane benennt):

Excellent… devoting the vast majority of its 385 pages to people who are fed up with advertising and spoiling for a chat. And chat they do… a hilarious collection of office gargoyles… It’s hard to work out, in the end, whether Ferris’s novel is funny or sad. It’s certainly absurd, and very entertaining… hums with the suppressed emotions of colleagues forced to interact professionally in an unnatural, stressful environment – anger, lust, envy, boredom, contempt, sometimes even love

New York Times (James Poniewozik):

Great-hearted and acidly funny… the collective voice is fitting for corporate employees, trained to work in teams, their groupthink honed in a million meetings, and the effect is chilling when the layoffs begin and the collective narrator is literally diminished… Ferris has a sixth sense for paranoia… a pretty good read on the beach. Particularly if you still have a job to vacation from

Oprah Magazine (Vince Passaro):

Wonderfully comic… unrelenting and brilliant sense of irony

Slate.com (Meghan O’Rourke, die auch weitere Büroromane benennt):

Ferris is interested in whether American workaholism – we work on average 300 hours more a year than the Germans do, for example – deforms not only our posture but our souls. Do we become who we work for? And does that matter?… ironized, meandering style… the employees at this agency salivate when they hear there are free bagels, argue over the rightful ownership of a coveted office chair… The book has its flaws—it’s far too long, for one thing

Kirkus Reviews (nennt auch weitere Büroromane):

Succeeds as both a wickedly incisive satire of office groupthink and a surprisingly moving meditation on mortality and the ties that band… After the breezy pacing of the opening chapters presents the cast as indiscriminately eccentric, the plot deepens and relationships become more complicated, with the individual eccentricities of the characters defining their humanity… the novel rarely ventures beyond the cubicle and the conference room, making Ferris’s ability to sustain narrative momentum all the more impressive

The New Yorker:

Brilliantly captures the fishbowl quality of contemporary office life… Although the novel is somewhat baggy, the narration (done in the technically challenging first-person collective) never falters, making this a masterwork of pitch and tone, in which individual characters are less important than the general mood of boredom leavened with camaraderie

Washington Post (James P. Othmer):

At times the characters suffer from an excess of eccentricities and tragedies large and small. But Ferris skillfully balances the comic with the authentic, the insightful with the absurd

Entertainment Weekly:

The flip side to Ferris’ cutting humor is an almost unremitting sadness: All the characters’ lives are bleak… While amusing, this juvenile sensibility wears thin at 387 pages — I would’ve enjoyed the novel a lot more had it been a hundred pages shorter

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