Rezension Biografie: Magellan, Der Mann und seine Tat, von Stefan Zweig (1937) – 6 Sterne – mit Vergleich


Stefan Zweig schreibt wortreich, blumig, altbacken, oft auch pathetisch tremolierend bis heillos over the top – mit reichlich Postponieren, rhetorischen Fragen, Adjektivkaskaden, erregten Parenthesen, Perfektpartizipien ohne Hilfsverb und muffigem Dativ-e („auf zermorschtem Schiffe“, S. 10). Zwar klingt die Sprache nie langweilig, nie schwach, der Wortschatz ist reich zumal bei Nautischem, die Geschichte bleibt meist spannend; aber Zweig (1881 – 1942) dramatisiert unentwegt, drängt mit Ungeduld des Herzens (der Ausdruck fällt im Magellanbuch), bauscht auf, echauffiert sich ohne Furcht vor Stilblüten – wie ein bemühter Onkel, der ein quengelndes Kind verzweifelt bespaßen will.

Junior dürfte sich allerdings kaum amüsieren über ganze Zeilen auf Spanisch, Portugiesisch und Italienisch, die Zweig unübersetzt einstreut (u.a. S. 196 in meiner Fischer-TB-Ausgabe). Ein andermal sagt er, das zitierte spanische Original klinge „zu grotesk schwülstig, um wörtlich übersetzt zu werden“ (S.169), darum liefere er auf Deutsch nur gerafft den Sinn. Auch gezierte lateinische Ausdrücke wie ipsis oculis kredenzt Zweig regelmäßig, ebenso kaum kommentierte Verweise auf griechische Sagen, Tragödien, Shakespeare und Wagner.

Menscheninsekt:

Meine Ausgabe hat gelegentliche Grammatikfehler in komplexeren Konstruktionen sowie ein paar sinnentstellende Vertipper (u.a. „entbehrt“ statt „entehrt“). Südamerikaner und Asiaten beschreibt Zweig immer wieder sehr abfällig. Damit will er sicher auch das selbstherrliche Denken der europäischen Entdecker darstellen.

Unangenehm klingt es trotzdem, u.a. bei der Beschreibung des Magellan-Bezwingers Lapu-Lapu: „…ein lächerliches Menscheninsekt… jene jämmerlichen Wilden“ (S.238f) oder bei Magellans malaiischem Sklaven Enrique: „…mit der Treue eines dumpfen Tierwesens… tierhaft treuen Diener“ (S. 243). Eine vergleichbare Darstellung der Europäer aus südamerikanischer oder asiatischer Perspektive bringt Zweig generell nicht.

Zweig betont immer wieder Magellans Weitsichtigkeit bei Planung seiner Reise und Umgang mit fremden Machthabern. Er stellt auch Magellans (1480 – 1521) relative Friedfertigkeit heraus, die positiv mit der Brutalität von „Schlächtern“ wie Cortez oder Pizarro kontrastiere. Wiederholt betont Zweig Parallelen im Schicksal von Magellan und Francis Drake.

Schnelle Arbeit:

Die Idee zu dieser Seefahrerbiografie kam Stefan Zweig auf einer Schiffsreise 1936 von England nach Brasilien. Obwohl Zweig sich auch um andere Bücher und um seine Scheidung kümmerte, war der Magellan-Band schon im Frühjahr 1937 grob fertig, wie wir dem informativen Nachwort von Knut Beck entnehmen. Das Fischer-TB zeigt zudem zahlreiche historische Grafiken auf Fotodruckpapier sowie Zeittafel, Material- und Kostenlisten und Verträge – allerdings keine heutige Landkarte mit Magellans letzter Route (die gibt’s bei der deutschen und (etwas klarer) bei der englischen Wikipedia) und kein Literaturverzeichnis.

Offenbar reiste Zweig nicht an die Schauplätze, er erzählt Magellans Geschichte nach der Sekundärliteratur und besorgte sich dafür auch Druckfahnen noch nicht erschienener Werke. Zweig zitiert gelegentlich Magellans treu ergebenen Begleiter und Blogger Pigafetta, besonders ausführlich und ohne Gegendarstellung bei Magellans Tod.

Dabei fiktionionalisiert Zweig nicht, er erfindet also keine Dialoge. Aber Wetter und Leben auf Schiffen und an fremden Orten malt Zweig sehr lebendig aus, ebenso vermutete Empfindungen wie Demütigung, Entscheidungskonflikt oder Entdeckerlust.

Das erste Kapitel  beschreibt ausschließlich die Ausgangslage: Europas Hunger nach Gewürzen, erste koloniale Abenteuer Portugals und Spaniens. Magellans Leben vor der entscheidenden letzten, geplant weltumrundenden Reise schildert Zweig knapp, aber eindrucksvoll. Gefühlt drei Viertel des Buchs handeln von der letzten Fahrt, die über Südamerika auf die Molukken und rund um die Welt zurück nach Spanien führen soll; dabei belegen Vorbereitungen und Hofintrigen einigen Raum. Die letzten 50 Seiten behandeln die Rückreise ab den Philippinen und knapp den Empfang in Sevilla.

Vergleiche mit anderen Magellan-Biografien:

  • Stefan Zweigs Magellan-Biografie klingt romanhaft, Tim Joyner wie ein nicht sehr gut organisierter Professor. Tim Joyner bringt mehr Abbildungen als die Magellan-Biografen Stefan Zweig und Lawrence Bergreen, vor allem zum Schiffsbau, und einige sehr grobe Landkarten. Joyner liefert mehr allgemeine Hintergründe, die nichts mit Magellan zu tun haben, er zeigt mehr Abbildungen und Karten, die Karten sind allerdings äußerst schlicht. Er schildert auch mehr maritime und geografische Details, v.a. aus der Magellanstraße. Er erzählt aber vor allem bis zum Beginn der Seereise konfus. Zweigs Magellan-Biografie inspirierte Tim Joyner einst zu seinem eigenen Magellan-Buch, doch er urteilt über Zweig: „a highly romanticized psycho-biography… not suitable for historical study„.
  • Laurence Bergreen bringt anders als Zweig interessante Details aus Magellans Jugend und erwähnt einen Bruder des Magellan-Kartographen Faleiro, der bei Zweig nicht erscheint (Bergreen vergisst den Bruder jedoch zwischenzeitlich). Umgekehrt erzählt Zweig aufschlussreiche, längere Szenen aus Magellans früheren Asien-Reisen, die Bergreen völlig übergeht. Bergreen erzählt viel zeitgeschichtlich allgemein, lässt dabei aber auch Fragen offen. In seinen umfangreichen Literaturhinweisen erwähnt Bergreen Zweig offenbar nicht ein einziges Mal.

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