Rezension Biografie: Some Sort of Epic Grandeur, The Life of F. Scott Fitzgerald, von Matthew J. Bruccoli (2002, Second Revised Edition) – 7 Sterne – mit Pressekommentaren

Autor Bruccoli (1938 bis 2008) galt zu Lebzeiten als bekanntester Fitzgerald-Gelehrter. Der Haupttext dieser Fitzgerald-Biografie hat gut 500 Seiten, auf eher großem Druckblatt und eher eng bedruckt, also viel Stoff. Dazu kommen rund 155 Seiten Vorwörter, Zeittafeln, Danksagungen und Anhänge wie Bibliografien, Anmerkungen, Stichwortverzeichnis und ein paar reproduzierte interne Aufzeichnungen Fitzgeralds, etwa seine Finanzen und ein Filmkonzept.

Fazit:

Bruccoli erzählt faktenreich und maximal dicht, schnörkellos und ohne ein überflüssiges Wort. Boulevard-Nachrichten über das exaltierte Leben der Fitzgeralds interessieren ihn nicht. Einige Dutzend Abbildungen sind interessant, aber enttäuschend schlecht gedruckt. Den Wahrheitsgehalt prüfen und Vergleiche zu anderen Biografien ziehen kann ich nicht.

Nüchterner Bericht:

F. Scott Fitzgerald hatte ein teils dramatisches, glamouröses und schon zu Lebzeiten vielgerühmtes Dichter- und Privatleben: die Jazz Age-Parties in New York, die exaltierte Frau, das süße Leben in Südfrankreich, Begegnungen mit Hemingway u.a., hochbezahlter Schreiber in Hollywood unter Irving Thalberg. Das malerische, literarisch gut verwertbare Treiben verarbeitete Fitzgerald nicht nur in seinen Romanen und Kurzgeschichten. Es erscheint auch in Romanen von anderen – fiktiven Biografien über Fitzgerald, so etwa in Stewart O‘ Nans Westlich des Sunset (über die letzten Jahre in Hollywood) und in mehreren Romanen über Amerikaner im Frankreich der 1920er Jahre wie Liza Klaussmanns Villa America.

Biograf Bruccoli (1931 – 2008) möchte seine Beschreibung indes nicht ausschmücken. Er erzählt strikt chronologisch und faktenorientiert, will die Schilderung nicht durch markante Details lebendiger machen:

  • Einmal berichtet Bruccoli zum Beispiel, dass Gerald Murphy miterlebte, wie Fitzgerald eine verworfene Romanfassung vernichtete – wie Fitzgerald dabei aber genauer vorging, sagt er nicht.
  • Als 17jähriger Soldat war Fitzgerald meist Opfer von Spott, doch einmal rettete er andere Soldaten vor dem Ertrinken; auch zu diesem dramatischen Ereignis sagt Bruccoli nichts weiter.
  • Zelda Fitzgeralds Selbstmordversuche, Fitzgeralds Konfrontation mit dem Ehemann einer Liebhaberin, so etwas vermeldet Bruccoli nur auf ein bis zwei Zeilen, es scheint dem Professor fast unangenehm.

Chronologie eines Buchhalters:

Bruccoli bemüht sich nie um Farbe, möchte nie die Vorstellung befeuern. Davon zeugen auch die vielen trockenen, unliterarischen Kapitelüberschriften. So schreibt Bruccoli in einem Vorwort:

My intention… was to focus on Fitzgerald as a writer by tracing the ontogeny of his major work while providing a detailed account of his career as a professional author… I do not practice psychiatry.

Fitzgeralds Karriere als Lebemann oder Schriftsteller-Model der Roaring Twenties interessiert Bruccoli also weniger. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von 2002 notiert Bruccoli indigniert, dass selbst bekannte Biografen Tatsachentreue für überschätzt und einschränkend halten. Bruccoli will dagegen über Fitzgerald, den er für einen der Größten erhält, nur verifizierte Fakten und sonst nichts wiedergeben. Fitzgeralds erste Erfahrungen mit Frauen, Sex und Alkohol hinterlassen praktisch keine Spuren in dem dicken Buch.

So entsteht ein nüchterner, etwas freudloser, mechanischer Ton, eine Reihung von Fakten ohne große Zusammenfassungen oder Übersichten – flüssig lesbar, hochkomprimiert ohne jede Blase, dezidiert unprätentiös. Die New York Times nannte Bruccoli treffend den „Fitzgerald record keeper“, also Buchhalter oder Verwalter, Gore Vidal schrieb von „scholar-squirrel“. Das verblüfft umso mehr, als Bruccoli in den zwei kurzen Vorworten beträchtlichen Witz und Formulierungsgabe offenbart.

Der sehr spröde, betont Boulevard-freie Bericht ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich kenne fast alles von Fitzgerald, halte aber nur Gatsby und einige Kurzgeschichten für wirklich gelungen. Ich finde Schriftsteller per se ohnehin zunächst langweilig, sofern sie nicht in interessanten Zeiten lebten und nicht nur am Schreibtisch oder in der Kneipe saßen. Mehr als Fitzgeralds geistige Entwicklung hatte mich sein glamouröses Leben interessiert, doch genau davon liefert Bruccoli nur das Nötigste.

Beginn mit Rückblende:

Nur dass Bruccoli seine dicke Biografie mit Fitzgeralds Todestag beginnt und dann erst die Kindheit beschreibt, hat einen literarischen Touch, wirkt aber wie eine nachträgliche Maßnahme. Der Kunstgriff gibt Bruccoli immerhin die Gelegenheit, über mehrere Seiten einen Nachruf der New York Times zu zitieren; der fasst Fitzgeralds Leben zwar gut zusammen, was sich am Buchanfang gut macht – enthält aber deutliche Fehler, die Bruccoli in Lauftext und Fußnoten korrigieren muss.

Bruccoli listet Fitzgeralds Dollar-Einnahmen akribisch auf, nennt aber zumeist keinen Kaufkraftvergleich für die heutige Zeit: angesichts anderer Steuersätze und der Verfügbarkeit von Haushaltshilfen sei ein Vergleich mit Heute nicht möglich (anders als die Engländer Biografin Mary S. Lovell oder Martin Gilbert, die für ihre englischen Akteure stets eine Kaufkrafttabelle der Bank of England heranziehen). Trotzdem erklärt Bruccoli auf Seite 188 ganz schnörkellos, dass Fitzgeralds 1923er-Einkommen von 36.000 US-Dollar einer Kaufkraft von 250.000 USD in 2002 entspricht. Mehrfach belegt Bruccoli, wie unterschiedlich die Erträge aus Kurzgeschichten einerseits und Romanen andererseits waren.

Lange Zitate:

Bruccoli zitiert oft über mehrere Seiten in besonders enger Schrift. So etwa Selbstrechtfertigungen Fitzgeralds und seiner Frau, die nicht unbedingt diese Länge verdienen – speziell Fitzgeralds nicht für die Veröffentlichung gedachten Texte enttäuschen (und Bruccoli gibt gnadenlos alle Schreibfehler wieder). Ein langer Dialog zwischen Scott und Zelda Fitzgerald, dokumentiert von einer Klinik, klingt sehr erbittert.

Mehrseitig bringt Bruccoli auch Fitzgeralds Verbesserungsvorschläge für frühe Hemingwaysche Romanfassungen und den frühen Brief eines Pastors zu einer Moskau-Mission, die nie zustande kam. Das ist eindeutig zu ausführlich. Im Anhang liefert Bruccoli auch entlegene Manuskriptschnipsel Fitzgeralds, ein Transkript seiner Ausgabenstatistik und eine Liste der wichtigen literarischen Neuerscheinungen zu Lebzeiten Fitzgeralds – Bücher, die er mutmaßlich oder sicher gelesen hat.

Urteile:

Ausführlich dokumentiert Bruccoli die Entstehung der Romane, besonders gründlich Gatsby mit einem Vergleich der ursprünglichen und der gedruckten Version und interessanten, frühen Anmerkungen des Lektors Perkins. Auch die Entstehung des Tycoon dokumentiert Bruccoli gründlich und zeigt auch ganzseitig Fitzgeralds getipptes Romankonzept (wieder sehr schlecht reproduziert). Über diese Bücher hat Bruccoli auch Monografien vorgelegt; seine Repros, Erläuterungen und Zitate zur Tycoon-Entstehung finden sich teils gleichlautend auch in Bruccolis Ausgabe von The Love of the Last Tycoon. Der Anhang der Biografie listet Dutzende Bruccoli-Bücher über Fitzgerald auf.

Der Entstehungsgeschichte folgen jeweils zeitgenössische Kritiken zu den Romanen, allerdings keine Einstufungen aus späteren Jahrzehnten (wohl auch, weil Bruccoli so streng chronologisch vorgeht; erst ganz am Buchende gibt es ein paar Absätze zur Nachwirkung). Der Biograf nennt auch die US-Bestseller in den Erscheinungsjahren der Fitzgeraldschen Romane – er war nie auf Platz 1, speziell Sinclair Lewis lief jeweils besser.

Bruccoli erwähnt die Entstehung wohl jeder Kurzgeschichte und jeden Artikels samt erstveröffentlichendem Magazin und oft mit Honorarangabe. Viele Kurzgeschichten bewertet Bruccoli mit einzelnen Adjektiven hoch lobend bis abschätzig.

Nach Fitzgeralds Tod wird Bruccoli überraschend wortkarg. Von Fitzgeralds Ehefrau Zelda gibt es noch ein paar Absätze, über die Tochter Scottie praktisch nichts mehr, obwohl sie noch Jahrzehnte lebte und offenbar mit Bruccoli gut bekannt war.

Ausstattung:

Meine Ausgabe der University of South Carolina („second revised edition, first printing“ 2002) liegt 966 Gramm schwer in der Hand und wiegt damit 300 Gramm mehr als meine Pen-Systemkamera mit hochwertigem 2,8er-Standardzoom. Das ist unbequem, und der Rücken des neu gekauften Buchs schneidet etwas in die Hand (andere Bücher sind aber noch schärfer geschnitten). Die Klebebindung wirkt stabil, allerdings fällt das Buch ausgesprochen leicht zu, man muss es permanent aufhalten. Das Papier fühlt sich angenehm an (nicht zu staubig, nicht zu glatt) und hat eine angenehme, feine Gelbtönung. Der Umschlag des Taschenbuchs wirkt abwaschbar.

Die Anmerkungen hinten im Buch enthalten weitestgehend reine Quellenangaben; Anmerkungen mit Hintergrundinformationen erscheinen direkt auf der jeweiligen Seite unten. Man muss hier also wirklich nicht nach hinten blättern.

Abbildungen:

Einige Dutzend Schwarzweißabbildungen erscheinen direkt auf dem ungestrichenen Textdruckpapier, oft eine halbe bis ganze Seite hoch – nicht nur historische Fotos, sondern auch Repros aus Fitzgeralds Notizbüchern („Ledger“) und Gemälde, die seine Frau produzierte. Die Abbildungen sind unnötig grob gerastert (wie selbstgemacht in Photoshop), so dass der gezeigt Text teils nicht mehr entzifferbar ist – bei besserem und drucktechnisch noch möglichem Raster könnte man ihn lesen. Zudem erscheinen die meisten Bilder zu dunkel. Bei einigen Abbildungen fehlt jede Zeitangabe, sogar eine Circa-Angabe.

Einen eigenen Bildteil auf gestrichenem Kunstdruckpapier gibt es nicht. Noch mehr Bilder und Material zeigt der von Bruccoli und Fitzgeralds Tochter herausgegebene Band The Romantic Egoists: A Pictorial Autobiography from the Scrapbooks and Albums of F. Scott and Zelda Fitzgerald.

Kritikerstimme – die Urteile schwanken dramatisch:

Christian Science Monitor:

Andrew Turnbull’s 1962 biography, firsthand and affectionate, was sketchy on the Hollywood years. Now, with Bruccoli’s work, the record is complete. We learn what Fitzgerald was paid for every one of his 160 magazine stories… Bruccoli does not attempt his own psychiatric interpretations of Fitzgerald. Despite his use of certain rather odd-sounding words like “intra-psychic,“ “ontogeny“ and “echolalia,“ his whole approach is that of a researcher, with more than a touch of the pedant and a perfectly controlled admiration for Fitzgerald as a writer… Despite his professed admiration, the biographer maintains an admirable restraint… well told… beautifully documented

Newsweek (zitiert von Washington Post):

By amassing more facts than anyone else has done, Bruccoli manages to dispel a great many misconceptions attending the Fitzgerald legend, Bruccoli brings Fitzgerald vividly alive: ambitious and desperate, self-destructive, yet essentially decent.

New Criterion:

Huge but unreadable… Bruccoli has the instinct of a collector but no literary taste and seems to publish two or three books a year on Fitzgerald, and to him we owe every last laundry list of the novelist that has found its way into print.

H. Martin auf Amazon.com:

His writing reminds me of a grad school teacher I had who was too close to his obsession to teach the material in a very interesting way at all. If you’re looking for a bio that has all the minutia of FSF’s life, this is it. If you’re looking for a compelling and selective narrative, not so much.

The American Scholar:

In 1981, Scottie ((F.s Tochter)) edited Matt Bruccoli’s biography of her father, Some Sort of Epic Grandeur. (She suggested some elegant improvements in his manuscript. Where Matt had written that “the people who had to handle a drunken Fitzgerald usually forgave his misconduct,” Scottie added the next sentence: “Talent and charm, perhaps unfortunately for him, usually pulled him out of the social morasses he created for himself.”)

7 Books:

You won’t find any better accounts on Fitzgerald than Bruccoli’s opus.  A meticulously researched, brilliantly-executed piece of scholarly non-fiction, it includes every recoverable detail on Fitzgerald… This book is the first book you should read when considering doing research on Fitzgerald.  It is not only a wonderful resource, it is very easy to read and organized very well.

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