Rezension Biografie: Der Unvollendete, Das Leben des Joschka Fischer, von Geis/Ulrich (2002) – 7 Sterne

Dies ist keine Biografie, keine politisch-historische Erkundung, auch kein Psychogramm (mit Ausnahme der letzten etwa fünf Seiten). Es ist eher politisches Feuilleton oder der lange Leitartikel zu einem Fischer-Gedenktag. Nebenbei ist es auch ein Bildband: fast jede Doppelseite zeigt eine halbe Seite Joschka Fischer in gut gedrucktem Schwarzweiß, und überall ist er ein cooler Hund, ob verwegen mit Bomberjacke und Fluppe oder staatstragend in Nadelstreifen. Ähnlich wie Pepe Danquarts Fischer-Film ist das also kein kritisches Werk.

Die Buchautoren, zwei Hauptstadtjournalisten, zeichnen Geschichte elegant mit breitem Strich; sie scheuen das Klein-Klein, Endnoten und Archivgewühl. Sie interessieren sich für die großen Linien, analysieren Trends. Der Ton ist nonchalant-feuilletonistisch. Kostprobe von S. 33 der Hardcover-Ausgabe:

So lief… im Sound der Revolte immer eine kaum hörbare bürgerliche Tonspur mit.

Oder S. 56 über Fischers Wandlungsfähigkeit:

…in Israel wachsen ihm, wenn er nicht achtgibt, Schläfenlocken.

Zum Feuilletonismus gehört, dass die Autoren öfter „heute“ u.ä. schreiben (u.a. S. 98, 134, 223, 232) – der Leser muss sich jedesmal erinnern, wann das Buch erschien, nämlich 2002. (Man könnte auch so texten, dass solche Irritationen ausbleiben, aber daran denken die meisten Biografen nicht.)

Auch die großen, stimmungsvollen SW-Fotos in der Hardcover-Ausgabe unterstreichen den eher lässigen Eindruck des Buchs. Der Unterschied zu einer faktensatten, quellenreichen, tiefschürfenden Biografie wie Hans-Peter Schwarz‘ Helmut-Kohl-Buch könnte nicht größer sein: Von Hintergrundgesprächen der Autoren mit allerlei Zeitzeugen ist wenig zu ahnen (außer mit Fischer selbst) und es gibt auch kaum reportage-artige Details (die zweite Buchhälfte hat ansatzweise mehr davon, vor allem der Teil zu Fischers Ministerzeit). Neue Enthüllungen fehlen scheint’s (mit der Ausnahme, dass Guido Westerwelle offenbar einen Außenminischer Fischer in einer sozialliberalen Koalition akzeptiert hätte, S. 217). Der Anhang belegt in diesem Buch genau eine Seite – der Bildquellennachweis. Bibliografie, Quellenangaben, Zeittafel, Stammbaum etc. fehlen.

Details übergehen die Autoren: wann Fischers erste Frau abhandenkam, was er in den allerersten Frankfurter Jahren arbeitete (Taxi? Antiquariat?), nichts Genaues dazu. Auch seine legendären Parlamentsreden zitieren die Autoren kaum. Wir erfahren knapp, dass Fischer seit 1985 fast jährlich ein oft erfolgreiches Buch schrieb, doch selbst eine Titelliste verweigern die Autoren (zwei Titel nennen sie auf Seite 155). Dass Fischer Kinder hat, hört man erst kurz vor Ende auf S. 198 (weil er sie in einem politischen Gespräch erwähnt). Die „vierte Ehefrau“ bekommt ein paar Zeilen mehr.

Aber formuliert wird allemal elegant.

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