Rezension Biografie: The Other Barack – Obama’s Father, von Sally H. Jacobs (2011) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Video

Ex-US-Präsident Barack Obama sah seinen Vater gleichen Namens nur insgesamt einen Monat lang. Barack Obama d.Ä. war als Elite-Student in die USA gekommen und heiratete die Mutter des US-Präsidenten, um sie bald nach der Geburt des zukünftigen Präsidenten zu verlassen. Obamas Vater studierte dann in Harvard und ging später nach Kenia zurück – mit einer anderen weißen Frau. Aufgewachsen als intelligenter, mutiger Dorfjunge und Missionsschüler, hatte Vater Obama nun hohe Regierungsjobs, ruinierte sich jedoch mit Johnny Walker Black Label und vielen Frauen, die er gern auch schlug. Er war brillant, aber auch ein Großmaul, Rechthaber und Hochstapler, im Untertitel des Buchs wird er „bold and reckless“ genannt.

Wer mehr über den Vater des US-Präsidenten lesen will, ohne gleich eine ganze Biografie durchzuarbeiten, wird auch fündig in der Biografie über den US-Präsidenten selbst von David Maraniss, außerdem in Ein amerikanischer Traum/Dreams from My Father, den leicht fiktionalisierten Jugendmemoiren des Ex-Präsidenten. Aus diesem Buch entnimmt Jacobs Zitate des jugendlichen Obama senior, die sehr wohl erfunden sein könnten – doch darauf weist sie nicht hin.

Ebenso wie Maraniss schreibt auch Jacobs zunächst länger über den sehr eigenwilligen, ungewöhnlichen Großvater des US-Präsidenten, der teils für die Engländer arbeitete und einiges von den Weißen übernahm. In seiner Hütte hing ein Foto von weißen Frauen, so etwas hatte kaum jemand im Dorf gesehen – sein Sohn Barack d.Ä. heiratete später hintereinander zwei weiße Amerikanerinnen, zuvor und zuletzt jedoch Afrikanerinnen.

Jacobs schildert auch die Unruhen um die Unabhängigkeitsbewegung samt dem Mau-Mau-Aufstand. Für mein Empfinden klingt sie etwas zu journalistisch aufgesetzt, mit zu vielen dramatisierenden Adjektiven („churning waters“), manchmal irritierenden Rückblenden und gelegentlich überflüssig wiederholten Tatsachen.

Jacobs arbeitete beim Boston Globe. Obama-Biograf Maraniss kommt von der Washington Post und schreibt etwas besser lesbar; auch der Stil der New-York-Times-Reporterin Scott in ihrem Buch über die Präsidentenmutter (also vorübergehend die Frau von Obama d.Ä.) gefiel mir etwas besser als Sally H. Jacobs‘ Ton.

Jacobs liefert viele Hintergründe, so über Kenias Übergang in die Unabhängigkeit und über das wirtschaftswissenschaftliche Studium in Harvard Anfang der 1960er Jahre. Sie sprach mit vielen einstigen Obama-Bekannten vor allem in Boston und Nairobi (sie war fünfmal in Kenia). Trotz der zutiefst unsympathischen Hauptfigur ist die Geschichte interessant, weil sie in einer einzigartigen Zeit in zwei sehr unterschiedlichen Ländern, ja Welten spielt und sehr unterschiedliche Akteure verbindet. Der Ex-US-Präsident hat dabei nur eine winzige Rolle im Buch.

Sally Jacobs‘ Haupttext belegt 260 Seiten, dazu kommen 16 Seiten mit meist zwei Schwarzweißfotos auf normalem Textdruckpapier und etwa 40 Seiten Anhang mit Bibliografie und Fußnoten. Von Obamas dritter Frau, der Amerikanerin Ruth, die ihm nach Nairobi folgte, gibt es nur ein einziges, sehr steifes Atelierfoto aus dem Atelier (aber viele Zitate). Kein Stammbaum, keine Zeittafel, keine Landkarten.

Obamas letzte Frau, die viel jüngere Kenianerin Jael, erscheint gar nicht im Bild und ließ sich offenbar nicht interviewen. Einige interessante Figuren werden nicht über Obamas Tod hinaus verfolgt, so seine in Kenia lebende weiße Frau Ruth und seine erste, afrikanische, aber jetzt in London lebende Frau Kezia und seine Kinder einschl. US-Präsident. Etwas mehr erfährt man aus anderen Büchern der Obama-Kinder, etwa von Auma Obama, Mark Obama Ndesandjo (fiktionalisiert) und George Obama.

Pressestimmen:

David J. Garrow (Obama-Biograf) in der Washington Post:

…many notable revelations… richly sourced account of how a promising young adulthood quickly descended into daily alcoholic binges and serial domestic violence…

London Review of Books (bespricht auch das Buch über Obamas Mutter, A Singular Woman):

…the sad story of the president’s father. Despite occasionally pedestrian prose, the biography is unsparing in its detail and unsentimental in its judgments. Barack Obama Sr emerges as a minor tragic figure. He was smart, ambitious and eager to join the first generation of Kenyans to govern their country after the end of British rule. He was also afflicted by overweening arrogance, dogmatic certainty and a self-destructive fondness for Johnnie Walker Black…

The Telegraph:

…this almost unremittingly depressing book… Sally H Jacobs, a long-time Boston Globe reporter, has amassed much damning evidence, but she shies away from its almost inevitable conclusions. She seems to feel it is her duty to defend Obama Snr even while presenting the case against him… The book’s power to bewilder is enhanced by a huge cast of characters, and by the lack of a family tree. But there is much here that is new and startling. ((Obama senior)) would never have merited such attention if the son he never really knew (and who grew up to be everything he was not) had not attained the American presidency.

Kirkus Review:

A thorough study of a subject who is hard to pin down—a welcome, evenhanded addition to the lively literature surrounding President Obama’s genealogy

Newsweek:

Jacobs, a veteran reporter, spent two years and 75,000 miles of intercontinental travel… Jacobs doesn’t dwell on the differences between Obama Sr. and his son…

Boston.com:

Jacobs, a reporter at The Boston Globe, occasionally undermines her extensive reporting and strong narrative with unfortunate word choices – “tribal,’’ “colorful,’’ the “dark heart of the African interior’’ – that echo an earlier tradition of white writing about Africa. Still, she renders an Obama much more well-rounded and sympathetic than the figure found in his son’s autobiography, “Dreams From My Father.’’

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